Sigmar Gabriel ist ein toller Mann. Vizekanzler, Wirtschaftsminister, Retter der SPD – und jetzt auch noch Vorzeigepapa. Er hat angekündigt, trotz des stressigen Regierungsamts weiterhin jeden Mittwoch seine Tochter aus der Kita abholen zu wollen. Einmal die Woche sei er dran, weil seine Frau ja auch berufstätig sei, sagte Gabriel der Bild-Zeitung.

So soll es sein, oder? Gerade mächtige Männer müssen zu Vorbildern werden und zeigen, dass es geht, Familie und Beruf zu verbinden. Dass sowohl Männer als auch Frauen Karriere machen können und dass sie sich trotzdem gleichberechtigt um Kinder kümmern. Hat Gabriel also genau das richtige Signal gesetzt?

Leider taugt der Vizekanzler nicht zum Vorzeigepapa. Als Gabriel im Sommer 2012, damals "nur" SPD-Chef, drei Monate öffentlichkeitswirksame Elternzeit nahm, wurde schon überliefert, dass er aus Goslar eigentlich genauso oft den SPD-Kollegen in die Arbeit funkte wie sonst.

Jetzt sind seine Aufgaben noch größer, noch wichtiger. Wie soll der Vizekanzler es schaffen, jeden Mittwochnachmittag für seine Tochter zu reservieren? Fährt er von Berlin ins mehr als 200 Kilometer entfernte Goslar, wo die Familie Gabriel lebt? Und selbst wenn er das schafft: Wird er 15 Mal hintereinander Connie geht schwimmen vorlesen und mit Marie stundenlang im Schwimmbecken planschen? Oder wird er nur schnell "Mariechen abfüttern" können, wie er damals twitterte – und dann doch nur den Laptop und das Smartphone liebkosen?  

Egal ob Mann oder Frau, wer in Deutschland die wirklich mächtigen Positionen besetzt, arbeitet bis zum Schlafengehen, nur mit Beckenbruch auch mal von zu Hause. Sonst kann er oder sie sich in seiner Führungsposition nicht lange halten.

Teilzeitmacht gibt es (noch) nicht. Was Gabriel – vielleicht unbewusst – signalisiert, ist leider eben nicht: Kinder und Karriere lassen sich vereinbaren. Sondern: Kinder lassen sich nebenbei erledigen.  

Los, Männer und Frauen, arbeitet bis zum Umfallen und sorgt dafür, dass die Kitas bis Mitternacht geöffnet sind – oder verdient halt so viel, dass eine Kinderfrau das Kümmern übernimmt. Und fürs gute Gewissen: Holt den Nachwuchs halbwegs regelmäßig von der Kita ab.

Das ist übrigens ein Signal, das man zurzeit etwas abgemildert überall hört: Vor einigen Jahren fühlten sich Mütter noch schlecht, wenn sie nicht die ersten drei Lebensjahre ganz beim Kind blieben – das waren die Zeiten der Rabenmutterdebatte. Jetzt ist die Erwartung umgekehrt und genauso absurd: Nur wer bald nach der Geburt wieder von früh bis spät arbeitet, ist cool.

Die Sehnsucht der meisten Mütter und Väter mit kleinen Kindern ist aber eine andere: Zeit haben für die Familie und trotzdem einen verantwortungsvollen Job machen dürfen. Wollte Gabriel dieses Lebensmodell ermutigen, es müssten sich zwei oder drei SPD-Politiker den Posten des Wirtschaftsministers und Vizekanzlers teilen.

Macht teilen wäre ein echtes Signal. Es ist aber eine schwierige Übung. Daher werden es sicher nicht die Mächtigsten im Land sein, die damit beginnen.