Bildung"Begeisterung soll das Kind leiten"

Wir setzen zu sehr auf kognitive Fertigkeiten, findet Kinderarzt Herbert Renz-Polster: Kinder sollen sich in der Natur ihre fundamentalen Kompetenzen aneignen. Ein Interview von 

ZEIT ONLINE: Herr Renz-Polster, in Ihrem gerade erschienenen Buch sagen Sie, Kinder brauchen die Natur als Entwicklungsraum. Warum? Mussten die Kinder damals nicht nur raus in die Kälte, weil die Mütter sie los werden wollten?

Herbert Renz-Polster: Ja, oft ist Nostalgie im Spiel, wenn die Menschen von ihrer Kindheit im Freien schwärmen. Ich nehme einen weniger romantischen Blickwinkel ein. Es geht mir nicht um den freien Himmel an sich. Es gibt genügend Plätze, wo vielleicht Natur drauf steht, aber nicht drin ist. Schauen Sie bloß mal manche dieser Spielplätze an.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Wo erleben Kinder das, was sie brauchen?

Herbert Renz-Polster
Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und forscht am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Gemeinsam mit dem Neurobiologen Gerald Hüther hat er ein Buch im Beltz-Verlag veröffentlicht: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum.

Renz-Polster: Die Natur, die ich meine, bietet Raum für vier Elemente, die ich für entscheidend halte, damit sich Kinder gut entwickeln: Freiheit, Widerständigkeit, Verbundenheit und Unmittelbarkeit. Das heißt, Kinder können dort selbst gestalten und experimentieren, und zwar ohne bildungsrelevante Vorgaben und Spielzeuge von Eltern oder Erziehern. Sie erleben Abenteuer. Dabei lernen sie, mit dem Scheitern klarzukommen und Hindernisse zu überwinden. Außerdem verhandeln sie beständig mit den anderen Kindern, was sie tun wollen und wie sie das erreichen können.


ZEIT ONLINE: Warum können sie das nicht zum Beispiel mit einem Wissenschaftsexperiment oder einem guten Computerspiel?


Renz-Polster: Der Kindheit kommt ein Geschäftszweck zu, der in keiner anderen Lebensphase nachgeholt werden kann. Kinder müssen ihre fundamentalen Lebenskompetenzen aufbauen: sich selbst in den Griff bekommen, mit anderen Menschen klarkommen, bei Widerständen nicht gleich aufgeben. Ein solches Fundament kann kein Erwachsener mit noch so hochwertigen didaktischen Spielen und Bilderbüchern legen. Die Kinder müssen sich das selbst erobern, ohne Vorgaben und in einer nicht strukturierten Umgebung. Nur so landen sie immer wieder in dieser wunderbaren Kribbelzone, in die es sie ja geradezu magisch zieht. Wenn sie einen Baum hochklettern, dann klettern sie immer so weit, wie sie es gerade schaffen. Das nächste Mal gehen sie dann weiter zum nächsthöheren Ast. Und so machen sie es auch in sozialer Hinsicht. Die Herausforderung müssen sie selbst bestimmen. Wir aber setzen auf kognitive Fertigkeiten, ohne die Kinder vorher ihre fundamentale Entwicklungsaufgaben erledigen zu lassen. Das ist, als würden wir an einem Haus erst Erkerchen und die Fassade bauen, ohne ein Fundament gelegt zu haben.


ZEIT ONLINE: Was fehlt den Kindern später, wenn sie nicht in dieser Weise frei spielen?
 


Renz-Polster: Vielleicht sind manche Kinder ja wirklich erfolgreicher, wenn sie ausschließlich nach einem kognitiven Förderkonzept erzogen werden. Aber was genau ist eigentlich Erfolg? Meine Sorge ist, dass manchen Kindern später wesentliche Kompetenzen in emotionalen und sozialen Bereichen fehlen, dass sie in schwierigen Situationen ängstlich und überfordert sind. Oder dass sie sich einseitige Ziele setzen. Das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Denn wir können schon jetzt eine Elite beobachten, die zwar gut funktioniert, aber sehr individualistisch ist. Sie versagt, wenn es um gemeinschaftliche Verantwortung geht. 


Leserkommentare
  1. mit einem Schuss Hüther...jetzt bitte nicht beleidigt sein liebe ZO

  2. 2. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

  3. "Es geht immer weniger um die Beziehungen, und immer mehr um wirtschaftlich verwertbare Kompetenzen". 


    Das kann ich so unterschreiben.
    Wenn ich meine Schulzeit, mit der aktuellen Schule meiner Kinder vergleiche, habe ich als sehr leistungsorientierte Mensch doch große Bedenken und sehe die Entwicklung sehr kritisch. Man gewinnt schon den Eindruck Schule soll heute in möglichst kurzer Zeiit den ökonomisch perfekten, jungen Menschen "produzieren. Da ist kein Platz mehr für von eine gewissse Lockerheit, Freiräume, natürliche Neugier usw. Wenn ich sehe, welcher Formalismus und welche Ansprüche in diversen Schulfächern gestellt werden, habe ich Zweifel, ob ich die Schule heute nochmal so schaffen würde. Muss denn heute jeder Schüler perfekt bis zur letzten grammatikalischen Nuance 2-3 Fremdsprachen können?

    Und Spielen und Natur. Selbst da lassen wir den Kundern keine Freiräume und Gesaltungsmöglichkeiten mehr. Heute wird alles geplant, optimiert kontrolliert und gelenkt . So geht man, weil es pädagogisch und motorisch natürlich so wertvoll ist, gerne m 2 mal jährlich in den (Wald) klettergarten. Besser wäre es m.E. die Kids einfach alleine auf der nächsten Obstbaumwiese auf Bäume klettern zu lassen, so denn sie es wollen. Aber ohne Anleitung und Zeitpan und Daueraufsicht. Solche Beispiele ließen sich forstetzen...

    4 Leserempfehlungen
  4. Meine Kindheit hat sich zu großen Teilen draußen abgespielt, und ich bin zutiefst dankbar dafür, denn ich habe das als eine unschätzbar wichtige Anregung erlebt, als unendliches Experimentierfeld, indem man als kleiner Mensch seine Träume ausleben und in Matsch und Modder auch mal richtig unbrav sein darf... ja, und Musik ist auch gut, gerade, wenn man ein Instrument lernt, das man meist mit anderen spielt - so lange es vor allem um den Spaß geht!
    Meine Zustimmung, Herr Renz-Polster!

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Noch heute im fortgeschrittenen Alter erinnere ich die Glücks- und Erfolgsgefühle, hervorgerufen durch die Spiele im Garten und in Feldern und Wiesen der Umgebung.
    Matsch, Lehm und Modder spielten da eine große Rolle, weil sie der Kreativität Tür und Tor öffneten.
    Unsere Mutter schickte uns allerdings - zumindest hat sie es so begründet - täglich mehrere Stunden hinaus, weil sie der Überzeugung war, dass Kinder frische Luft und Bewegung draußen brauchen.
    Dass wir ihr dabei ebenso ein paar Stunden "aus den Füßen waren", war sicher ein ihr angenehmer Nebeneffekt.

  5. Noch heute im fortgeschrittenen Alter erinnere ich die Glücks- und Erfolgsgefühle, hervorgerufen durch die Spiele im Garten und in Feldern und Wiesen der Umgebung.
    Matsch, Lehm und Modder spielten da eine große Rolle, weil sie der Kreativität Tür und Tor öffneten.
    Unsere Mutter schickte uns allerdings - zumindest hat sie es so begründet - täglich mehrere Stunden hinaus, weil sie der Überzeugung war, dass Kinder frische Luft und Bewegung draußen brauchen.
    Dass wir ihr dabei ebenso ein paar Stunden "aus den Füßen waren", war sicher ein ihr angenehmer Nebeneffekt.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Aus Erfahrung gut!"
  6. "ZEIT ONLINE: Geht das? Ein Musikinstrument lernen ganz ohne Druck und Zielvorgaben? "

    Natürlich geht das, viel besser sogar. Druck ist kontraproduktiv und fliegt einem auf irgendeine Weise irgendwann wieder um die Ohren. Man kann versuchen Begeisterung zu erzeugen, aber nur durch Angebote, nie durch Druck und Zielvorgaben. Die Frage des Zeit- Redakteurs offenbart einen erschütternden Blick auf ein Menschenbild, das nur unnötiges Leid in die Welt bringt. Traurig, dass es sowas überhaupt noch gibt, aber vielleicht war die Frage ja stellvertretend gestellt. Seinen Kindern, so vorhanden, ist es zu wünschen.

    Unsere Tochter kam mit 16 von einer Schulveranstaltung und erzählte mit leuchtenden Augen, wie toll sie das Schlagzeug fand. Heute, sieben Jahre später, trommelt die Sachen, die trommeln ihr nicht viele nach. Ich hätte mich lächerlich gemacht mit Druck und Zielvorgaben.

    3 Leserempfehlungen
  7. hier aufzeigt nur also Provokation dienen soll, so ist es doch traurig und erschreckend, dass es Eltern gibt, die so mit ihren Kindern umgehen. Das was Herr Renz-Polster erzählt sollte das normalste der Welt sein und die Kinder die so eine Kindheit nicht erleben tun mir wirklich leid, auch wenn sie im Erwachsenenleben bessere Chancen auf einen Job haben sollten.

    Kinder die in ihrer Freizeit nur vorm Fernseher, der Spielekonsole oder dem Smartphone sitzen, möglichst zweisprachig in der Kita aufwachsen usw. kann (darf) nicht das Ziel unserer Gesellschaft sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Computerspiel | Beziehung | Erwachsene | Kindertagesstätte | Musikinstrument | Natur
Service