Anfang des Jahres haben Anke und Camillo Helene ihr eigenes Bett sowie das ihres 16 Monate alten Sohnes Noah aus der Wohnung verbannt und durch ein Familienbett ersetzt. Es ist zwei Meter breit und soll für die drei Familienmitglieder reichen. Für wie lange? Das bestimmt Noah. Überhaupt hat der kleine Noah mit den roten Haaren, kristallblauen Augen und weißen Speckärmchen sehr viel zu entscheiden. Etwa, wie lange Anke ihn noch stillen wird, oder ob er lieber im Tuch durch die Stadt getragen werden oder doch selbst laufen möchte.

Der Trend, dem die junge Familie aus dem hessischen Darmstadt folgt, nennt sich attachment parenting. Erziehung, so die Idee, soll dann besonders erfolgreich sein, wenn die Eltern eine möglichst starke Bindung zu ihren Kindern aufbauen, indem sie sich nach deren Bedürfnissen richten. Ihr Begründer war der amerikanische Kinderarzt und achtfache Vater William Sears.

Die Idee ist zwar nicht neu, aber als Bewegung ist attachment parenting in Deutschland noch relativ jung. Ihre Anhänger – vor allem Mütter – sind in allen sozialen Medien sowie in zahlreichen Foren und Blogs aktiv. Auch Helene erzählt seit ein paar Wochen auf ihrer eigenen Website von ihrem Leben mit Noah, teilt Gedanken und gibt Tipps für Produkte, Rezepte und Literatur.

Wer sich durch die Fülle an sogenannten Mamiblogs, Foren und Facebookgruppen klickt, erkennt, dass die schreibenden Attachment-Mütter ein gemeinsames Feindbild haben – besonders das 2006 erschienene Ratgeberbuch Jedes Kind kann schlafen lernen von der Psychologin Annette Kast-Zahn. "Allein schon der Gedanke, dass jemand ein Kind alleine weinen lässt, bis es erschöpft einschläft, treibt mir die Tränen in die Augen", schreibt eine Nutzerin auf der Facebook-Seite des Vereins Rabeneltern.org.

Jedes Kind kann schlafen lernen ist der meistverkaufte deutsche Elternratgeber aller Zeiten. Eine Gruppe Leser dankt in den Amazon-Bewertungen Kast-Zahn aus tiefstem Herzen, die andere warnt nachdrücklich vor dem Kauf. Dazwischen gibt es wenig.

Ein Problem der westlichen Mittelschicht

Heidi Keller, Entwicklungspsychologin an der Hebrew University in Jerusalem, hält dieses Phänomen für typisch für die westliche Mittelschicht. Keller erforscht die Erziehungsmethoden auf allen Kontinenten, vor allem in zwei verschiedenen Milieus: in der westlichen Mittelschicht und bei traditionell lebenden Bauern. "Während Eltern in Kamerun ihre Kinder wie selbstverständlich erziehen, kommt hier alle paar Jahre ein neuer Ratgeber auf den Markt, der die Debatte mit einer gegensätzlichen Meinung anheizt", sagt Keller.

Im deutschen Fernsehen etwa schickte von 2004 bis 2011 Die Super Nanny Katharina Saalfrank auf RTL bockige Kinder auf die stille Treppe – jüngst hat die Diplom-Pädagogin allerdings ein völlig gegensätzliches Buch mit dem Titel Du bist ok, so wie du bist: Das Ende der Erziehung herausgebracht.

Die hitzigsten Debatten werden wohl unter Müttern und unter Freunden ausgetragen. Nicht selten muss sich Anke Helene gegen unbekannte Menschen verteidigen, weil sie ihrem Sohn – der laufen kann und die ersten Wörter spricht – noch immer die Brust gibt. Freunde sagen ihr, sie solle den Jungen nicht so viel tragen, sonst lerne er nicht laufen. Sie wendet sich deshalb häufig an Gleichgesinnte im Internet.