Kinderlose seien egoistisch, hedonistisch, gefährdeten die sozialen Systeme, heißt es. Die Geburtenraten in den Industrienationen sind für viele alarmierend niedrig, Kinderlosigkeit sei ein "Massenphänomen in den Großstädten". Die Zukunft erscheint düster. Vielleicht glauben viele, dass nicht Tierarten verschwinden, sondern die Menschheit vor dem Aussterben steht. Der Arzt Jan-Steffen Krüssel bekrittelt: "Wir prangern die Veralterung der Gesellschaft an, dabei könnten wir 10.000 Babys mehr auf die Welt bringen" – wenn die Gesetze liberaler wären, wenn es mehr finanzielle Stütze gäbe. Eine TV-Moderatorin fragt, ob wir "lieber aussterben" wollen, als lesbischen Paaren auch ein Kind zu gewähren.

Diese Frage stellt sich überhaupt nicht, wenn man nur einen Blick über den Gartenzaun wagt. Um die Geburtenrate müssen wir uns keine so großen Sorgen machen: Weltweit liegt sie bei 2,5 Kindern pro Frau. Pro Tag werden 210.000 Babys geboren. Wachstum ist zwar unser Fetisch, in sämtlichen Bereichen. So soll auch die Bevölkerung stetig wachsen, aber natürlich nur in Europa und nicht in Afrika! Keinem Land kann die Geburtenrate gleichgültig sein. Doch die Befürchtungen sind völlig überzogen. Laut Eurostat leben in der EU mehr als 500 Millionen Menschen. Die Bevölkerung ist seit 1960 durch Geburten und Zuwanderung um 100 Millionen gestiegen. 2013 wurden mehr als fünf Millionen Kinder geboren. Aussagen wie jene der Autorin Susanne Fischer, dass wir in einer "an Kindern immer ärmeren Welt" leben, sind eurozentrisch. Nur weil die Geburtenraten in vielen EU-Staaten sinken oder stagnieren, ist die Welt nicht arm an Kindern. Der Demograf Wolfgang Lutz geht davon aus, dass bis 2100 neun Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Die UNO zeichnet ein dramatischeres Bild und spricht von elf Milliarden.

Wenn ich in Gesprächen anmerke, Kinder haben zu wollen könne auch egoistisch sein, erlebe ich oft Reaktionen wie jene von Grünenpolitiker Marco Schreuder: "Bitte, was ist daran egoistisch, wenn man ein Kind in die Welt setzen will, wenn man Zeit, Geld und Liebe investiert? Ich finde dieses Argument unerträglich. Auch die Aussage, man wolle 'ein Kind um jeden Preis', das macht mich wütend." Auch wenn es ihn wütend macht: Bewusste oder unbewusste Motive – eine Schwangerschaft und Geburt erleben, sich ganz als Frau sehen, die Weitergabe der eigenen Gene, das Kind als Beziehungskitt –, die beim Kinderwunsch mitschwingen können, sind nicht völlig selbstlos. Eltern können sich wichtig fühlen, erleben bedingungslose Liebe. Die Frage nach dem Sinn ist schneller beantwortet als bei Kinderlosen. Ohne diese Belohnung, auch durch Glücks- und Bindungshormone, die den Körper fluten, würden die Strapazen von Schwangerschaft, Geburt und Kinderaufzucht oft wohl nicht auf sich genommen werden. Selbstverständlich ist ein Kinderwunsch nicht uneigennützig, kein Kind wird aus reiner Barmherzigkeit gewünscht. Am ehesten trifft das noch auf Adoptiv- oder Pflegeeltern zu. Doch oft redet man vom Kinderwunsch und meint den Wunsch, Vater oder Mutter zu werden. Die Gründe sind völlig legitim, doch offenbar ist es nötig, den Egoismus dabei zu kaschieren und idyllische Motive vorzuschieben. Besonders empfindlich reagieren derzeit Homosexuelle, weil ihr Kinderwunsch von vielen nicht akzeptiert wird. Ihnen wird gerne unterstellt, sie frönten nur der Selbstverwirklichung. Das ist nun mal auch ein Motiv heutzutage, ganz egal, ob hetero- oder homosexuell. Der egozentrische Aspekt beim Kinderwunsch ist nicht so leicht zur Seite zu schieben. Das merkt man auch, wenn man auf die vielen Kinder hinweist, die zu kurz kommen, um die sich niemand kümmert.

Doch das zu sagen ist verpönt, der Wunsch nach dem genetisch eigenen Kind ist sakrosankt.

Wenn sich freiwillig Kinderlose aus der Deckung trauen, kassieren sie nicht selten wüste Beschimpfungen. Die Moderatorin Sarah Kuttner hat sich erdreistet, im Fernsehen zu bekennen: "Ich will keine Kinder." Nach einer Schrecksekunde fragte der Musiker Aki Bosse: "Aber warum denn?" Kuttner: "Ich find’ Kinder irgendwie doof. Mich interessieren die nicht. Ich müsste anfangen, früh aufzustehen für ein Kind. Möcht’ ich nicht machen." Sie würden Kinder nicht berühren, "dann sollte ich wohl auch keins machen, oder?" Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Sie sei egoistisch und kreise nur um sich selbst.