Jochen Bittner, 41, ist Politik-Redakteur der ZEIT.

Nichts gegen Social Freezing. Aber was frieren Frauen damit eigentlich neben ihren Eizellen noch ein? Ich denke, es ist die Ahnung, dass Kinder in fünf oder zehn Jahren höchstwahrscheinlich genauso schlecht zum Job passen wie heute. Social Freezing verlängert bloß eine vage Hoffnung auf bessere Umstände für andere Umstände, es verlegt das Problem des Karriereknicks allenfalls nach hinten. Beseitigt wird der Nachteil, den Frauen auf dem Arbeitsmarkt qua Biologie haben, dadurch nicht.

Das könnte nur ein radikaler gesellschaftspolitischer Eingriff tun. Nennen wir ihn Job Freezing. Damit meine ich eine Zwangspause für alle, die an einer Schwangerschaft beteiligt sind, in der Regel also Frau und dazugehöriger Mann. Für einen bestimmten Zeitraum, sagen wir einmal drei Monate, müssten (werdende) Väter ebenso im Job aussetzen wie (werdende) Mütter. Wer wirklich Chancengleichheit will, muss etwas im Grunde Einfaches tun: den Partner einer Schwangeren arbeitsrechtlich ebenso behandeln wie seine Partnerin – eben als wäre er selber schwanger.

Arbeitgeber müssten sich im Einstellungsgespräch dann keine Gedanken mehr darüber machen, ob die junge Frau, die gerade vor ihnen sitzt, demnächst womöglich wegen Schwangerschaft ausfällt. Denn für einen männlichen Bewerber bestünde genau das gleiche Risiko. Geht nicht? Abwegig?

Wieso eigentlich?

Wenn unbestritten ist, dass Gebärfähigkeit einen Nachteil auf dem Arbeitsmarkt bedeutet, wenn gleichzeitig ebenso unbestritten ist, dass diese Gesellschaft Nachwuchs braucht, um einen Arbeitsmarkt (nicht zu reden von allem anderen, was es so gibt) überhaupt erhalten zu können, ist es dann nicht schlicht ungerecht und unsinnig, Frauen mit der Bürde Schwangerschaft allein zu lassen? Also, in ökonomisch-karrieristischer Hinsicht jedenfalls.

Das Recht kennt das Prinzip des Ausgleichs ökonomischer Nachteile, die aus biologischen Ursachen rühren, längst. Krankenversicherungen dürfen keine unterschiedlichen Beiträge mehr von Männern und Frauen verlangen, und das, obwohl Frauen durchschnittlich fünf Jahre länger leben, also mehr Kosten verursachen. Aber können sie etwas dafür? In aller Regel nein. Einer modernen Gesellschaft ist ein solcher Lastenausgleich deshalb nur angemessen.

Warum bitteschön soll dasselbe Solidarprinzip nicht für den Arbeitsmarkt gelten?

Eine Zwangspause für Männer, stimmt schon, griffe tief in die Berufsfreiheit ein. Aber das tat die Wehrpflicht noch viel massiver, und die Tatsache, dass sie nur für Männer galt, wurde unter anderem mit dem Argument gerechtfertigt, dass Frauen der Gesellschaft schließlich auch ein Zeitopfer brächten – eben wenn sie Mütter werden. Die Wehrpflicht ist abgeschafft. Was bleibt, ist die einseitige Laufbahnbenachteiligung von Frauen.

Außerdem, liebe Geschlechtsgenossen, ist euch die Frauenquote lieber? Wie gerecht ist es denn, wenn ein qualifizierterer Bewerber einen Job nicht bekommt, nur weil er ein Mann ist? Die Quote ist die falsche Ausgleichsmethode, denn sie beseitigt nicht die Ursache für die Ungleichheit, sie versucht nur eine Diskriminierung durch eine andere zu heilen – was noch nie gut funktioniert hat.Job Freezing, eine juristische Scheinschwangerschaft, hingegen würde die schiefe Basis gerade rücken, durch gleiche Karriereanstiegswinkel für alle.

Im Dänischen gibt es übrigens ein anderes Wort für diese Idee. Es heißt "fædrebarsel"."Barsel" bedeutet soviel wie Mutterschaft, frei übersetzt heißt fædrebarsel also etwa Vatermutterschaft. Das hat doch einen warmen Klang. Die Pflicht-Papapause wird in unserem nördlichen Nachbarland schon länger diskutiert. Wieso nicht auch bei uns?