Zu meinem Vater hatte ich seit meiner Geburt nur sporadisch Kontakt und irgendwann gar keinen mehr. Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, war ich ungefähr sechs. Aber dann, vor ungefähr drei Jahren, habe ich ihn in der Tram gesehen. Ich besitze Fotos von ihm, deshalb habe ihn sofort erkannt. Und weil ich weiß, wo er wohnt, und er an der entsprechenden Haltestelle ausgestiegen ist.

Ich bin damals weitergefahren. Heute ärgere ich mich, dass ich ihn nicht angesprochen habe. Aber was hätte ich sagen sollen? "Entschuldigung, Sie sind doch mein Vater, oder?"

Die Fakten sprechen nicht gerade dafür, dass mein Vater mich unbedingt kennenlernen will. Trotzdem werde ich die Überzeugung nicht los, dass er etwas verpasst. Und zwar mehr als ich. Ich werde heute, mit 25, nicht mehr anfangen, einen mir völlig fremden Mann "Papa" zu nennen und mit ihm in den Zoo gehen. Er könnte mir nicht mehr geben, was ich als Kind nicht von ihm bekommen habe. Meinen Männerkomplex muss ich ohne ihn lösen.

Was erwarte ich mir dann eigentlich? Wenn mich jemand fragt, ob ich meinen Vater vermisse, sage ich: "Nein, ich kenne ihn ja nicht." Und doch würde ich ihn gerne mal treffen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt keine Vorstellung davon, wie eine Begegnung mit ihm ablaufen würde. Worüber würden wir reden? Darüber, was wir die letzten 20 Jahre gemacht haben? Würden wir uns zur Begrüßung die Hand geben? Würde ich ihn überhaupt mögen oder wäre ich sogar enttäuscht? Ich weiß es nicht.

Ist es nicht mein Recht, meinen Vater zu kennen und eine Meinung über ihn zu haben? Ist es nicht mein Recht, dass er mich kennt? Bin ich nicht jemand, auf den man stolz sein kann? Und ist er nicht vielleicht jemand, dessen Rat ich schätzen würde?

Ist es nicht auch egoistisch, der eigenen Verwandtschaft ein Kind vorzuenthalten? Vielleicht habe ich eine Oma, die gerne Kontakt mit mir hätte, vielleicht auch einen Onkel, eine Cousine, vielleicht sogar eine Schwester. Nicht mal das weiß ich.

Manchmal gehen Wege auseinander, und das ist auch gut so. Aber manchmal ist es schade, dass es so ist. Und ich glaube, es kann sich lohnen, auseinandergegangene Wege nochmal zurückzugehen. Einfach nur um sicher zu sein, dass man nicht etwas vergessen hat. Jeder sollte zumindest die Möglichkeit bekommen, eine so wichtige Person wie die eigene Tochter oder den Vater kennenzulernen.

Falls ich meinen Vater noch einmal in der Tram sehe, dann steige ich mit ihm aus. Ich werde ihn nach dem Weg fragen, nach der Straße, in der er wohnt. Ich werde ein paar Meter mit ihm gehen. Den Rest überlege ich mir dann.