Jugendliche wollen einen sicheren Job mit festen Arbeitszeiten. Sie finden ihre Eltern toll, sind politisch nicht völlig desinteressiert, aber in ihrem Engagement recht pragmatisch. Eigene Ziele durchzusetzen ist ihnen wichtig, aber wie es in der aktuellen Shell-Jugendstudie heißt, "ohne Ellbogenmentalität". Sie gehen eher vorsichtig und taktierend vor. Große Utopien gibt es nicht, laute Parolen werden nicht gebrüllt.

Viele Alt-68er mögen sich in ihrem Urteil über die scheinbar langweilige und so wenig revolutionäre heutige Jugend bestätigt fühlen. Aber die Shell-Studie offenbart viel mehr: Sie zeigt einen Trend, über den sich viele Firmenchefs schon länger ärgern. Die Werte der jungen Menschen werden in erstaunlich altmodischem Sinne weiblicher. Ziele, die als typisch männlich gelten, werden zwar auch heute noch vor allem von den Jungs genannt – rangieren aber insgesamt eher weiter hinten.

Lange galt es als Zeichen der Emanzipation, wenn Frauen endlich das leisten durften, was Männer tun: Chef werden, 60 Stunden in der Woche arbeiten, Porsche kaufen, cool auftreten im Meeting. Als gerechte Gesellschaft galt die, in der alle die Chance bekamen, zu Männern zu werden. Schaut man sich die Shell-Studie an, fällt auf, dass genau das den Jungs weniger wichtig wird und die Mädchen und jungen Frauen noch immer nicht alle da hinwollen.

Junge Leute zwischen 12 und 25 finden zum Beispiel "sich bei Entscheidungen auch nach Gefühlen richten" (78 Prozent) wichtiger als "einen hohen Lebensstandard haben" (69 Prozent). Macht und Einfluss geben nur noch 33 Prozent der Jugendlichen als erstrebenswertes Ziel an. Scheinbar verstaubte Werte wie Fleiß und Sicherheit sind ihnen mittlerweile wichtiger, als viel Geld zu verdienen.

Das zeigt sich unter anderem darin, dass der Wunsch nach Bildung  sich zwischen den Geschlechtern annähert. Immer noch sind mehr Mädchen am Gymnasium, sie gelten als die Fleißigen. Aber mehr Jungs wollen inzwischen das Abitur schaffen. Auf der Hauptschule lernen inzwischen genauso wenige Jungs wie Mädchen (nur noch 13 Prozent; kaum einer setzt sich noch das Ziel Hauptschulabschluss). Bitter für die Unterschichtskinder, die nach wie vor keine Chance bekommen, mehr zu erreichen.

Kinder bleiben noch Mädchensache

Beide Geschlechter können sich inzwischen zu einem hohen Prozentsatz vorstellen, auch ohne Kinder glücklich zu werden. Aber die Jungs wollen Kinder noch seltener als die Mädchen. Offensichtlich haben auch Kita-Plätze und Vätermonate noch nicht bewirkt, dass junge Menschen daran glauben, gleichberechtigt Kind und Karriere zu verbinden. Vielleicht müsste man allerdings dieselbe Frage 30-Jährigen stellen, die Antworten würden bestimmt anders ausfallen.

Wie ihre Mütter und Großmütter legen aber deshalb vor allem viele Mädchen Wert darauf, dass sie neben dem Beruf Zeit für Familie und Kinder haben, während sich die jungen Männer eher noch mit Überstunden und Wochenendarbeit arrangieren können. Selbstverständlich finden sie das jedoch nicht mehr. Sie suchen sich ihren Job aber nach wie vor seltener als Frauen allein danach aus, wie erfüllend und sinnvoll sie ihn finden, sondern häufiger nach dem, was dabei finanziell herausspringt.

Durchstarter wollen beides

Allerdings zeigt die Studie, dass die größte Gruppe der Jugendlichen, sortiert man sie nach ihren Berufswünschen, gerne beides in Einklang bringen will: den Nutzen des Jobs, also Geld verdienen und Aufstiegschancen, mit der Erfüllung, den sie in der Arbeit finden wollen. Mehr als 60 Prozent dieser Gruppe sind junge Frauen.

Die Zukunft für die Frauen, aber langfristig wohl auch für die Männer, ist also: alles haben wollen. Eine sinnvolle Arbeit, Geld, Einfluss und Zeit für sich selbst und die Familie. Sowohl Machtstreben als auch Idealismus werden damit insgesamt weniger wichtig, weshalb Jugendliche nach außen vielleicht langweilig wirken und die Chefs den Eindruck haben, junge Leute brennen nicht mehr nur für den Job. Als Perspektive für die Emanzipation beider Geschlechter ist diese Tendenz jedoch spannend.