Zwei Brautfiguren auf einer Demonstration für die gleichgeschlechtliche Ehe in Kalifornien. © Mario Anzuoni/Reuters

Seit Freitag ist die Kirche dem Staat voraus. Zumindest im Rheinland. Zwischen Emmerich und Saarbrücken darf jetzt gleichgeschlechtlich geheiratet werden. Mit großer Mehrheit stimmte die Synode der zweitgrößten Landeskirche auf ihrer Tagung in Bad Neuenahr der Änderung ihrer Kirchenordnung zu. Nur sieben der 211 Stimmberechtigten waren dagegen. Wo der Staat noch scheidet, wollen die Protestanten nicht mehr trennen. Wer hätte das gedacht?

Ob Ehe oder eingetragene Partnerschaft – beides wird künftig gleichermaßen "unter das Wort und den Segen Gottes gestellt". Es wird Gottesdienste anlässlich Eheschließung geben, so wie es sie anlässlich einer eingetragenen Partnerschaft gibt. Schwule und Lesben sollen einen Eintrag im Kirchenbuch bekommen und falls doch eine Pfarrerin oder ein Pfarrer Gewissensbisse hat, muss er oder sie organisieren, dass die Trauung in einer anderen Gemeinde stattfindet.

So weit ist nicht nur der Staat noch nicht gegangen, auch keine andere der evangelischen Kirchen in Deutschland war bisher so mutig. In 18 der 20 Landeskirchen ist die Segnung zwar möglich, Paare müssen aber teils mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Sachsen und Württemberg sperren sich bisher ganz.

Die gute Nachricht aus dem Westen sorgte deshalb für Turbulenzen in den Nachbarkirchen. In der Pfalz fragt man sich jetzt etwa, was mit den Mitgliedern geschieht, die zur kirchlichen Trauung ins Rheinland pilgern. Sollten die Pfälzer eine rheinische Trauung nicht in ihre Kirchenbücher eintragen, wäre das die erste Amtshandlung, die von einer anderen evangelischen Landeskirche nicht anerkannt würde. Auch in Speyer will man den Umgang mit Homosexuellen deshalb nun neu regeln.

Brisante Entscheidung für christliche Gemeinden

Auch ökumenisch ist die Entscheidung brisant. Katholische Laien fordern von ihren Bischöfen die Segnung homosexueller Paare zu ermöglichen. Hier ist der Fall anderweitig kompliziert: Wo Protestanten einen Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung feiern, ist die Ehe für Katholiken ein Sakrament, das sich die Eheleute gegenseitig schenken und das unauflöslich ist.

Außerdem sind die Katholiken nicht nur theologisch Weltkirche, sondern auch ganz praktisch. Sie müssten einen solchen Beschluss nicht nur 2,7 Millionen Kirchensteuerzahlern, sondern mehr als einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt erklären. Die Bischofskonferenz hat sich bisher noch nicht zur Gleichstellung im Rheinland verhalten, Begeisterung ist aber nicht zu erwarten.

Die anglikanische Kirche ist in ihrer Haltung zur Segnung homosexueller Paare gespalten. Während die Synode in Bad Neuenahr ihre Entscheidung fällte, wurden die liberalen Anglikaner mit Sanktionen belegt und dürfen drei Jahre nicht mitbestimmen, weil sie auch Homosexuelle gesegnet haben. So sehr, wie es manche Konservative beschwören, ist der ökumenische Frieden aber durch die Gleichstellung der Gleichgeschlechtlichen nicht bedroht.

Gleichstellungsentscheidung wird begrüßt

Die Progressiven an Rhein und Ruhr wiederum freuen sich, dass ihre Kirche diesen Schritt nach langem Ringen nun endlich gegangen ist. Allerdings würde sich in der Praxis wenig ändern, sagt ein Pfarrer. Wer gleichgeschlechtliche Paare trauen wollte, habe das in aller evangelischen Freiheit auch seither getan. Die Einträge im Kirchenbuch würde sowieso niemand überprüfen. "Dafür interessiert sich vielleicht mal ein Kirchengeschichtler in hundert Jahren", meint er.

Für homosexuelle Paare ist die Gleichstellung in der rheinischen Landeskirche nur von geringer Bedeutung. Eine kirchliche Trauung hat keinerlei rechtliche Relevanz. Nur Paare, die ihrer Gemeinde eng verbunden sind, entscheiden sich bisher dafür. Das neue Kirchenrecht wird aber spätestens dann in die Geschichtsbücher der Lesben- und Schwulenverbände eingehen, wenn der Staat – so Gott will – dem Vorbild der rheinischen Landeskirche folgt.