"Papa, ist das vegan?", fragt Siri, als sie mit großen Augen den Kuchenberg auf dem Sommerfest-Buffet im Kindergarten sieht. "Das Brot da kannst du vielleicht essen", sage ich – und zücke unsere Tupperdose mit Brownies, frei von Milch und Ei. Siri freut sich, sie ist es gewohnt, dass sie auswärts ihre Extrawurst bekommt.

Fleisch, Milch und Eier kennt meine Mittlere nur vom Hören und Sehen. Schuld ist der Yoga-Workshop, den ich meiner Frau vor vier Jahren zum Geburtstag geschenkt habe. Die Gurus aus New York zeigten Schockvideos der Tierschutzorganisation Peta. Die Botschaft: Nur ein veganer Yogi ist ein guter Yogi. Und weil der Herd mein Revier ist und ich keine Lust hatte, doppelt zu kochen, stellte ich von einem Tag auf den anderen auf rein pflanzliche Kost um.

Die ersten Wochen waren hart. Ich verbrachte Stunden im Supermarkt, studierte die Inhaltsangaben von Broten, Ketchups, Bratlingen, Schokoladen. Checkte Veganforen im Internet: Welche Sojasahne lässt sich am besten aufschlagen? Und welche Laugenbrötchen sind denn nun wirklich nicht mit Ei bestrichen? Mittlerweile spare ich viel Zeit: Kilometerlange Gänge im Supermarkt kann ich links liegen lassen: Fleischtheke, Milchprodukte, Fertigpizzen. Auch das Quengeln bei den Süßigkeiten ist schnell erstickt: Sorry Kinder, leider nicht vegan.

Den Aufschrei im Kindergarten höre ich wie heute: "Vegan für Kinder?", gellte die Stimme eines besorgten Vaters durch den Flur. "Man sollte das Jugendamt informieren!" Ich war noch Jungveganer, das Sendungsbewusstsein prall, und hatte gerade eine Liste aufgehängt: Wer fände es gut, wenn die Kita zum Mittagessen kein Fleisch mehr bestellt? Und wer würde sogar vegane Kost begrüßen? Eine ganze Weile wurde ich von manchen Eltern kaum noch gegrüßt.

Unsere Große, sonst sehr beliebt, bekam nur noch selten Einladungen zu Kindergeburtstagen. "Geburtstag ohne Kuchen – das wäre doch traurig!", teilte mir eine Mutter mit. Die ersten Jahre kam es vor, dass sie auf Feiern auch nach "normalem" Gebäck griff oder zur Pizza mit Käse. Sie dürfte das auch heute noch, macht es aber einfach nicht mehr. Mittlerweile hat sich auch rumgesprochen, dass sogar Schwarzwälder Kirschtorte rein pflanzlich gelingt. Außerdem fragen wir bei jeder Einladung, ob wir etwas mitgeben sollen. Die Erleichterung ist meist groß. Denn nach Gummibärchen ohne Knochenmehl muss man schon suchen.

Synthetiktreter von H&M

Genau wie nach haltbaren Schuhen ohne Leder. Oder nach warmen Wollstrümpfen ohne Wolle vom Tier. Karla ist schon acht, großgewachsen und modisch interessiert. Wahrscheinlich würden ihr die Kollektionen von Veggie-Designerin Stella McCartney zusagen. Aber weil das ganze Haushaltsgeld schon für teures Lupineneis und Geschnetzeltes aus Seitan statt Pute draufgeht, weichen wir auf Synthetiktreter von H&M aus. Oder kaufen gebraucht vom Flohmarkt – vielleicht ein fauler Kompromiss: einerseits Tierhaut, andererseits zu schade zum Wegschmeißen.

Was das Essen angeht, sind wir konsequent. Und verlangen unseren Kindern damit einiges ab, genau wie ihrem kopfschüttelnden Umfeld. Die Schulkantine bietet zwar vegetarisch, laktosefrei, halal und koscher an, aber vegane Kost ist nicht vorgesehen. Dabei müsste man bei der Tomatensoße nur die fette Sahne weglassen. Endlose Telefonate mit den Diät-Köchinnen haben wenig genutzt. Am Ende haben wir zig Unverträglichkeiten angekreuzt, damit pure Pflanzenkost auf dem Teller landet. Die Karla allerdings fast nie isst: Zu Klopsen geformte Sägespäne mit Tapetenkleister (offiziell: Maisbratlinge mit Reismilch-Kartoffelbrei) sind der kulinarische Höhepunkt des auf "Kinderessen mit viel Milch" spezialisierten Caterers.