Fritzi fragt viel. Täglich muss ich Hunderte Fragen beantworten. Manchmal ist das nicht schwer. "Kann man Batterien essen?" Keine Ahnung, wie sie darauf kommt, aber die Antwort ist einfach: "Nein, Batterien sind giftig."

Manchmal geht es aber auch um die ganz großen Themen. "Wie kommen eigentlich die Babys in den Bauch?" Es war klar, dass diese Frage irgendwann kommen musste und trotzdem bin ich im ersten Moment etwas überrascht. Wie erkläre ich das einer Vierjährigen? Welche Worte möchte ich verwenden? Und was sage ich, wenn ich ihr gleichzeitig vermitteln möchte, dass nicht alle Kinder innerhalb von Heterokleinfamilien entstehen?

Ich kaufe ein Aufklärungsbuch für Kinder im Kindergartenalter. In den meisten dieser Bücher geht es um ineinander verliebte heterosexuelle Paare, die sich in manchen Situationen besonders lieb haben. "Und wenn es am schönsten ist, entsteht das Baby." Immer wieder holt Fritzi das Buch hervor. Manchmal nehmen wir das Buch eher als Anlass für Gespräche, als dass ich daraus vorlese.

Ich erzähle Fritzi immer nur so viel, wie sie wissen möchte. Wir sprechen darüber, dass Menschen manchmal nicht mehr ineinander verliebt sind. Das kennt sie von ihren Eltern. Wir sprechen darüber, dass sich eine Prinzessin nicht immer in einen Prinzen verliebt, sondern manchmal auch in eine andere Prinzessin. Wir sprechen auch darüber, dass die beteiligten Personen nicht unbedingt ineinander verliebt sein müssen, damit ein Baby entsteht.

All das, worüber ich mit ihr spreche, erzählt sie in ihrer Kita sofort weiter. Irgendwann kommt eine Mutter auf mich zu und sagt, dass meine Tochter ihren Sohn aufgeklärt habe. Sie sei sogar etwas froh darüber, weil sie nun noch einige Zeit darum herumkomme, selbst geeignete Antworten auf seine Fragen finden zu müssen.

"Muss man mit Kindern in dem Alter wirklich schon darüber sprechen?", fragen mich andere Eltern hin und wieder. Man muss natürlich nicht. Man kann die Deutungshoheit über diese Frage auch den anderen Kindergartenkindern und die Auswahl der verwendeten Begriffe auch den Kindern vom benachbarten Schulhof überlassen. Kinder stellen die Frage sehr früh und wenn sie von den Eltern keine Antwort bekommen, bekommen sie Antworten aus anderen Quellen.

Fritzi ist nicht überfordert. Erwachsene manchmal schon

Fritzi und ich sprechen auch darüber, dass es – abseits des "Auf und Ab" eines Penis in einer Scheide aus dem Aufklärungsbuch – andere Möglichkeiten gibt, ein Kind zu zeugen. Till, ein Freund von ihr, ist völlig ohne Sex entstanden. "Damit muss man Kinder in diesem Alter aber nun wirklich nicht überfordern", höre ich. Fritzi ist nicht überfordert. Erwachsene, die ihr ganzes Leben dachten, es gäbe nur eine Möglichkeit, ein Kind zu zeugen, sind mit solchen Erklärungen vielleicht überfordert. Für Fritzi ist das völlig normal. Sie weiß mittlerweile, dass auch bei der Zeugung ihrer Schwester ein Becher beteiligt war und zwei Personen nicht zusammen im Schlafzimmer waren, sondern nacheinander. Für ihre oder meine Liebe zu ihrer Schwester macht das keinen Unterschied.

Bei einer meiner Lesungen fordere ich das Publikum auf, mir auf Karteikarten kurze Antworten auf die Frage, wie die Babys in den Bauch kommen, für Fritzi und mich aufzuschreiben: "Mann und Frau, die sich sehr gut leiden können, haben je ein Puzzleteil, die genau zusammenpassen und ein tolles Baby ergeben" oder "Wenn zwei Personen anfangen ohne Klamotten miteinander im Liegen zu tanzen, kommen manchmal dabei Babys in den Bauch einer der Personen". Wir lachen viel, als ich Fritzi am nächsten Tag die vielen unterschiedlichen Antworten vorlese.

Es ist erstaunlich, wie unbeholfen die Antworten erwachsener Menschen zu dem Thema manchmal ausfallen. Ich bin froh, dass Fritzi schon früh mitbekommt, dass sie mit mir wie selbstverständlich über das Thema sprechen kann, denn nur wenn sie selbst die Worte kennt und eine Sprache zu dem Thema entwickelt, kann sie es auch erzählen und sich dagegen wehren, wenn andere Menschen Sachen machen, mit denen sie sich unwohl fühlt.