ZEIT ONLINE: Frau Andresen, hat sich seit der ersten World-Vision-Studie im Jahr 2007 die Sicht der sechs- bis elfjährigen Kinder auf ihre Welt verändert?

Sabine Andresen: Eine Tendenz ist, dass Kinder zunehmend Ganztagsschulen besuchen. Dadurch verändert sich natürlich auch ihre Freizeit. Mütter arbeiten außerdem inzwischen häufiger. Auffällig ist leider auch, dass sich noch immer ein Fünftel der Kinder abgehängt fühlt, nicht nur was den Besitz von Spielsachen und Kleidung angeht. Trotz Bildungspaket und Ganztagsschule sind sie seltener im Sportverein oder lernen ein Musikinstrument, machen kaum Ausflüge am Wochenende und fühlen sich weniger wohl zu Hause und in der Schule. Dafür sitzen sie häufiger vor dem Fernseher oder Computer. Gerade die jüngeren Kinder in prekären Lebenslagen haben weniger Zugang zu einer guten Freizeitgestaltung. 

ZEIT ONLINE: Wie gut können Kinder einschätzen, wie arm sie sind?

Andresen: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder ein gutes Gespür dafür haben, um was sie ihre Eltern am Ende des Monats noch bitten können. Wir haben ihre Antworten mit denen aus einem Fragebogen für die Eltern zu ihrer sozioökonomischen Situation verglichen und die Ergebnisse decken sich. Wir haben Kinder gefragt, welchen Mangel sie erleben: Wird der Kindergeburtstag gefeiert? Fahren sie mindestens eine Woche im Jahr in den Urlaub? Sind sie Mitglied in einem Verein?

ZEIT ONLINE: Sie haben diesmal auch einen Schwerpunkt darauf gelegt, wie gerecht sich Kinder behandelt fühlen. Empfinden arme Kinder auch mehr Ungerechtigkeit?

Ungerechtigkeit durch große Familien und Armut

Andresen: Ja, die überwiegende Mehrheit der Kinder fühlt sich zwar nie (56 Prozent) oder nur manchmal benachteiligt (34 Prozent). Es gibt aber zwei Gruppen, die sich häufig ungerecht behandelt fühlen: Kinder mit prekärem sozialem Hintergrund und Kinder mit drei oder mehr Geschwistern. Außerdem gibt es auch noch spezifische Erfahrungen: Mädchen fühlen sich wegen ihres Aussehens öfter benachteiligt als Jungen beispielsweise.

Kinder beanspruchen Gerechtigkeit jedoch nicht nur für sich selbst, sie wollen auch, dass andere Kinder zum Beispiel genauso viele Süßigkeiten haben sollen wie sie selbst und gleich behandelt werden. Sie haben auch ein großes Gespür für Gruppen, beklagen es, wenn arme Menschen benachteiligt werden.

ZEIT ONLINE: Die Ganztagsschule soll ja unter anderem für mehr Gerechtigkeit sorgen, also armen Kindern bessere Chancen bieten. Aber Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich Kinder aus Unterschichtsfamilien auch in der Schule unwohler fühlen als andere.

Andresen: Ja, wir haben nicht nach der Zufriedenheit mit den eigenen Leistungen gefragt, sondern mit der Schulkultur. Werden die Kinder in Entscheidungen einbezogen? Können sie sich beschweren und mitbestimmen? Wie ist die Klassenkultur? Besonders Kinder aus prekären Familien fühlen sich nicht eingebunden. Allerdings haben insgesamt nur etwas mehr als 30 Prozent aller befragten Kinder das Gefühl, dass ihre Meinung in der Schule wertgeschätzt wird. Viele Kinder wünschen sich auch, dass anders damit umgegangen wird, wenn sie oder andere Fehler machen.