"Mama?" ruft Fritzi auf dem Spielplatz. "Mama, schau mal, wie ich balancieren kann." Ich sitze auf der Bank in der Sonne und nicke ihr zu. Wenig später sitzt sie auf der Schaukel. "Kannst du mich anschaukeln?" fragt sie mich. "Ich mag nicht. Und außerdem kannst du das alleine", antworte ich kurz. Füße vor. Füße zurück. Funktioniert seit mindestens zwei Jahren problemlos, aber nach einem langen Winter werden die Spielplatzroutinen neu verhandelt: "Mama! Kannst du mich bitte anschaukeln?" Ich schüttele mit dem Kopf. "Maaamaaa!" wird Fritzi lauter. "Maaamaaa!" Die ersten Mütter schauen auf und sehen sich um. Dass der Vater sein Kind nicht anschaukeln mag, ist ja o.k., aber wo ist eigentlich diese herzlose Mutter, die ihrem Kind nicht einmal antwortet? Ich möchte gerne jedes Mal Fotos der suchenden Gesichter machen: #MenschendieFritzisMuttersuchen.

"Mama, Mama, meine Mama ist da!" rief Fritzi eines Nachmittags, als ich in die Kita kam, um sie abzuholen. Da war sie etwa zwei Jahre alt. "Haha, das ist doch nicht deine Mama", wurde Fritzi von einer Mutter korrigiert. Den Anblick ihres irritierten und traurigen Blicks habe ich bis heute nicht vergessen: Wer soll das sein, wenn es nicht meine Mama ist? In diesem Moment habe ich beschlossen, sie nicht zu korrigieren.

Warum sollte ich von meiner zweijährigen Tochter verlangen, dass sie als einziges Kind ein anderes Wort für seine Hauptbezugsperson verwendet? Ich war zwölf Monate lang in Elternzeit. Seit ihrer Geburt lebt Fritzi überwiegend bei mir. Fritzi ist regelmäßig bei ihrer Mutter. Die beiden verstehen sich gut und auch ihre Mutter ist wie selbstverständlich "Mama". Und trotzdem ist die Aufteilung, für die wir uns schon vor Fritzis Geburt gemeinsam entschieden haben, sehr ungewöhnlich.

Zwar wollen immer mehr Väter ihre Kinder öfter sehen als nur zum Gute-Nacht-sagen nach Feierabend und zum sonntäglichen Familienausflug. Vor allem in den ersten Lebensjahren sind es aber noch immer fast ausnahmslos die Mütter, die hauptsächlich für ihre Kinder sorgen. Wenn Väter überhaupt in Elternzeit gehen, dann meistens nur für die sogenannten Vätermonate. Nur sechs Prozent der Väter nehmen mehr als diese zwei Monate in Anspruch. Es gibt zwar 220.000 alleinerziehende Mütter mit Kindern unter drei Jahren. In der Tabelle des statistischen Bundesamts steht in der Spalte mit den alleinerziehenden Vätern mit mindestens einem Kind unter drei dagegen ein bloßes "-".

Jeden Nachmittag fragen die Kinder in der Kita: "Wann holt mich meine Mama ab?" Wenn sich eine Puppe beim Klettern im Regal ihr Knie aufschlägt, bietet ein Kind tröstend an: "Komm auf Mamas Arm." Wenn ein Kuscheltier im Kinderbett nicht alleine einschlafen kann, sagt ein Kind: "Du brauchst keine Angst haben. Mama ist ja da." Wenn Mama für alle anderen Kinder die Person ist, die genau diese Aufgaben erfüllt, dann bin ich Fritzis Mama.

Das Geschlecht spielt einfach keine große Rolle

Irgendwann hat Fritzi gemerkt, dass ich ihr Papa bin. Und dass immer wieder Menschen komisch reagieren, wenn sie "Mama" zu mir sagt. Mittlerweile ist sie sechs Jahre alt. Sie hat sich offensichtlich ganz bewusst entschieden, mich trotz allem weiterhin "Mama" zu nennen. "Wohl! Wenn ich will, kann das auch meine Mama sein", schleudert sie anderen Kindern entgegen, die behaupten: "Das ist doch nicht deine Mama. Das ist dein Papa." Manchmal habe ich den Eindruck, dass in ihrer Entscheidung auch etwas Selbstironie steckt und das Bewusstsein, dass die Verbindung zwischen uns etwas Besonderes ist.

Manchmal spielt das Geschlecht einfach keine so große Rolle und andere Aspekte sind deutlich wichtiger. Das gilt nicht nur für mich und mein Geschlecht, sondern auch für Fritzi und ihr Geschlecht: Wir sind wieder auf dem Spielplatz. Fritzi klettert auf dem großen Klettergerüst. Ein anderes Kind, etwas kleiner als Fritzi, kommt hinzu. Die beiden sind ungefähr auf gleicher Höhe nebeneinander. Als die Mutter des anderen Kindes kommt und sagt, dass sie gehen möchte, fängt das Kind wütend an zu hüpfen. Mit Blick auf Fritzi wird es von der Mutter ermahnt: "Pass auf! Da ist noch ein anderer kleiner Junge!" Fritzi schaut mich verwundert an: "Hä?" Sie protestiert: "Das stimmt ja gar nicht. Ich bin überhaupt nicht klein!"