Seit mittlerweile acht Monaten leben wir in unserer Co-Eltern-Familie. Lynn kann schon rückwärts krabbeln, Brei in ihrem ganzen Gesicht verteilen und so breit lächeln, dass ihr bisher einziger Zahn zum Vorschein kommt. 

In den ersten Wochen nach der Geburt war ich jeden Tag für ein paar Stunden bei Marie und Cora zu Hause. Lynn wurde von Marie gestillt und in den Stillpausen von mir oder Cora durch die Wohnung getragen. Im Alter von einem Monat übernachtete sie zum ersten Mal bei mir. Die abgepumpte Milch blockierte für einige Wochen mein komplettes Tiefkühlfach. Als sie vier Monate alt war, wurde sie abgestillt. Seitdem ist Lynn durchschnittlich drei Tage die Woche bei mir und Fritzi. Vier Tage in der Woche ist sie bei ihren beiden Müttern. 

Mit Lynn erlebe ich, anders als im ersten Jahr mit Fritzi, nicht jeden Moment und auch nicht jeden neuen Entwicklungsschritt. Wenn Lynn nicht bei mir ist, freue ich mich über meine Freiheit oder über die Zeit exklusiv mit Fritzi. Aber manchmal bin ich auch wehmütig, wenn ich daran denke, was ich alles verpasse. Ich war nicht bei Lynns Geburt im Kreißsaal, ich habe nicht gesehen, wie sie sich zum ersten Mal vom Rücken auf den Bauch gedreht hat. Und den Durchbruch ihres ersten Zahns habe ich auch nicht miterlebt, sondern nur die Fiebernacht davor.  

Letztendlich passiert im Babyalter aber so viel, dass viele Erlebnisse für mich übrig bleiben. Ich habe ihr beispielsweise ihre erste Flasche und ein paar Monate später auch ihren ersten Brei gegeben. Und anders als ihre Mütter erlebe ich, wie sich die Beziehung zwischen Lynn und ihrer großen Schwester entwickelt. Ich sehe, wie die beiden kurz nach dem Aufwachen in meinem Bett miteinander lachen, während ich kaum meine Augen aufbekomme. 

Das Leben mit Kind ist anstrengend. Das Leben mit zwei Kindern ist nicht unbedingt einfacher. Wenn die Kinder bei mir sind, bin ich alleine mit ihnen. Dass ich mich ganz bewusst für diese Konstellation entschieden habe, ändert nichts daran. In manchen Momenten würde ich mir wünschen, mit einem zweiten Elternteil oder sonst irgendwem zusammenzuwohnen, um zwischendurch mal in Ruhe duschen oder aufs Klo gehen zu können. Das geht jedoch vielen Müttern oder Vätern im Alltag nicht anders, wenn beispielsweise der Partner arbeiten geht.  

In anderen Momenten bin ich glücklich, alleine zu sein. So kann ich in Ruhe den Beziehungsvorsprung, den Marie durch die Schwangerschaft und das Stillen erworben hat, aufholen. Ich komme nicht in Versuchung, ihr das schreiende Baby in die Hand zu drücken, weil ich denke, dass sie es eventuell besser beruhigen könne. Außerdem hilft mir meine Erfahrung mit Fritzi. Ich mache das alles nicht zum ersten Mal und lasse mich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. 

Wenn ich nach ein oder zwei unruhigen Nächten erschöpft und müde bin und Fritzi ihre Zeit mit mir einfordert, bin ich manchmal froh, Lynn schnell loszuwerden. Meine Lust, am Übergabetag noch zwei Stunden mit den beiden Müttern am Wohnzimmertisch zu plaudern, hält sich dann eher in Grenzen. Spannend wird in den nächsten Monate die Frage, inwieweit wir es hinbekommen, nicht aneinander vorbei zu leben. Wie wir einen Weg finden, uns gegenseitig zu entlasten und trotzdem Momente als gemeinsame Familie zu genießen. 

Bisher sind wir alle sehr glücklich. Das bestätigen wir uns während unseres letzten Gesprächs am Wohnzimmertisch. Bisher fühlt es sich sehr gut an und wir sind ganz verliebt in unsere gemeinsame Familie. Und auch Lynn geht es bisher sehr gut mit ihren drei Eltern. Sie hat in den letzten Monaten zu uns dreien eine enge Bindung aufgebaut und sie freut sich über jedes Wiedersehen. Meistens ist ein Elternteil für sie da, der nicht schon seit Tagen unausgeschlafen und ohne Kontakt zur Welt außerhalb des Babykosmos auf dem Zahnfleisch geht, sondern sich nach freien Tagen wieder riesig auf die Zeit mit ihr freut.

Familien sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die in ihnen leben. Ich weiß nicht, ob unser Familienmodell besser oder schlechter funktioniert als ein anderes. Acht Monate Co-Elternschaft liegen hinter uns, viele, viele Jahre gemeinsamer Elternschaft liegen noch vor uns. Da kommt noch einiges auf uns zu. So viele Herausforderungen warten auf uns. Ich freue mich sehr darauf, sie gemeinsam mit meiner Familie zu bewältigen.