Wenn meine Freunde erfahren, dass ich früher Mormone war, weiß ich schon, was ich zu hören bekomme: "Und? Hast du mehrere Frauen?" Eine Weile habe ich mit "Klar doch!" geantwortet, bis mir meine Freundin unmissverständlich deutlich machte: Das ist weniger lustig, als ich dachte.

Seither erkläre ich lieber, das mit der Polygamie bei den Mormonen sei schon ewig her. Damals führte es beinahe zum Krieg mit der Bundesregierung, bis man vernünftigerweise 1890 beschloss, klein beizugeben. Seitdem ist Polygamie auch für Mormonen verboten, dafür gehört Utah zu den USA – das war eine Bedingung des Eintritts in den Staatenbund.

Doch einige Dickköpfe – Männer wie Frauen – praktizieren noch heute aus voller Überzeugung die biblische Praxis der Polygamie. Sie haben dafür eigens religiöse Splittergruppen gegründet. Den meisten Mormonen ist das peinlich und sie verlangen am lautesten danach, dem Treiben dieser Verrückten endlich ein Ende zu setzen. Normalerweise sage ich mit ihnen: "Eine Schande ist das!" Doch seit Kurzem bin ich da nicht mehr so sicher. Nach mehr als 120 Jahren nämlich hat nun ein illegaler Polygamist namens Kody Brown in Utah den Mumm gehabt, gegen das Polygamie-Verbot zu klagen. Und hat so eine überraschende Entscheidung erzwungen.

Brown ist treuer Ehemann vierer Frauen, liebevoller Vater von 17 Kindern und Mitglied der Apostolic United Brethren Church, die Polygamie praktiziert. Nicht nur das: Irgendwie findet er auch noch die Zeit, in der Reality-Show Sister Wives die männliche Hauptrolle zu spielen. Manche Männer schaffen aber auch wirklich alles!

Jubelnde Konkubinen

Herausgefordert von Brown, entschied dann im Dezember ein Bundesrichter, das Verbot gegen Polygamie sei in jetziger Form verfassungswidrig. Sein Urteil betraf die cohabitation, also die Gesetze, die vorschreiben, dass man keine andauernden sexuellen Beziehungen zu mehreren Partnern parallel zueinander pflegen darf. Das ginge nicht, meinte der Richter schweren Herzens: Der Staat darf dem Einzelnen nicht vorschreiben, in wessen oder in wie viele Betten er hüpft. Heerscharen amerikanischer Polygamisten – und vermutlich noch mehr amerikanische Konkubinen – jubelten.

Das bedeutet aber nicht, dass Polygamie offiziell erlaubt ist. Das Gesetz, dass dem Einzelnen verbietet, mehr als einen gültigen Trauschein zu besitzen, gilt weiterhin. Solange der Polygamist seine Ehefrauen zwei bis 10 nur kirchlich heiratet und nicht staatlich, hat alles seine Ordnung. Um sich abzusichern, müssen seine Zusatzfrauen eben private Verträge mit ihm abschließen, basta.

Wieder einmal steht Amerika aber vor einem schwierigen Problem: Wie fortschrittlich wollen wir wirklich sein?