Nicola Schmidt ist freiberufliche Journalistin und Mutter von zwei Kindern. Als ihre Tochter geboren wurde, war schnell klar, dass sie weiter arbeiten wollte. "Natürlich hätte ich mit dem Baby zu Hause am Küchentisch vor mich hin werkeln und zwischendurch Wäsche waschen und Windeln wechseln können." Aber daheim gab es zu viel Ablenkung und zu wenig Kontakt zu Kollegen. Deshalb versuchte sie, sich in ein Gemeinschaftsbüro einzukaufen – in Berlin eigentlich kein Problem.

Immerhin gibt in der Hauptstadt mittlerweile 83 sogenannte Coworking-Spaces, deutschlandweit sind es 250. Ein Paradies für Freiberufler wie Grafiker, Programmierer, Designer, Übersetzer, Journalisten und Blogger. Für durchschnittlich 19 Euro pro Tag bieten sie flexible Arbeitsplätze mit WLAN, Meetingräume und Café – aber eben keine Wickeltische. "Als meine künftigen Coworker hörten, dass ich mein Kind mitbringen würde, habe ich sofort eine Absage kassiert", erzählt Nicola Schmidt.

Gemeinsam mit drei anderen Müttern mietete sie deshalb kurzerhand selbst Büroräume an. Die Idee: Im Gemeinschaftsbüro gibt es immer jemanden, der sich ums Kind kümmert, wenn gerade das Telefon klingelt, und eine Kaffeeküche, um zwischendurch ein Schwätzchen zu halten. "Wir brachten also unsere Laptops und unsere Kinder mit und legten los."

Arbeiten mit Kind am Rockzipfel

Etwa 200 Kilometer weiter östlich, in Leipzig, hatte eine andere Mama die gleiche Idee. "Ich hatte zwei Kleinkinder und wollte arbeiten. Fremdbetreuung für meinen Kleinen kam noch nicht infrage. Ich wollte gerne erleben, wie unsere Kinder aufwachsen und sie dabei begleiten. Andererseits mochte ich aber auch nicht den ganzen Tag Lego spielen", sagt Johanna Gundermann. Von ihrer Idee bis zum funktionierenden Eltern-Kind Büro dauerte es zwei Jahre. Geeignete Räume mussten angemietet, Mitstreiter und Betreuungspersonen mussten gefunden werden. Heute gilt das Rockzipfel-Leipzig als Mutter aller Coworking-Spaces für Eltern.

Auf 160 Quadratmetern im Westen Leipzigs arbeiten und spielen regelmäßig neun Eltern mit ihren Kindern. Die Kinderbetreuung übernehmen Freiwillige aus aller Welt, die Gundermann über Portale wie workaway.info findet. "Sie spielen mit den Kindern im Lautbereich, während wir Eltern im Leisebereich arbeiten. Die Kinder können aber jederzeit zu ihren Eltern kommen. Und beim gemeinsamen Mittagessen, Wickeln und so weiter kümmern wir uns selbst um unsere Kinder. Das klappt sehr gut", erzählt Gloria Pirjol, eine Mutter, die im Rockzipfel gearbeitet hat.

Bürokratische Hürden

Nicola Schmidts Eltern-Kind-Büro in Berlin funktionierte nicht ganz so reibungslos. Anders als im Rockzipfel wollten sich hier die Mütter abwechselnd um ihre Kinder kümmern. "Wir haben unterschätzt, dass wir wirklich nur für sehr kurze Zeit konzentriert arbeiten konnten. Denn Kinder sind natürlich nicht "wartungsfrei". Was uns fehlte, war eine feste Betreuungsperson, die sich in unseren Büroräumen um die Kinder kümmert, sodass wir nur im Notfall einspringen müssen."

Eine Babysitterin zu engagieren, die im Büro die Kinder versorgt, war nicht so einfach. "In dem Moment, in dem sich eine fremde Person um die Kinder kümmert, steht das Jugendamt vor der Tür. Denn wenn die Person nicht mit den Kindern verwandt ist, muss sie eine Tagespflegeausbildung haben. Außerdem müssen die Räumlichkeiten bestimmte Anforderungen erfüllen. Die bürokratischen Hürden waren enorm."

Kita mit angeschlossenem Büro

Das hat auch Laure Mitéro erfahren. Die junge Französin kam mit ihrem Lebensgefährten nach Hannover – und suchte verzweifelt einen Betreuungsplatz für ihr Kind. "Es war ein Schock, dass ich als Mama zu Hause bleiben sollte und nicht arbeiten konnte." Also nahm sie die Sache selbst in die Hand. Sie ließ sich zur Tagesmutter ausbilden und suchte geeignete Räume. "Ich habe in dieser Zeit viel über deutsche Bürokratie gelernt", sagt Mitéro und lacht. Heute kümmert sie sich gemeinsam mit zwei Erzieherinnen um zehn Kinder. Coworkind ist eine ganz normale Kita – allerdings mit flexiblen Betreuungszeiten und einem angeschlossenen Büro für die Eltern. "Meine Eltern schätzen vor allen Dingen, dass sie in Ruhe arbeiten können und keine Abhol- und Bringzeiten haben."
Anders als im Rockzipfel sind Kinder und Eltern bei Coworkind streng getrennt. Das 15 Quadratmeter große Büro erreicht man durch die Hintertür. Die Kinder wissen nicht, dass ihre Eltern im Nebenraum sitzen und arbeiten. "Sonst wäre konzentriertes Arbeiten gar nicht möglich", sagt Laure Mitéro. Die Finanzierung für die Kinderbetreuung übernimmt übrigens die Stadt Hannover. Die Eltern müssen lediglich die Elternbeiträge zahlen – und 50 Euro extra für die Nutzung des Büros.

Wieder anders funktioniert Coworking mit Kind bei Allynet in München. Hier sind Kinder willkommen, es gibt einen Spielraum mit Büro, der gebucht werden kann – flexibel mit oder ohne Kinderbetreuung.