Seit im August 2013 der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gilt, wurden eilig sehr viele Plätze geschaffen – doch darüber, was alle Kitas eigentlich bieten müssten, damit kein Kind Schaden nimmt, reden Verantwortliche von Bund und Ländern erst heute, also gut ein Jahr später. Der Kita-Gipfel, zu dem die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig geladen hat, ist auch nur eine erste Gesprächsrunde. Falls sich Bund und Länder auf Standards einigen, wird es noch Jahre dauern, bis sie umgesetzt sind.

Dass sie sich einigen, steht aber keineswegs fest: Schon bevor die Runde sich traf, pöbelte Bayerns Familienministerin Emilia Müller von der CSU, bundesweit einheitliche Qualitätsstandards seien "mehr als zweifelhaft".  Qualität würde sich nicht verbessern, wenn man sie vereinheitlicht und nivelliert. Bildung ist Ländersache und um ihre Entscheidungshoheit kämpfen die Vertreter, selbst wenn es um die Betreuung Zweijähriger geht.

Dabei sollen die Qualitätsstandards keinen Lehrplan beinhalten, in dem festgelegt wird, zu welcher Uhrzeit die Kleinen mit dem Ameisen- oder dem Englisch-Projekt starten. Das wäre tatsächlich völliger Irrsinn. Denn jeder Kindergarten muss flexibel auf das reagieren können, was die einzelnen Kinder gerade bewegt. Er muss damit umgehen, ob die Eltern überengagierte Akademiker sind, alleinerziehend oder nicht deutschsprechende Migranten, ob sie auf dem Land leben oder in einem Brennpunktviertel.

Aber damit Erzieher dazu in der Lage sind, muss erst einmal ein Rahmen her, der ihnen diese Arbeit ermöglicht. Und der sollte für ganz Deutschland gelten. Fünf Vorschläge, wie dieser Rahmen aussehen sollte.

Drei Kinder pro Erzieherin

Das Wichtigste für die Qualität der Kitas ist, dass die Erzieher Zeit haben. Nicht nur, damit die ganz Kleinen nicht stundenlang mit vollen Windeln herumkrabbeln müssen, sondern um mit ihnen viel zu sprechen, sie in den Arm zu nehmen und ihnen Anregungen zu geben bei dem, was sie gerade lernen. Mindeststandards dürfen jetzt nicht mehr das Ziel sein. Denn längst erwartet man, dass die Kita nicht nur betreut, sondern dafür sorgt, dass Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien bessere Chancen im Leben bekommen.

Die Bertelsmann-Stiftung hat in einer Studie untersucht, wie der Betreuungsschlüssel in den Bundesländern aussieht. Die Forscher empfehlen, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin oder ein Erzieher für drei Kinder zuständig sein soll. In Bremen klappt das sogar schon, sonst sieht es schlecht aus: in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg betreut ein Erzieher sogar sieben Kleinkinder. Kinder über drei Jahren sollten sich laut Experten höchstens zu siebt eine Erziehungsperson teilen. In Mecklenburg-Vorpommern betreut ein Erzieher aber 15 dieser Kinder. 120.000 Erzieher und Erzieherinnen müssten laut Bertelsmann-Studie eingestellt werden, um dem gerecht zu werden. 

Und diese Zahlen sind nicht mal realistisch. Denn dass Erzieher Urlaub machen, krank werden oder gar eine Fortbildung besuchen, wird hier nicht berücksichtigt. Ebenfalls nicht einkalkuliert ist, wie viel Zeit die Pädagogen wirklich für die Kinder haben. Denn zu ihrem Job gehört unbedingt auch, dass sie mit den Eltern reden, sich auf Ausflüge und Projekte vorbereiten, Teamsitzungen abhalten und dokumentieren, wie sich jedes einzelne Kind entwickelt. Es muss also auch geregelt werden, wie viel Zeit ihnen dafür zur Verfügung steht.

Wichtig ist dieser Betreuungsschlüssel besonders für die ganz Kleinen, denn sie können in Krippen derart gestresst werden, dass sie ein Leben lang daran leiden. Sie müssen am besten zunächst eine sichere Bindung an die Mutter, den Vater oder an beide haben, sagen Psychologen, bevor sie die Trennung verkraften. Dann können sie sich auch an einen Erzieher sicher binden – aber nicht, wenn der keine Zeit hat oder nicht versteht, was das einzelne Kind gerade braucht. Für Kinder, die zu Hause vernachlässigt werden, könnte eine gute Bindung an eine Erzieherin sogar die Rettung sein – und lebenslang für ein gutes Selbstwertgefühl sorgen.