Am Mittag hat Manuela Schwesig in Berlin von ihrer Schwangerschaft erzählt. Sie stand neben Schulkindern in orangefarbenen Verkehrssicherheitswesten, einem Mann, der als Tabaluga verkleidet war und dem Schlagersänger Peter Maffay. Mehr als fünfzig Journalisten waren gekommen, Fotografen und Kamerteams schubsten einander aufgeregt beiseite.

Schwesig überquerte mit Kindern, Tabaluga und Sänger eine Straße, stellte ein Projekt für Sicherheit im Straßenverkehr vor und berichtete dann fröhlich, wie gut es ihr gehe, wie viel Unterstützung sie von ihrem Mann und ihren Mitarbeitern bekommen werde und schwärmte vom "großen Rückhalt in der Partei". Im März 2016 soll das zweite Kind zur Welt kommen. Alles klang leicht und selbstverständlich, fast so einfach wie der Spaziergang mit dem Schulkindern und dem grünen Drachen.

Das ist neu. Politiker mit kleinen Kindern haben zuletzt viel darüber gesprochen, wie schwierig es für sie ist, gute Eltern und gleichzeitig erfolgreich im Beruf zu sein. Schwesigs Vorgängerin Kristina Schröder sagte nach ihrer Amtszeit, ihre Arbeitsbedingungen als junge Mutter seien "verdammt hart" gewesen. Arbeitsministerin Andrea Nahles berichtete während der Schwangerschaft, sie habe Angst, Konkurrenten könnten ihre Abwesenheit nach der Geburt ausnutzen. Justizminister Heiko Maas schrieb einen melancholischen Essay im Stern über seine Versuche, genug Zeit mit seinen Söhnen zu verbringen. Arbeits-Staatssekretär Jörg Asmussen kam nur nach Berlin, weil er in seinem vorherigen Spitzenjob im Direktorium der Europäischen Zentralbank seine Kinder zu wenig sah.

Der unbeschwerte Auftritt von Schwesig erinnert daran, dass Karriereeltern es nicht unbedingt immer nur schwerer haben als andere Väter und Mütter. Die Familienministerin ist selbst ein Beispiel für Vorteile, die Spitzenpolitiker mit Kindern im Vergleich zu vielen anderen berufstätigen Eltern genießen: Einmal pro Woche pendelt Schwesig am Nachmittag im Dienstwagen von Berlin nach Schwerin, um ihren Sohn von der Schule abzuholen. Am nächsten Morgen fährt sie zurück und bespricht unterwegs das Tagesprogramm telefonisch mit ihren Mitarbeitern.

Andere Eltern in Karrierejobs haben andere Möglichkeiten. Chefs und Chefinnen können bestimmen, wann Sitzungen beginnen und enden. Gutbezahlte Führungskräfte mit Kindern können Putzkräfte und Babysitter beschäftigen und Urlaube mit teuren Freizeitangeboten für die Kinder buchen. Womöglich gehen sie zum Elternabend, zur Choraufführung und zum Schuhekaufen wie andere Eltern auch. Aber den Termin, den reserviert die Assistentin im Büro.

Großeltern mal eben einen Flug spendieren

Geld kann nicht alle Probleme lösen, unter denen gestresste Eltern leiden, aber viele. Wer ein gutes Einkommen hat, kann Großeltern aus einer entfernten Stadt mal eben einen Flug spendieren, damit sie während des Kitastreiks aushelfen. Wer genug verdient, steigt ins Taxi statt in den Bus, wenn es im Büro mal später wird und er pünktlich zum Essen mit den Kindern zu Hause sein will.

Hinter jedem erfolgreichen Mann stecke eine Frau, hieß es früher. Heute steckt hinter fast jeder beruflich erfolgreichen Mutter mindestens ein engagierter Babysitter. Und oft ist es eine Frage der Bezahlung, wie motiviert, flexibel und vielseitig ein Au-pair oder ein Kindermädchen ist. Beruf und Familie seien vereinbar, Karriere und Familie jedoch nicht, wurde oft behauptet. Und lange haben Statistiken von kinderlosen Akademikerinnen und Vorstandsfrauen ohne Familie diesen Eindruck verstärkt.

Schwesigs Auftritt in Berlin erinnerte daran, dass sich etwas verändert hat. Immer mehr Dienstleistungen rund um die Familie sind käuflich. Eltern in Spitzenpositionen haben über Jahre hinweg flexiblere Arbeitszeiten für sich erstritten. Immer mehr Paare mit guten Jobs handeln ihre Arbeits- und Familienzeiten partnerschaftlich aus.

Viele Geringverdiener haben solche Möglichkeiten nicht, sie haben kein Geld für Nannys und können auch keine familienfreundlichen Teilzeit-Modelle aushandeln, weil sie nur mit zwei vollen Gehältern ihre Miete zahlen können. Inzwischen haben einfache Beschäftigte oft weniger Zeit für ein entspanntes Familienleben als ihre Chefs.