Es ist erst ein paar Jahre her, da stritten "Rabenmütter" (die ihr Kind in die Krippe schicken und arbeiten gehen) mit "Gluckenmüttern" (die lebenslange Traumata der Kinder befürchten, wenn Mütter nicht mindestens drei Jahre zu Hause bleiben). Väter gingen derweil schön arbeiten und hielten sich raus.

Zum Glück haben sich die Fronten gelockert. Die "Gluckenmütter" sind still geworden. Das Wort "Rabenmutter" ist aus der Mode gekommen und "Karrierefrau" kein Schimpfwort mehr. Inzwischen gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz und Einjährige, die in die Kita gehen, sind eher normal als verpönt. Die Väter fühlen sich auch verantwortlich.

Der Plan von Familienministerin Manuela Schwesig, 24-Stunden-Kitas einzurichten, scheint in dieser Entwicklung konsequent und natürlich auch fair zu sein: (Alleinerziehende) Busfahrerinnen, Krankenpfleger, Kellner, Polizistinnen und Schauspieler – sie alle sind schlecht versorgt mit einer Kita, die um vier oder fünf Uhr nachmittags Feierabend macht. Es ist nicht gerecht, wenn sie privat einen Babysitter zahlen müssen, während die Leute mit den regelmäßigen Arbeitszeiten die Kinderbetreuung subventioniert bekommen.

Dass die Union mit einem DDR-Szenario droht, in dem die Kinder die ganze Woche den Eltern weggenommen werden, ist außerdem Unsinn. Schwesig plant schließlich nicht, dass die Kinder 24 Stunden in der Kita bleiben, nur weil die so heißt. Sie sind, wie die anderen, höchstens 10 Stunden da – nur eben zu anderen Zeiten.

Die 24-Stunden-Kita ist trotzdem das falsche Signal, weil sie ein schräges Anspruchsdenken formuliert: Warum müssen Kinder immer um die Ansprüche der Arbeitswelt herumorganisiert werden? Das erinnert daran, dass erst einmal allen Eltern Krippenplätze versprochen wurden – und über die Qualität erst später nachgedacht wurde. Eine 24-Stunden-Kita würde Müttern und Vätern außerdem die Argumente nehmen. Wer kann dann noch sagen: Ich kann diesen Dienst nicht übernehmen, ich muss mich um mein Kind kümmern?

Doch darum geht es. In der Diskussion um familienfreundliche Arbeitszeiten muss der Fokus dringend wieder auf die Kinder gerichtet werden. Da wünscht man sich fast die uncoolen "Gluckenmütter" zurück, damit sie lautstark sagen, was wahr ist: Kleine Kinder sind nicht so flexibel. Sie brauchen verlässliche Rituale und eine überschaubare Zahl ebenfalls verlässlicher Menschen, die viel Zeit für sie haben: nicht wechselnde Betreuer. Nicht heute hier schlafen, morgen dort.  Nicht morgens aufwachen und niemanden kennen.

Mütter und Väter brauchen mehr Zeit für die Kinder – nicht für die Arbeit

Deshalb ist die zumeist erhobene Forderung von Müttern und inzwischen auch die von Vätern eben nicht: Wir wollen mehr und zu jeder Zeit arbeiten, die Kinder sind uns dabei leider im Weg. Sondern Eltern sagen heute: Die viel beschworene Vereinbarkeit von Vollzeitarbeit und Familie geht in Wirklichkeit nicht. Wir brauchen mehr Zeit für unsere Kinder und wir wollen, dass die Qualität in den Kitas stimmt.

Väter wollen weniger arbeiten, Frauen mehr, aber selten Vollzeit, zeigt mal wieder eine neue Allensbach-Umfrage. An manchen Orten wurden bereits 24-Stunden-Kitas eingerichtet – und sie blieben abends und nachts leer. Eltern wollten sie nicht haben.

Kitas mit längeren Öffnungszeiten sind grundsätzlich ein gutes Angebot. Aber sie erzeugen auch Druck. Deshalb sollte die Politik zuerst in andere Ideen  investieren: Warum verpflichten Firmen sich nicht, zumindest Alleinerziehende, da wo es geht, von Abend- und Nachtschichten zu befreien? Warum können Alleinerziehende und Eltern, die beide in Schichten arbeiten müssen, nicht eine öffentlich geförderte, vertraute Tagesmutter engagieren, die nachts nach Hause kommt? 

Familienministerin Schwesig verfolgt außerdem noch immer eine ziemlich gute Idee, mit der sie aber bislang in der Bundesregierung abgeblitzt ist: Die 32-Stunden-Woche für Eltern – mit Lohnausgleich. Außerdem sollten Führungskräfte in Jobsharing und Teilzeit nicht immer noch derart tabu sein.

Manches davon kostet viel Geld, aber anderes ist nur eine Frage der Einstellung und Organisation. Es geht vielleicht auch ohne 24-Stunden-Kita. 

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