Eltern : Lieber Helikopter-Papi als Sonntags-Vati

Mütter stehen ständig am Pranger. Väter neuerdings auch. In unserer Gesellschaft sind überbehütende Eltern aber immer noch ein geringeres Problem als abwesende Väter.

Dass Mütter für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht werden, ist nichts Neues. Der Begriff der Rabenmutter wurde im Mittelalter von Vogelbeobachtungen abgeleitet und in einen Volksglauben umgemünzt. Heinrich Heine wandte den Begriff später auf sein Vaterland an: "Wir, ich meine Deutschland, die alte Rabenmutter ...". Die Gluckenmutter wird auch schon im Grimmschen Wörterbuch beschrieben. 

Nun ist mit den "Helikopter-Eltern" ein Begriff en vogue gekommen, der die Väter in die Täterschaft einschließt. Kaum hat die erste Generation von Vätern es geschafft, sich zwei Monate Elternzeit freizuschaufeln und die eigene Karriere nicht immer habituell über die Interessen der Familie zu stellen, da wird ihnen schon vorgeworfen, zu viel für den lieben Nachwuchs zu tun.

Sie fahren die Söhne zum Fußball und die Töchter zum Ballett! Und sie machen Hausarbeiten mit ihnen, weil sie Sorge haben, die Kinder könnten den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen! Kaum haben sie nicht mehr ihre eigene Karriere im Sinn, da treibt sie die Karriere ihrer Kinder um. So viel Engagement muss wirklich angeprangert werden: gestern noch "abwesender Vater" oder "Sonntagspapi", heute schon paritätischer Bestandteil der geschmähten Helikopter-Eltern. Die Realität sieht zum Glück anders aus: Die überwältigende Mehrzahl der Kinder fühlt sich wohl bei den Eltern. Das zeigen mehrere Studien.

Außerdem wurde in vielen Studien, unter anderem in Wenn der Vater fehlt bestätigt, dass Kinder, deren Väter lange arbeiten und wenig Zeit für sie haben, Schaden nehmen – vor allem die Jungen. Kinder, die mit einem häufig abwesenden Vater aufwuchsen, leiden im späteren Leben deutlich häufiger an psychischen und psychosomatischen Störungen oder Beziehungsschwierigkeiten. Depressionen, Angststörungen oder aggressives Verhalten treffen dann besonders männliche Jugendliche und erwachsene Männer.

Aus anderen Befragungen geht hervor, dass die heute zwischen 35- bis 55-Jährigen in ihrer Kindheit und Jugend in ihrer überwältigen Mehrheit ihren Vater sehr vermisst haben. Es ist die Generation, die heute vornehmlich die Geschicke des Landes steuert. Die Generation davor traf es sowieso: 25 Prozent der Kriegskinder wurden ohne Vater groß, weil er im Krieg gefallen war, vermisst wurde oder lange in Kriegsgefangenschaft war. In unserer Gesellschaft sind helikopternde Eltern immer noch ein geringeres Problem als abwesende Eltern, vor allem abwesende Väter.

Die Journalistin Ingrid Kloepfer schreibt in der FAZ zu recht, dass die in den Medien omnipräsente Elternverunsicherung für florierende Geschäfte sorgt und letztendlich gewünscht ist. Schließlich hängt eine ganze Branche vom Verunsicherungsgrad der Eltern ab. Selbstbewusste Eltern kaufen keine Ratgeber, buchen keine Elternkurse, tappen nicht mit ihrem Nachwuchs zum Kinderpsychologen.

Das Feindbild Eltern lebt von der Übertreibung

Hinzu kommt, dass hochgepäppelte Feindbilder von der Übertreibung leben. Der Pädagoge Josef Kraus hat soeben einen Ratgeber mit dem Titel Helikopter-Eltern: Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung geschrieben. Doch er selbst stellt fest, dass auf nur 10-15 Prozent der Eltern der Vorwurf der Überfürsorglichkeit zuträfe. Ebenso viele Eltern vernachlässigen ihre Kinder. Die große Mitte macht, nach Meinung des Pädagogen, alles ziemlich richtig. Wozu dann die Panikmache?

Überdies werden in den vielen Artikeln über das angeblich grassierende Phänomen der Helikopter-Eltern gesellschaftliche Veränderungen falsch begründet: So wird die Tatsache, dass 1970 noch 91 Prozent der Schulkinder allein zur Schule gingen, hingegen heute jedes zweite Kind begleitet wird, lediglich auf die Angst der Eltern zurückgeführt. Es kann aber viel einfachere Erklärungen geben. Denn heute – fast 45 Jahre später – besitzen viele Familien ein oder zwei Autos und Mütter sind seltener Hausfrauen. Beide Eltern legen lange Wege zur Arbeit zurück und setzen ihr Kind dann eben morgens auf dem Weg an der Schule ab.

Gern wird auch der Mobilitätsradius der Kinder bemüht. Der lag im Jahr 1925 bei 6,5 Kilometer pro Kind, im Jahr 2000 aber nur noch bei rund 100 Metern. Doch worauf lassen sich solche komplexen soziologischen Veränderungen zurückführen? Nur auf Helikopter-Eltern? Das glauben vielleicht Ratgeber-Autoren, aber nicht die Wissenschaftler. Im Jahr 1925 lebte ein viel größerer Teil der deutschen Bevölkerung auf dem Land, die Gesellschaft bestand zu gut 25 Prozent aus Bauern. Heute machen die Landwirte nur noch 3 Prozent der Bevölkerung aus. Mit dem Verlust dörflicher Strukturen wurde auch der Mobilitätsradius von Kindern verringert.

Wer weiß, wer den Begriff Helikopter-Eltern in zwanzig Jahren noch kennt. Waren das die Väter, die mit ihren Söhnen zusammen Luftsprünge machten? Sicher ist: Josef Kraus’ Buch über die Helikopter-Eltern wird erst mal ein Bestseller.

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Kommentare

71 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Enttäuschend

Genau das ist ja das Problem! Männer sollten dafür kämpfen, dass sie mehr in der Familie zu sagen haben. Sie brauchen mehr Rechte und sollten auch ihre Pflichten erkennen. Tun aber viel zu wenige. Wie sie sagen: Sie sind in Familien benachteiligt. Früher war das ein Vorteil: Bei einer Scheidung stand die Frau da mit Kindern und ohne Geld.

Heute sehen Männer ne Menge Rechte aber wenig Pflichten und erst recht keine Erfüllung in Familienarbeit. Darum kämpfen auch kaum welche dafür. Das ist eine Schande, aber damit hat der Feminismus nichts zu tun. im Gegenteil, es waren Feministen, die sagten: Hier, nehm du mal, ich muss arbeiten!