ZEIT ONLINE: Die FDP-Politikerin Dagmar Döring hat auf ihre Bundestagskandidatur verzichtet, weil sie im Alter von 19 Jahren einen Aufsatz geschrieben hat, der Sex mit Kindern rechtfertigt. Neben den Grünen wollte offensichtlich auch die damalige FDP-Jugend pädosexuelle Handlungen legalisieren. Haben um 1980 breite Bevölkerungsgruppen daran geglaubt, dass das in Ordnung sei?

Sophie Dannenberg: Diese Haltung war offensichtlich nicht nur die Verirrung eines kleinen Zirkels. Pädophilie wurde in den achtziger Jahren oft gleichgesetzt mit anderen Spielarten der Sexualität unter Erwachsenen und weder von Homosexualität noch von Heterosexualität unterschieden. Es gab bei uns zu Hause ein grundsätzlich gut gemachtes, medizinisches Aufklärungsbuch Die Sexualität des Menschen, herausgegeben von E.J. Häberle, bis heute ein Standardwerk. Auch darin stand in einem Kapitel, dass Pädophilie etwas Positives und ganz Normales sei und Kindern keineswegs schade. Der Skandal ist gar nicht so sehr, wer alles die Pädophilie unterstützt hat. Der Skandal ist, dass es so lange gedauert hat, bis sexuelle Handlungen mit Kindern als Skandal angesehen wurden.

ZEIT ONLINE: Wie konnte es zu diesen Überzeugungen kommen?

Dannenberg: Die theoretischen Grundlagen muss man lange vor der sexuellen Revolution von 1968 suchen. Schon Freud hat den basalen Fehler begangen, von frühkindlicher Sexualität zu sprechen. Seine These war ja, das Kind begehre den gegengeschlechtlichen Elternteil und die Verdrängung dieses inzestuösen Wunsches führe zu Neurosen. Daraus lässt sich leicht folgern, dass man ein Kind aktiv vor dieser Verdrängung bewahren müsse, indem man seine "Sexualität" entsprechend bejahe und fördere. Wilhelm Reich schrieb später, autoritäre Triebunterdrückung führe zu Faschismus. Theorien wie diese haben zu Missverständnissen geführt, die schließlich in der Aussage münden konnten: Pädophilie ist befreite Sexualität und damit befreite Gesellschaft. Vielleicht sollten wir endlich überdenken, ob man die kindliche Neugier und Körperlust überhaupt mit dem Begriff Sexualität belegen sollte.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich war Sexualität lange ein Tabuthema. Onanie war verboten zum Beispiel.

Dannenberg: Tabus und Verbote machen Sexualität natürlich auch spannend, aber diese Dialektik wurde 1968 nicht goutiert. Und viele Eltern wollten ihren Kindern ganz einfach eine körperfreundliche Entwicklung ermöglichen und sind dabei in den Sog dieser Theorien geraten. Man kann diese Leute nicht entschuldigen, aber man muss verstehen, dass sie von einem alles umfassenden Zeitgeist vergiftet worden sind.