Eine 1-zu-1-Betreuung von Kita-Kindern ist eine Illusion. In Extremfällen ist eine Erzieherin für bis zu 20 Kinder verantwortlich. © Thomas Lohnes/Getty Images

Vor einem Jahr wurde das Betreuungsgeld eingeführt. Nun ist es von 100 Euro auf 150 Euro angehoben worden. Ich bin Leiterin einer Kita und natürlich wäre es mir lieber, das Geld würde in das System frühkindlicher Bildung investiert, statt als Wahlgeschenk an Familien verteilt. Doch kann man es Eltern verdenken, dass sie ihre Kinder nicht in eine Kita geben möchten, in der eine Erzieherin alleine für bis zu 20 Kinder zuständig ist?

Ich bin seit mehr als 30 Jahren Erzieherin und seit mehr als 20 Jahren Kitaleiterin. Ich liebe meinen Beruf. Ich kann mir keinen besseren vorstellen. Die Kinder mit ihrem Lachen, ihrer Offenheit, ihrer Neugier, ihren Fragen, Ideen, ihrer Kreativität und Vielseitigkeit schenken uns täglich so viel Liebe und Vertrauen. Doch leider gibt es auch viele Argumente gegen diese Berufswahl.

Vor einiger Zeit stand eine junge Kollegin weinend bei mir im Büro, sie hatte erst vor wenigen Wochen bei uns angefangen. Sie halte es nicht aus, sagte sie, dass sie sich nicht um alle Babys so kümmern könne, wie diese es bräuchten und sie selbst es gerne möchte. "Was soll ich denn nur machen, wenn mehr als zwei von ihnen weinen? Wie kann ich die anderen trösten? Ich werde mein Kind später nie in die Kita geben, bevor es allein zur Erzieherin laufen kann!"

In unserer Kita wird der für Berlin vorgeschriebene Betreuungsschlüssel von 5 zu 1 für unter Zweijährige und auch für die älteren Kinder stets eingehalten. Der ist aber, wie verschiedene Studien belegen, längst nicht ausreichend. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt in ihrer gerade erschienenen Studie einen Schlüssel von 3:1. In vielen Bundesländern, etwa in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, ist zeitweise (etwa bei Urlaub, Krankheit, Weiterbildungen der Kollegen) ein Erzieher oder eine Erzieherin für bis zu 20 Kinder verantwortlich. 

Alleine soll er oder sie individuell fördern, bilden, erziehen, das Bildungsprogramm umsetzen, Konzepte entwickeln, Sprachtests durchführen, Windeln wechseln, Nasen putzen, trösten, Betten beziehen, füttern.

Viele Aufgaben, wenig Anerkennung

Außerdem soll sich jeder von uns natürlich weiterbilden, an Dienstberatungen teilnehmen, Kontakte zu Schulen, Therapeuten, Stadtteil-Arbeitsgruppen halten, Elternversammlungen vorbereiten und leiten, Feste organisieren, Kritik positiv aufnehmen und beachten, Beobachtungen und daraus folgende Schlussfolgerungen festhalten und auswerten, Entwicklungsgespräche vorbereiten und führen. Die Aufgaben sind so vielschichtig, wie ausreichende Anerkennung, Entlohnung und gute bezahlbare Weiterbildungen rar sind. Ich kenne kaum eine Kollegin, einen Kollegen, der nicht außerhalb der Arbeitszeit noch vielfältige Aufgaben für "ihre" oder "seine" Kinder erledigt.

Ach ja, die Bezahlung: Erzieherinnen mit zehn Jahren Berufserfahrungen verdienen mit einer Vollzeitstelle (38-Stunden-Woche) und mittlerer Betriebsgröße in Westdeutschland durchschnittlich 2.394 Euro brutto. Unter gleichen Bedingungen bekommen Sozialarbeiterinnen 399 Euro und Lehrerinnen sogar 1.345 Euro mehr Gehalt, berichtet die Fachseite Die Erzieherin.

Zudem sind im Erzieherberuf überdurchschnittlich viele Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit tätig. Bundesweit beträgt der Anteil etwa 60 Prozent. Diese Teilzeittätigkeit ist oft nicht freiwillig. Je nach Belegung der Kita, teilweise auch abhängig von Alter und Verweildauer der Kinder, ändert sich die Arbeitszeit der Kolleginnen und Kollegen und damit auch die Bezahlung monatlich.

Wo ist unsere Lobby?

Wie sollen wir angesichts solcher Arbeitsbedingungen ausreichend viele junge Menschen für diesen verantwortungsvollen Beruf begeistern? Denn wir müssen viele begeistern. Die Bertelsmann-Stiftung hat errechnet, dass bundesweit 120.000 Stellen fehlen.

Wo aber ist unsere Lobby? Im Landtagswahlkampf 2009 in Brandenburg, wo ich zu dieser Zeit Kitaleiterin war, hatte ich gemeinsam mit einer Mutter aus der Kita die Kitainitiative Brandenburg gegründet, an der sich Zehntausende Eltern und Erzieher mit zahlreichen Aktionen beteiligten. In vielen Gesprächen hatten uns Matthias Platzeck (SPD), damals Brandenburger Ministerpräsident, Johanna Wanka (CDU), jetzt Bundesministerin für Bildung und Forschung, Gerrit Große (Linke), Vizepräsidentin des Brandenburger Landtages und viele andere Politiker bestätigt, wie berechtigt unsere Forderungen seien.

Als dann Mitte 2010 endlich die im Wahlkampf zugesagte Novellierung des Kitagesetzes kam, war unsere Enttäuschung groß. Statt einer deutlichen Verbesserung der Betreuungssituation sank der Personalschlüssel lediglich um ein Kind pro Erzieher – bei den unter Dreijährigen von 7 auf 6 Kinder, bei den älteren von 13 auf 12. 

Sind Kinder, ist die Qualität frühkindlicher Bildung also nur ein Wahlkampfthema? Gerade hat Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ihr geplantes Kita-Qualitätsgesetz auf Eis gelegt. Grund: Der Widerstand der Länder aus Furcht vor hohen Kosten.

Die Frage ist nicht: Betreuungsgeld oder Kita

Viel ist über die Studie zum Betreuungsgeld geschrieben worden. Doch einige Fragen haben die Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund außer Acht gelassen. 

Nutzen Eltern vielleicht das Betreuungsgeld, weil ihnen die Öffnungszeiten der Kita nicht ausreichen, um wieder arbeiten gehen zu können? Weil die Kitakosten zu hoch sind? Weil sie nicht wollen, dass ihr kleines Kind in einer zu großen Kindergruppe von zu wenigen Erzieherinnen und Erziehern betreut wird? Weil die Qualität der Bildungsarbeit nicht ausreichend ist? Weil der Weg zu weit ist? Weil die Tradition des Herkunftslandes dies gebietet?

Die Frage heißt für mich nicht Betreuungsgeld oder Kita. Nur wenn das System frühkindlicher Bildung in und durch die Kita von der sogenannten Bildungsrepublik Deutschland ausreichend bundesweit einheitlich finanziert und generell gefördert wird, haben Familien eine wirkliche Wahlmöglichkeit. Und Kinder endlich die Bildungschancen, die ihnen in einem modernen Land zustehen müssen.