Jasmin Mustafa im Frauen-Gebetsraum der Ibrahim Kahlil-Moschee in Osnabrück © Parvin Sadigh

14 Uhr, Zeit für das Mittagsgebet. Die Ibrahim Kahlil-Moschee liegt nahe am Osnabrücker Hauptbahnhof im Hof eines Wohnhauses. Kein Minarett schmückt sie, der Putz fällt von der Fassade. Der Imam arbeitet hier ehrenamtlich, wie alle anderen Mitarbeiter auch.

Jasmin Mustafa* steht in einer Ecke des Gebetsraums am Fenster, den Blick zur Wand. Sie lässt sich nicht stören von den Frauen, die in die Stille eingedrungen sind. Jasmin kniet sich auf den Gebetsteppich, beugt den Kopf. Die 17-Jährige trägt einen weiten Rock, der bis zum Boden reicht, darüber einen seidigen dunkelblauen Mantel, auf dem Kopf ein großes, weißes Tuch. Das Sonnenlicht fällt durchs Fenster auf ihr Gewand. Ein schönes Bild.

Hat man im Kopf, dass unter den 400 Deutschen, die bisher in den Terrorkrieg des Islamischen Staates gezogen sind, auch etwa 40 Mädchen und Frauen sind, ist es auch ein irritierendes Bild. Steht hier einfach eine beneidenswert entrückt Meditierende oder ist diese verhüllte junge Frau radikal? Wie können wir das Bild lesen?

Experten geben unterschiedliche Antworten auf die Frage, warum auch in Deutschland aufgewachsene Mädchen plötzlich besonders streng gläubig oder gar radikal werden. Manchmal sei es für sie eine Möglichkeit der Kontrolle des allmächtigen Vaters oder Bruders zu entkommen, sagt Ahmad Mansour von der Beratungsstelle Hajat. So haben sie etwas eigenes, das man ihnen nicht verbieten könne. Auch Götz Nordbruch, der Präventionsarbeit in Schulen und im Internet macht, gibt an, ein Drittel bis ein Viertel der Klientel von ufuq.de seien Mädchen. Er erzählt, wie Mädchen, die sonst kaum aus dem Haus kämen, gezielt Angebote von den Salafisten bekommen. Sie organisieren Mädchentreffs, in denen die jungen Frauen zunächst nur basteln oder kochen – dann Hilfsgelder sammeln für Syrien oder Palästina. Auf diese Weise können sie aktiv werden. Manche der Mädchen schwärmen für Rapper, die den Terror verherrlichen, sagt Nordbruch, wie andere für Justin Bieber.

Meistens sind sie in einer psychische Krise

Dua Zeitun hat die Erfahrung gemacht, dass oft gerade die anfällig sind, die aus eher liberalen muslimischen Familien kommen. Diese Mädchen suchen Halt in den muslimischen Regeln und Wärme in der Gemeinschaft. Meist wissen sie wenig über den Islam und finden dann auf ihre Google-Anfrage auf den ersten Plätzen nur Beiträge von Extremisten – in der Regel Videos, die für eher ungebildete Jugendliche leichter zu konsumieren seien als ein Buch. "Meistens sind sie in einer psychischen Krise oder in einer Umbruchsituation", hat Zeitun beobachtet.

Die 34-Jährige ist in Osnabrück an der Katholischen Landvolk-Hochschule für den Interreligiösen Dialog zuständig und schart auf ihrer Facebook-Seite und in einem Forum der Hochschule viele muslimische Jugendliche der Gegend um sich. Auch während des Gesprächs tippt sie in ihr Handy – schreibt eine Whatsapp-Nachricht oder eine Facebook-Antwort. Normalerweise geht es dabei um Alltägliches: Eines ihrer Mädchen hat einen kurdischen Freund, der türkische Vater will es verhindern; eine junge Konvertitin ist gerade nach Osnabrück gezogen und sucht Kontakt zu muslimischen Frauen. Das, was Mädchen genauso wie Jungen brauchen, sind Rat und Nähe. Dua Zeitun will nicht, dass sie sich die von den Salafisten holen.

Die Entscheidung für das Kopftuch aufschieben

Von einem Aufbruch nach Syrien ist Jasmin Mustafa jedoch weit entfernt. Auch Adjektive wie "bildungsfern" und "unterdrückt" beschreiben sie nicht. Sie ergreift selbstbewusst das Wort, spricht wortgewandt und kenntnisreich über den Islam. Gerade hat sie ihr Abitur bestanden und will bald studieren – islamische Theologie und Soziale Arbeit. Sie stammt auch nicht aus einer fundamentalistischen Familie, in der den Töchtern nichts erlaubt wäre, außer sich im Glauben zu engagieren. Jasmins Vater ist Tunesier, die Mutter Deutsche. Er ist religiös, sie eher nicht, obwohl sie konvertiert hat.