Mutterschaft, Mütterlichkeit, das klingt nach Kartoffelsuppe. Und ein bisschen nach übergriffig und kittelschürzig. Jedenfalls nicht schön und erfolgreich. Wer die Mütterlichkeit verteidigen will, muss sich gut rüsten. Na dann mal los.

Zuerst jedoch: Parallel zu diesem unattraktivem Mutterbild wird in Deutschland ständig davon geredet, die Erwartungen an Mütter und ans Mutterglück seien zu hoch. In der Debatte um Frauen, denen die Mütterlichkeit fehlt, wurde jedenfalls wieder einmal das Ideal der Mutterschaft angeklagt. Unter #regrettingmotherhood gaben Frauen offen zu, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein. Es sei einfach nichts für sie. Sie glauben, zu viel aufgegeben zu haben. Muttersein macht sie nicht glücklich. Die israelische Soziologin Orna Donath glaubt, dass Frauen als nicht normal gelten, wenn sie Mutterschaft nicht als größtes Glück empfinden. Ornath hat in Israel in einer Studie bereuende Mütter befragt, auf der die Debatte beruht.

Tatsächlich ist Mutterschaft in jeder Gesellschaft historisch und kulturell mit bestimmten Vorstellungen belegt. In Israel ist der gesellschaftliche Druck, Kinder zu bekommen, sicher höher als hier – und die Unterstützung vom Staat gering. In Deutschland haben hingegen Nazi-Erziehungsideale lange in den Familien nachgewirkt und manche, wie die Sorge, man dürfe Kinder nicht verwöhnen, halten sie auch heute noch hartnäckig. Frankreich hingegen zeigt, wie cool und gut angezogen Mütter sein können. Französinnen gehen bald nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten. Was in Frankreich wiederum so manch eine Mutter arg unter Druck setzt.

Aber trifft all das wirklich den Punkt? Sind unpassend gewordene historische und kulturelle Ansprüche ein Beleg dafür, dass Mütterlichkeit und Mutterglück selbst nur ein Konstrukt sind? Viele Mütter sind zweifellos unter Druck. Aber zeugt das wirklich von einem zu hohen Ideal oder sind sie eher verunsichert, woher sie die Mütterlichkeit noch nehmen sollen?

Wir müssen zunächst echte Mütterlichkeit von den Bildern in unseren Köpfen lösen: von Mutterkreuz und Einschlafdrill genauso wie vom narzisstischen Missbrauch der Kinder durch liebesbedürftige oder ehrgeizige Eltern. Mutterglück ist auch nicht permanent verfügbar wie in der Toffifee-Werbung – aber nichtsdestotrotz keine Illusion.

Mütterlichkeit ist Einfühlungsvermögen

Die Psychologin Inga Erchova beschreibt Mütterlichkeit vor allem als die Fähigkeit, mit dem Kind mitzuschwingen, auf intuitive Weise das Kind zu verstehen, egal, ob es gerade unwohl, wütend oder glücklich ist. Mütterlich sein können demnach auch Väter. Die Bindung, die damit zwischen Eltern und Kind entsteht, stärkt das Kind – und macht immer wieder auch die Erwachsenen glücklich.

Erchova arbeitet in Hamburg als Therapeutin mit Müttern, die nach der Geburt nicht so glücklich sind, wie sie es erwartet hatten. Sie sagt, diese Mütter wären selten wirklich depressiv: "Mutterschaft ist immer eine Krise, in der sich die Persönlichkeit neu ausrichtet. Eine Mutter erlebt sich selbst während der Geburt fast wie ein Tier. Das Kind benimmt sich noch lange nicht sozial und höflich, sondern agiert emotional und intuitiv. Wir können es außerdem nicht wieder loswerden wie einen Partner." 

Erchova spricht von "Schatten", die durch diese Krise ins Leben treten. Und meint damit unbewusste Anteile der Persönlichkeit, die wir bisher nicht sehen wollten oder konnten. Oft wissen wir nur das über uns, was uns unsere Eltern gespiegelt haben: Du bist die Fleißige, die Sportliche oder die Lustige. Dafür haben sie uns geliebt. Das bis dahin Ungeliebte halten wir im Alltag unter der Oberfläche. Erchova glaubt, die Krise der Mutterschaft sei eine große Chance, die eigene Persönlichkeit zu erweitern. Sie sagt: "Manche Mütter trauen sich an den Meeresboden und finden dort Schätze. Andere strampeln an der Oberfläche, trauen sich nicht, einzutauchen – und erleben Mutterschaft eher als Stress denn als Glück."