Glaubt man der Forschungsliteratur, so hat es mein Freund in unserer Patchworkfamilie am schwersten. Seine Position lässt sich mit der des Klassen-Außenseiters vergleichen, der konsequent ignoriert wird und dann auch noch beleidigt ist, weil ihm niemand zuhört.

Bei uns zeigte sich das, nachdem wir zusammengezogen waren. Da kritisierte er immer öfter meinen Erziehungsstil. Dabei wollte ich nur in Ruhe meine Schuldgefühle den armen Trennungskindern gegenüber abbauen, indem ich zum Beispiel sorgfältig die Rinde von ihren Schulbroten entfernte, um ihnen das Abbeißen zu erleichtern. Mein Freund sah darin die Gefahr, dass sie sich zu unselbstständigen Weicheiern entwickeln. Er fing an, mir auf den Wecker zu gehen. Die Patchwork-Forschung nennt das "übersteigerte Konfliktwahrnehmung". Ich fand, dass er endlich selbst zum ersten Mal Vater werden musste, damit er begriff, warum man all diese nicht nachvollziehbaren Dinge tut. So entstand Jenny, das Patchworkkind.

Ein Patchworkkind ist für mich ein Kind, das in eine bereits vorhandene Pachworkstruktur hineingeboren wird. Einem Zootier vergleichbar, entwickelt es aufgrund des speziellen Umfeldes einige Besonderheiten, die ich hier notieren möchte, wobei ich mich auf drei Beispiele beschränke:

  • "Papa!" riefen Jennys ältere Halbgeschwister und warfen sich meinem Ex-Mann in die Arme, wenn der in der Tür auftauchte. "Papa!" rief die zweijährige Jenny begeistert, rannte zur Tür und warf sich hinterher. Der einzige, der darüber nicht lachen konnte, war mein Freund (Außenseiter!), obwohl es sich hierbei doch nur um ein besonders schönes Beispiel dafür handelte, wie stark wir Menschen durch Nachahmung lernen.
  • Meine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt selbstverständlich den Trennungskindern. Jenny hat ja im Gegensatz zu ihnen das Glück, dass ihre Eltern noch zusammen sind. Aber zwischen ihrem 2. und 3. Lebensjahr ließ sie mich nur dann in Ruhe, wenn sie auf YouTube die amerikanische Zeichentrickserie Phineas und Ferb schauen durfte. Phineas und Ferb sind zwei genialische Brüder mit einer nervigen Schwester, die Candace heißt. Will Candace ihre Brüder verpetzen, schreit sie mit fieser Quäkstimme: "Muhum!?" Genauso nennt mich Jenny.  Nicht Mami, Mama oder wenigstens Mutti, sondern "Muhum!?" Im Kinderladen wurde ich schon häufig gefragt, wie es dazu kommt. Ich tue dann so, als wüsste ich es nicht, denn ich höre die kritischen Mütter schon weiterfragen: "Findest du es richtig, dass sich Jenny mit der ungeliebten Schwester eines Brüderpaares identifiziert, das von seiner Mutter konsequent bevorzugt wird?
  •  Mit ihren fünf Jahren hat Jenny den Collagen-Charakter der postmodernen Familie bereits voll verinnerlicht. Für sie gehört jeder irgendwie dazu. "Ich habe einen Vater und einen Stiefvater", sinnierte sie vor Kurzem. "So? Wer ist denn dein Stiefvater?" fragte ich, inständig hoffend, dass sie nicht meinen Ex-Mann damit meinte und entsprechend groß war meine Erleichterung, als sie antwortete: "Jesus."

Neulich war ich eine Woche lang verreist. Die Trennungskinder erzählten, dass mein Freund sie in dieser Zeit total verwöhnt und ihnen die Brotdosen vollgepackt habe mit Schnitten, Schnitten ohne Rinde. Darauf angesprochen, sagte er: "Ich habe eben gemerkt, dass ich morgens am liebsten frisch abgeschnittene Brotrinde esse." Typisch Mann, dieser Hang zur Letztbegründung, dieses Festkrallen am Kausalzusammenhang. Trotzdem zeigte mir die Bemerkung, dass er die Dialektik von Konsequenz und Inkonsequenz, von Weichei und Arnold Schwarzenegger begriffen hat. Jetzt ist er einer von uns. Jetzt ist er ein guter Patchwork-Vater.