Viele Behinderungen kann der Ultraschall nicht zeigen. Die pränatale Diagnostik ist viel weiter. ©dpa

Am vergangenen Samstag demonstrierten über fünftausend Menschen beim sogenannten Marsch für das Leben gegen Abtreibung. Ende August trat der Biologe Richard Dawkins eine Social-Media-Lawine los, weil er twitterte, es sei unmoralisch, einen Fötus mit Down-Syndrom nicht abzutreiben. Und eine junge Amerikanerin gerät in den Fokus der Öffentlichkeit, weil sie eine Abtreibung per Crowdfunding finanzieren will.  

Abtreibung ist ein heikles Thema. Und es ist überall. In der Politik, in den Medien, am Stammtisch, im Gottesdienst. Die pro-life-Fraktion (Abtreibungsgegner) steht der pro-choice-Fraktion (Abtreibungsbefürworter) gegenüber – auf der einen Seite finden sich viele Christen, auf den anderen viele Feministinnen. Und in der breiten Mitte tummeln sich die "Abtreibung ja, aber nur, wenn"-Leute.

Ich gehöre, wie eigentlich immer, zur "Ja, aber"-Gruppe. Niemand möchte, dass eine Mutter durch eine Schwangerschaft ihr eigenes Leben gefährdet. Dieser Standpunkt ist selbst bei Tea-Party-Amerikanern unumstritten. Und (fast) niemand möchte eine Frau zwingen, ein Kind zu bekommen, das durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde.

Und ich gehe noch ein bisschen weiter. Wenn eine Frau merkt, dass sie schwanger ist, und der Zeitpunkt der denkbar falscheste ist, dann sollte sie, meiner Meinung nach, innerhalb der ersten Wochen der Schwangerschaft abtreiben dürfen. Das Zellhäufchen spürt nichts. Dinge passieren.

Abtreibung bis zur Geburt legal

Kritisch wird es für mich in dem Moment, in dem aus dem Zellhäufchen ein Fötus geworden ist, also mit Beginn des zweiten Trimesters. Und in dem Moment, in dem die Mutter abtreibt, weil die pränatale Diagnostik ergibt, ihr Kind könnte eine Behinderung haben. Wenn die Ärzte eine Behinderung feststellen, kann sogar nach der 22. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden. Das ist im fünften Monat. Das Kind kann dann fühlen, es kann die Augen öffnen, es übt schlucken und atmen. Ab der 24. Woche könnte es, mit Hilfe von Ärzten, auch außerhalb des Mutterleibes überleben. Ein Abbruch der Schwangerschaft ist trotzdem bis zur Geburt legal, sofern die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. In der Praxis heißt es, dass ein Kind mit Behinderung abgetrieben werden darf, sofern es die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter gefährdet. Egal, ob im zweiten, im fünften oder im neunten Monat.

Und Spätabtreibungen nehmen weiter zu. Das statistische Bundesamt gibt an, dass es 2006 in Deutschland 183 Spätabtreibungen gab. Bis 2013 gab es eine Steigerung von 307,1 Prozent. Insgesamt wurden 3.703 Abtreibungen medizinisch begründet – also mit der Gesundheit der Mutter. Dabei ist es egal, ob es sich um die sehr greifbare körperliche Gesundheit oder eine psychische Belastung handelt.

Die Zahlen sprechen für sich. Nach der Down-Syndrom Diagnose brechen 90 Prozent der Frauen die Schwangerschaft ab. Ich weiß nicht, ob Sie Menschen mit Down-Syndrom kennen. Ich schon, und keiner von ihnen hat jemals gesagt: "Ich wünschte, ich wäre abgetrieben worden." Tatsächlich sind die Betroffenen häufig außerordentlich fröhliche Menschen. Sie lachen, sie weinen. Sie arbeiten und haben Beziehungen. Natürlich tun das nicht alle. Aber auch nicht alle Menschen ohne Behinderung haben Jobs oder Familien. Ist deren Leben auch nicht lebenswert? Gibt es dafür eine Formel? Ein Utilitarismus-Handbuch? Niemand kann vorhersagen, wie lebenswert dieses Leben sein wird. Niemand sollte sich anmaßen, überhaupt darüber zu urteilen, wie lebenswert das Leben eines anderen Menschen sein wird, war oder ist.

Bin ich lebenswert?

Der auf eine Diagnose bezogene Abtreibungswahn wird beim Klinefelter-Syndrom besonders deutlich. Es tritt nur bei Jungen und Männern auf und bedeutet schlicht, dass sie neben dem für Männer üblichen XY-Satz ein weiteres X-Chromosom haben. Die Betroffenen sind zeugungsunfähig und bei manchen ist die Fähigkeit, sich verbal auszudrücken, ein wenig eingeschränkt. Klingt nicht weiter dramatisch. Aber 70 Prozent der Schwangerschaften werden abgebrochen, wenn die pränatalen Tests das Klinefelter-Syndrom vorhersagen. Warum? Weil diese Kinder ihren Eltern keine Enkel schenken können? Weil sie eventuell einen Logopäden brauchen?

Für meine eigene Behinderung gibt es noch keine pränatale Diagnostik. Ich bin Autistin, und weil wir keine Ahnung haben, welche Gene für Autismus verantwortlich sind, können wir ihn nur durch Fragebögen feststellen. Ich wage die Prognose, dass die Abtreibungszahlen bei einer Autismusdiagnose dramatisch hoch wären. Wie ich darauf komme: Weil immer wieder behauptet wird, Autismus hätte etwas mit Impfungen zu tun, hören Mütter auf, ihre Kinder zu impfen. In meinen Ohren klingt dieser Impfverzicht gefährlicher als Autismus. Und in meinen Augen zeigt es, dass ein Autismusgentest nicht dazu führen würde, dass werdende Mütter sich für das Kind entscheiden würden. Sie würden sie abtreiben, genauso, wie sie ihnen lebensrettende Impfungen vorenthalten, nur um ihnen Autismus zu ersparen.

"Gibt’s da eine App?"

Was soll das? Warum haben wir so eine unglaublich große Angst vor Menschen mit Behinderung? Was das für unsere Gesellschaft bedeutet, wage ich mir kaum auszumalen. Eine Gesellschaft, die sich immer an den vermeintlich Schwächsten stört, ist keine starke, sondern eine außerordentlich schwache. Jaja, Menschen mit Behinderung kosten ja so viel. Und sie bringen nichts ein. Ohne sie sind wir viel effizienter. Und überhaupt ist wissenschaftlicher Fortschritt gut. Wir leben im Optimierungszeitalter. Im Gamification-Wunderland. Wir optimieren unsere Computer, unsere Smartphones, unser Aussehen, unsere Beziehungen, unsere Gesundheit, unser Konsumverhalten. Es ist eine logische Konsequenz, dass wir auch unsere Kinder optimieren. "Mein Kind kleckert immer beim Füttern. Gibt’s da eine App?"

Hinzu kommt, dass die Deutschen nicht nur immer später Eltern werden, sondern auch eine Einzelkind-Generation großziehen. Wer nur ein Kind hat, will wirklich alles richtig machen. Das All-in-One Paket. Wenn der einzige Sohn das Klinefelter-Syndrom hat, dann gibt es keine leiblichen Enkel. Wenn das einzige Kind im Rollstuhl sitzt, kann Papa nicht mit ihm Fußball spielen. Die Eltern laufen Gefahr, sich um sehnlich herbeigewünschte Erlebnisse betrogen zu fühlen.

Aus meiner Perspektive ist die Eugenetik schon jetzt einen Schritt zu weit gegangen. Menschen mit Behinderung bringen uns eine Menge: eine andere Sicht, andere Talente und mehr Menschlichkeit. Behindertenfeindlichkeit tut weh. Den Betroffenen und unserer Gesellschaft. Weil diese Haltung kalt und ängstlich ist. Und Kälte und Angst erschaffen nichts weiter als mehr Kälte und Angst. Es ist verständlich, dass eine Mutter Angst davor hat, ein nicht gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Weil diese Welt nicht gesunde Menschen schlecht behandelt. Und weil nicht gesunde Menschen in ihrem Alltag nicht vorkommen. Die Angst vor dem Unbekannten.

Abtreibung ist nicht die Lösung des Problems, sondern ein Katalysator. Es brächte mehr, diese Eltern besser zu beraten, ihnen im Alltag zu helfen. Wir müssen Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft die Normalität zugestehen, die sie selbst empfinden. Wir beißen auch nicht. Versprochen.