Auf jede Frau kommen in Deutschland mindestens 1,4 Bücher übers Muttersein. Junge oder Mädchen?, diese Frage mag im Kreißsaal die Anwesenden umtreiben. Im gesellschaftspolitischen Salon zählt eine andere Unterscheidung: Schlägt dein Mutterherz auf der linken oder auf der rechten Seite? Links pocht es, wenn die Schwangerschaftslektüre aus Titeln wie Elisabeth Badinters Der Konflikt besteht. Frauen dieses Typs halten die Mutter-Kind-Bindung für eine fiese Fessel des Patriarchats. Zu Simone de Beauvoirs Zeiten entledigte sich frau dieser Unfreiheit, indem sie auf Kinder verzichtete. Badinter empfiehlt, Kinder zu bekommen, die auf die Mutter verzichten. Diese Frauen stillen nicht, sondern stellen eine Nanny ein. Drei Tage nach der Entbindung sitzen sie schlank auf ihrem Chefsessel oder ihrem Lehrstuhl.

Schlägt das Herz auf der rechten Seite, kümmert sich die Mutter fast Vollzeit um ihr Kind. In den verbleibenden Minuten liest sie jede Zeile der Publizistin Birgit Kelle, nächste Woche erscheint deren neues Buch GenderGaga. Fremdbetreuung in Krippen und Ganztagskitas markiert in diesem Milieu den Zustand maximaler Entfremdung vom natürlichen Urzustand.

Politisch ist gerade die erste Richtung en vogue. Erwünscht sind berufstätige Frauen, die eigene Rentenansprüche erwerben und möglichst schnell nach der Geburt und/oder der Scheidung wieder berufstätig sind. Publizistisch hingegen dominiert die rechte Richtung. Die Vereinbarkeitslüge macht Furore, angeblich ist es unmöglich, Familie und Beruf in einem einzigen Frauenleben unterzubringen. Seit Monaten mischt das Buch Feindbild Mutterglück von Antje Schmelcher die Szene auf, gerade widmete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung dem Werk eine ganze Seite. Schmelcher sieht Verbindendes zwischen der Nazi-Propaganda und dem Feminismus. Anders als die einstige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman tappt die Journalistin nicht in die Mutterkreuzfalle. Die Nazis versuchten, mit detaillierten Vorgaben zur Erziehung die postnatale Intuition außer Kraft zu setzen, schreibt sie, die Feministinnen von heute zerstörten systematisch die Mutter-Kind-Bindung. Schmelcher stellt linke Ladys in die ganz rechte Ecke. Die Höchststrafe im Mutterland.

Wutmütter sind eine äußerst reproduktive Spezies. Sie kommen mit immer neuen Schreibesfrüchten auf dem Buchmarkt nieder. So bleibt Deutschland arm an Kindern, aber reich an Ideologien.

Im Wort Ideologie schwingt das Wort "gelogen" mit. Beide Lager ventilieren Leitbilder und Neidbilder, sie kämpfen um Geld, Infrastruktur und, was immer das auch heißen mag, gesellschaftliche Anerkennung. Mit der Wirklichkeit hat weder das rechts noch das links schlagende Mutterherz viel zu tun. Wie die Realität aussieht, zeigen die neuen Zahlen, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit vor wenigen Tagen veröffentlichte. Demnach hat der Anteil der Frauen an den Beschäftigten zwar zugenommen. Gestiegen ist aber vor allem die Zahl der Teilzeitjobs. Elf Millionen Frauen, doppelt so viele wie 1991, arbeiten Teilzeit. Während die Familiengründung das Erwerbsverhalten von Männern kaum beeinflusse, entscheide bei Frauen die familiäre Situation über den Beschäftigungsumfang, sagen die Arbeitsmarktexperten. Das "Zuverdienermodell" – Vater arbeitet Vollzeit, Mutter Teilzeit – sei kein Auslaufmodell, sondern nach wie vor "besonders beliebt".

Die Deutschen sind konservativer, als es Feministinnen und Anti-Feministinnen in den Kram passt. Die meisten Frauen teilen sich die Arbeitszeit so ein, dass sie nachmittags bei den Hausaufgaben helfen. Laut einer Umfrage aus dem Jahre 2013 hält eine Mehrheit der Deutschen das Abfragen von Englischvokabeln oder die Unterstützung für das Referat zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung von Moosen für ein Wesensmerkmal einer "guten Mutter". Das mag man aus emanzipatorischer, bildungspolitischer oder wirtschaftsliberaler Perspektive missbilligen. Viele Frauen würden zwar gern einige Stunden mehr pro Woche arbeiten, doch die Mehrheit träumt nicht davon, als Working Mum mit einem Supergehalt eine Rund-um-die-Uhr-Nanny zu finanzieren. Karrierefrauen sind vor allem eine Erfindung der Karrierefrauen-Kritikerinnen. Heimchen am Herd sind eine Kopfgeburt der Heimchen-am-Herd-Verächterinnen. Am Leben der Mütter geht Propaganda von rechts wie von links vorbei.

Medien tun sich schwer damit, Normalität abzubilden. Bücher brauchen schrille Thesen, damit sie beachtet werden. Die Männerrolle hat sich kaum messbar, aber spürbar verändert. Der Zeitpunkt ist deshalb günstig, Mütter und Väter einmal dafür zu loben, wie sie dem ideologischen Furor widerstehen. Den Allermeisten ist klar, dass Kinder Liebe, Zeit und ein Zuhause brauchen. Den Allermeisten ist auch klar, dass fürs Familienleben Geld nötig ist und dass dieses Geld verdient werden muss. Die wenigsten haben zwischen Schulbroteschmieren um sechs Uhr morgens und dem letzten Trocknerausräumen um ein Uhr nachts die Nerven dafür, sich wie Kelle und Co. in endlosen Kämpfen gegen die Leben der anderen zu ergehen.

Das Gros der Eltern schlängelt sich täglich neu einen Weg, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, den Arbeitgeber nicht zu enttäuschen und vielleicht noch so etwas wie eigene Interessen zu bewahren. Das ist anstrengend, auch deshalb, weil keine Generation zuvor das so ausprobiert hat. Es gibt, anders als Ideologen glauben machen wollen, kein Zurück in die Fünfziger, als die nicht berufstätige Ehefrau ein Statussymbol war. Es gibt auch kein Zurück in die Sechziger, als Emanzipation ein zielgerichteter Kampf war. Familie rüttelt sich heute irgendwie zusammen; sie ist ein Gemisch aus Liebe, Abhängigkeiten und Arbeitszeitmodellen.

Das Loblied des Durchwurstelns hat auch Molltöne. Die jüngste Kinder-Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold zeigt den Preis der Dauerimprovisation. In tiefenpsychologischen Gesprächen fanden die Forscher heraus: Die Eltern sind vom Alltag erschöpft, sie geben sich mal autoritär, mal kumpelhaft. Kinder aber wünschen sich Eltern als erwachsene Wesen mit einem klar identifizierbaren Standpunkt, den man ablehnen oder übernehmen kann. Helfen da Mutterideale? Gibt es nicht mindestens so viele unerwachsene Vollzeit- wie inkonsequente Working Mums?

Wer einen Blick auf den Mama-Meinungsmarkt wirft, wird sehen: An Standpauken gegen andere Frauen fehlt es nicht, an Standpunkten, die für die eigenen Töchter und Söhne interessant sind, schon. Dass Kinder sich Wutmütter wünschen, hat noch kein Tiefenpsychologe herausgefunden.