Der evangelische Theologe Nikolaus Schneider, bis 2014 EKD-Ratsvorsitzender, hat viele sterbende Menschen als Seelsorger begleitet, ihnen zugehört oder die Hand gehalten. Seine Frau Anne und er blieben von Leid nicht verschont: Schon früh verloren die beiden ihre Tochter Meike. Sie starb im Alter von 22 Jahren an Leukämie. Dann erkrankte vor einem Jahr Anne Schneider an Krebs in einer besonders aggressiven Form. Und es wurde beiden sehr schnell klar: Es kann sein, dass wir nicht mehr viel Zeit zusammen haben. Der Rücktritt von Nikolaus Schneider von allen kirchlichen Ämtern hat viele überrascht. Mehr noch, dass er die Diskussion über Sterbehilfe mit seiner Frau öffentlich machte. Anne Schneider sagte damals klar: Wenn ich unter unerträglichen Schmerzen leiden muss, werde ich Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Eine Position, die für Nikolaus Schneider nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbar ist. Für Anne Schneider schon. Dennoch hat er ihr in dieser Situation versprochen, am Ende bei ihr zu bleiben, wenn sie sich beim Sterben helfen lassen will – um der Liebe willen.

Hermann Gröhe hat als Bundestagsabgeordneter, als Bundesgesundheitsminister und als Christ ebenfalls eine profilierte Meinung zum Thema. Für ihn ist klar, dass der Gesetzgeber tätig werden muss. Dass man das Feld nicht gewerbsmäßig organisierten Sterbehilfevereinen oder Ärzten überlassen kann.


In dem Buch "Und wenn ich nicht mehr leben möchte?" (adeo Verlag, 2015) stellen sich Hermann Gröhe und Nikolaus Schneider den Fragen von ZEIT-Redakteurin Evelyn Finger, die – unter bestimmten Voraussetzungen – zu den Befürwortern von Sterbehilfe gehört. Hier ein Auszug.

Frage: Herr Schneider, Sie sind entschiedener Gegner des assistierten Suizids. Welches Argument für die Sterbehilfe finden Sie dennoch überzeugend?

Nikolaus Schneider: Als Gemeindepfarrer habe ich viele Menschen beim Sterben begleitet. Dabei hat mich am meisten bewegt, wenn Sterbende so heftige Schmerzen litten, dass sie einfach nicht mehr leben wollten. Das waren Gott sei Dank Ausnahmen, aber in solchen Fällen hatte ich volles Verständnis dafür, wenn einer sagte: Ich bestehe nur noch aus Schmerz; diesen Zustand kann ich nicht länger ertragen; ich will, dass er beendet wird.

Frage: Hat die Not der Sterbenden Sie dazu gebracht, dass Sie nicht nur den Sterbewunsch akzeptieren konnten, sondern auch die Bitte um Sterbehilfe?

Nikolaus Schneider: Wenn ich solches Leid erlebt habe, war ich auch als Pfarrer mit meinen Argumenten am Ende. Als Christ kämpfe ich bis zum Schluss für das Leben und darum, dass auch das Sterben als gutes Leben erlebt werden kann. Und auch in schwierigsten Lebenslagen habe ich immer darum gerungen, dass sterbewillige Menschen ihren Lebenswillen, ihre Freude am Leben wiedergewinnen. Aber in einigen harten Ausnahmefällen bin ich dann doch stumm geblieben, wenn die Bitte um Sterbehilfe ausgesprochen wurde.

Frage: Aus Mitleid?

Nikolaus Schneider: Und aus Barmherzigkeit. Aber auch, weil ich mit meinen Argumenten am Ende war. Was soll ich noch sagen, wenn jemand das Leben buchstäblich nicht mehr erträgt? Einen Menschen in einer solchen Situation nicht ernst zu nehmen, wäre für mich unchristlich.

Frage: Ihre krebskranke Frau hat sich gewünscht, dass Sie ihr notfalls beistehen, wenn sie Sterbehilfe braucht. Da sie selbst Theologin ist, argumentiert sie auch theologisch. Überzeugt Sie das?

Nikolaus Schneider: Meine Frau und ich sind uns in dieser Frage nicht einig, wir streiten darüber seit Langem. Sie hat vor allem ein Argument, mit dem ich mich wirklich rumschlage und das zu widerlegen mir bisher nicht gelungen ist. Sie sagt: "Das Leben ist für mich nicht nur Leben auf dieser Erde. Ich glaube an die Auferstehung, und das relativiert meine Zeit im Diesseits. Gott hat mir das Leben geschenkt, aber ich darf das Geschenk des Lebens auch an Gott zurückgeben, denn ich gehe fest davon aus, dass das nicht das Ende ist."

Dem stimme ich im Grundsatz zu. Und doch kann ich den Suizid nicht befürworten. Denn ich meine: Menschen sollen das Geschenk des Lebens nicht eigenmächtig an Gott zurückgeben.

Frage: Herr Gröhe, sind Sie auch schon einmal in Zweifel geraten, ob Sterbehilfe nicht doch akzeptabel ist?

Hermann Gröhe: Wer wollte Schwerstkranken und Sterbenden nicht helfen! Meint Sterbehilfe Begleitung im Sterben – medizinisch, pflegerisch, seelsorglich – so bin ich unbedingt dafür, hier unsere Anstrengungen deutlich zu verstärken. Meint man aber Hilfe zum Sterben – Tötung auf Verlangen oder Hilfe zur Selbsttötung – lehne ich dies ab. Aber natürlich kenne auch ich Fälle schwersten Leids, die mich ganz leise werden lassen. Stets muss es um bestmögliche Hilfe gehen. Normen allein reichen nicht aus!

Frage: Und dennoch sind Sie als Abgeordneter auch für das Setzen von Normen zuständig. Was sagen Sie denjenigen Bürgern, die über ihr Ende selbst bestimmen wollen?

Hermann Gröhe: In unserer freiheitlichen Rechtsordnung ist das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen ein ganz starker Punkt. Deshalb kann ein Patient einer Therapie seine Zustimmung verweigern oder ihren Abbruch verlangen, verbindliche Vorgaben in einer Patientenverfügung machen oder eine Vertrauensperson mit einer Vorsorgevollmacht zu entsprechenden Entscheidungen ermächtigen. Auch ist die Selbsttötung straffrei – und damit auch der Versuch oder eine Beihilfehandlung. Etwas ganz anderes aber ist das Verlangen, von einem anderen getötet zu werden.