ZEIT ONLINE: Herr Gimmler, Eltern sind laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) im Zwiespalt. Einerseits wollen sie ihre Kinder zu medienkompetenten Menschen erziehen, gleichzeitig aber vom Internet fernhalten. Was tun?

Roland Gimmler: Die Frage ist, welche Kompetenzen die Kinder wirklich brauchen. Muss ein Kind mit drei Jahren wirklich schon lernen, mit der Maus umzugehen? Es wird kaum einen Nachteil haben, wenn es das erst mit acht lernt. Technische Medienkompetenz ist etwas anderes als beispielsweise der Spracherwerb. Wer mit Medien als Kleinkind wenige Erfahrungen macht, dessen Nachteile potenzieren sich später nicht. Sie lassen sich aufholen.

ZEIT ONLINE: Aber Eltern müssen ihre Kinder auf gewisse Gefahren im Internet vorbereiten?

Gimmler: Eltern können schon kleinen Kindern das Maßhalten beim Spielen im Internet beibringen. Es muss noch Zeit bleiben für andere Medien und Aktivitäten im realen Leben. Sie können ihnen Regeln vorgeben und dann immer mehr Freiheiten lassen, je älter sie werden. Und natürlich müssen Kinder mit zehn, elf oder zwölf Jahren unter anderem auch sexuell aufgeklärt werden, wenn Erwachsene sie alleine im Internet recherchieren lassen. Aber Fünfjährige brauchen diese Aufklärung sicher noch nicht.

Viel wichtiger ist, dass Kinder und Eltern sehr früh eine starke Beziehung aufbauen und sich gegenseitig wertschätzen. Wenn Medienerziehung so gestaltet wird, sollte sie tatsächlich möglichst früh beginnen und wird sich später auszahlen: wenn Eltern und Kinder sich gegenseitig erzählen, was sie gerade spielen oder anschauen – und wie sich das anfühlt. Etwas größere Kinder können reflektieren, warum es Spaß macht und welche Werte es transportiert.

ZEIT ONLINE: Wie zahlt sich das später aus?

Gimmler: Das Grundproblem mit den modernen Medien ist für alle Eltern, dass das sogenannte Co-Using oder Co-Viewing sich langsam auflöst. Wir sitzen nicht mehr gemeinsam vor dem Radio oder Fernsehen. Schon im Grundschulalter bekommen die Kinder von Freunden Links geschickt und lassen sich nicht mehr über die Schulter schauen. Kleine Geräte sind schnell mal unter der Bettdecke verschwunden. Wenn ein Kind dann in eine Medienfalle fällt – also versehentlich ein Abo abschließt, Mobbing erlebt – oder Dinge sieht, für die es sich schämt, dann ist es wichtig, dass es sich traut, mit den Eltern darüber zu reden.

ZEIT ONLINE: Gestresste Eltern haben ja nicht nur die Medienkompetenz der Kleinen im Blick, wenn sie ihrem Kind ein Spiel oder ein YouTube-Video auf dem Tablet oder Smartphone anbieten. Wie gehen Eltern mit ihrem schlechten Gewissen um, wenn sie einfach mal ihre Ruhe wollen?

Gimmler: Schlechtes Gewissen ist in der Erziehung nie ein guter Ratgeber. Für sie freigeschaltete Apps können auch kleinere Kinder selbstständig spielen oder anschauen. Schon mit etwa fünf Jahren können viele schon recht komplexe Spiele bewältigen. Wie ein kleines Kind Medien nutzt, zeigt auch viel über seine Persönlichkeit. Beschäftigt es sich alleine damit? Was fasziniert es über einen längeren Zeitraum? Wie geht es mit Neugierde oder Langeweile um? Eltern können also viel über ihre Kinder lernen. Medienerziehung sollte sich, wie jede andere Erziehung auch, nach dem Charakter des Kindes richten.

ZEIT ONLINE: Es gibt außerdem viele pädagogisch wertvolle Spiele. Können Eltern ihren Kindern damit einen Vorteil verschaffen, wenn sie selbst keine Zeit haben, viel vorzulesen oder ihnen etwas beizubringen?

Gimmler: Ausgeklügelte Lernprogramme geben Kindern schnell Rückmeldung und können sehr motivierend sein – sie haben den Effekt eines guten Lehrers. Aber sie sind immer nur ergänzend sinnvoll. Wenn das Kind nur in einem interaktiven Spiel lernt, was ein Baum ist, nicht mehr beim Vorlesen im Bilderbuch und in der realen Welt – das wäre fatal. Deshalb muss man die Wichtigkeit von Medienkompetenz auch relativieren.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Gimmler: Wer per SMS mit seinem Partner Schluss macht, ist letztendlich auch medienkompetent. Aber er verhält sich sozial nicht unbedingt angemessen und fair.

ZEIT ONLINE: Die heikelste Frage ist ja: Wissen wir eigentlich schon, was es mit Kindern macht, wenn sie mit drei schon auf dem Handy herumwischen?

Gimmler: Veränderungen wird es auf jeden Fall geben. Wenn ich das Navigieren und Brüche-Rechnen an ein Onlineprogramm delegiere, dann trainiere ich es selbst nicht mehr und die Kompetenz verschwindet. Die Frage ist nur: Was gewinne ich stattdessen? Wir wissen zum Beispiel, dass Kinder früher anfangen, Dinge zu vernetzen. Die Bewertung dieser Veränderungen mündet leider derzeit oft in ideologischen Grabenkämpfen.