Eine Karriere malt der naive Lebensplaner am liebsten in einer aufsteigenden Linie – immer voran und immer nach oben. Naiv deshalb, weil das Bild aus der Zeit stammt, als der Mann Karriere machte und die Frau bei den Kindern zu Hause blieb. O.k., ein dreijähriger Elternknick in der Linie geht inzwischen meist durch, wenn Mutter oder Vater danach so tut, als zähle wieder nur die Karriere.

Entsprechend ist bisher die Elternzeit gestaltet: Bis das Kind 14 Monate alt ist, gibt es Elterngeld. Bis es drei ist, währt die Elternzeit. Mama (oder sogar Papa) darf währenddessen schon in Teilzeit arbeiten und ist danach wieder voll da.

Im echten Leben bedeutet das, dass sich manche Mutter unter enormen Stress setzt, um dem gerecht zu werden. Oder sie malt sich lieber ein weniger geradliniges Bild und nimmt ihr Recht auf Teilzeit in Anspruch, arbeitet also auch nach der Elternzeit nur 15, 20 oder 30 Stunden – das ist jetzt schon möglich. Nicht garantiert aber ist bislang das Recht, anschließend wieder in den Vollzeit-Job zurückzukehren. Karriere? Vorbei. Und noch schlimmer: Frauen haben ein besonders hohes Risiko, arm zu sein, wenn sie alleinerziehend sind oder später, wenn sie nur eine magere Rente bekommen.

Deshalb ist es richtig, dass SPD und Union Eltern nun erlauben, flexibler zu arbeiten. In der Koalitionsvereinbarung soll stehen, dass Menschen das Recht haben, Teilzeitarbeit befristet zu vereinbaren, wenn sie sich um Kinder oder auch pflegebedürftige Familienangehörige kümmern. Sie sollen einen Rechtsanspruch darauf bekommen, danach wieder voll zu arbeiten. Eltern sollen außerdem ihre Elternzeit flexibler planen dürfen. Bisher durften sie zwölf Monate der drei Elternzeitjahre bis zum achten Lebensjahr des Kindes nehmen. Jetzt können Mütter und Väter 24 Monate bis zum vierzehnten Lebensjahr des Kindes schieben.

Arbeitgeber müssen sich an kurvige Lebensläufe gewöhnen

Die Richtung ist sehr gut. Familien entwickeln sich nämlich eher in Wellen als in gerade aufsteigenden Linien. Und zudem viel langsamer und individueller, als ihnen der Staat Elterngeld und Elternzeit gewährt. Zwar stimmt grundsätzlich: Je älter das Kind ist, umso weniger braucht es Mama und Papa. Aber Dreijährige neun bis zehn Stunden im Kindergarten und bei Babysittern unterzubringen, fühlt sich für viele Eltern nicht gut an oder ist gar nicht zu organisieren. Außerdem ist manches Kind mit fünf zwar schon ganz groß, braucht aber wieder ganz viel Elternnähe, wenn es in die Grundschule kommt oder aufs Gymnasium. Und wieder ein anderes macht eine große Krise am Anfang der Pubertät durch.

Interessant wird, wie Mütter und Väter ihr neues Recht nutzen und wie weit es wirkt. Werden sich Mütter unter Druck fühlen, schnell wieder Vollzeit zu arbeiten, weil Teilzeitangestellte nun erst recht keine Chance bekommen? Oder werden sich Arbeitgeber auf kurvige Lebensläufe einstellen? Werden sie lernen, mit der Unsicherheit zu leben, weil Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren und wieder erhöhen dürfen? Dann gäbe es vielleicht sogar eine Chance auf eine kinder- und familienfreundlichere Gesellschaft.