Familien warten vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen auf die Registrierung. © Boris Roessler/dpa

Die Zahl der flüchtenden Kinder nimmt zu. Bis zu 80 Prozent der Flüchtenden auf der Balkanroute sollen derzeit laut einem Spiegel-Bericht  Frauen, Jugendliche und Kinder sein. Das Deutsche Kinderhilfswerk hat schon mehrfach Alarm geschlagen und den Bundestag angemahnt, dass es in den Erstaufnahmelagern betreute Schutzräume für Kinder geben müsse und geschlechtergetrennte Sanitäranlagen. Sexuellen Übergriffen müsse vorgebeugt werden. Und dieser Schutz müsse endlich gesetzlich verankert werden.

Auch die Berliner Schriftstellerin Veronika Peters, die seit Monaten in einer Notunterkunft hilft, erzählt, dass den Kindern dort ein Ort fehle, an dem sie sich sicher fühlen und Ruhe finden können zum Schlafen, Spielen und Lernen: "In den Turnhallen ist es zu laut, man hat keine Tür, die man hinter sich zumachen kann, die sanitären Anlagen sind ein Albtraum." Deshalb ist Peters begeistert von einer Initiative der Architektin Katharina Lottner: Sie hat stabile Trennwände in eine Halle eingelassen, so dass nun kleine Einheiten entstanden sind und somit ein Minimum an Privatsphäre.

Kasim allein im Rheingau

Außerdem dauern die bürokratischen Prozesse viel zu lange. Die Publizistin Anke Domscheit-Berg, die in Hessen und in Berlin  in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, erzählt von dem achtjährigen Kasim aus Syrien: Er floh gemeinsam mit seinen beiden etwa 20-jährigen Cousins über das Mittelmeer. Die Eltern hatten für die lebensgefährliche Überfahrt ihren Sohn den beiden kräftigen Neffen anvertraut. Doch im hessischen Rheingau dürfen die jungen Männer nicht für den Jungen sorgen, denn sie sind keine Verwandte ersten Grades. Kasims Antrag auf Asyl liegt immer noch beim Jugendamt Rheingau, genauer gesagt beim Rheingau-Taunus Fachdienst Jugendförderung. 

Besser noch als die jungen Neffen wäre es für das traumatisierte Kind, wenn seine Eltern bei ihm wären. Doch ohne Asyl, das Kasim mit Sicherheit bewilligt bekommen würde,  kann auch kein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden. Da er nun schon seit August allein in Deutschland ist, haben sich seine Eltern unter Lebensgefahr – der Vater Amir ist Diabetiker – auf den gefährlichen Seeweg gemacht, mitsamt ihrer sechsjährigen Tochter, Kasims Schwester, und einem sechzehnjährigen Neffen, der gerade bei einem Bombenanschlag beide Eltern verloren hat.

Viermal wurde die Familie von der türkischen Polizei auf dem Wasser abgefangen. Die Eltern erzählen, sie hätten mit den Kindern über Nacht im Gefängnis gesessen, ohne mit Essen versorgt zu werden. Jetzt sitzt Kasims Familie mit Tausenden anderen Flüchtlingen im griechischen Idomeni fest. Die Mutter teilte Anke Domscheit-Berg per SMS mit, es sei eiskalt und es gebe nur zwei beheizte Zelte für 8.000 Menschen. 

Ein weiterer Fall aus Hessen zeigt das Behördenchaos: Im November letzten Jahres wurde eine Mutter auf der Flucht von zweien ihrer drei Kinder getrennt, da sie in unterschiedliche Busse gezwungen wurden. Die Mutter landete in Köln, die Kinder in Gießen. In Hessen galten die Kinder deshalb als unbegleitete Minderjährige. Seit nunmehr vier Monaten warten sie darauf, zu ihrer Mutter nach Köln gebracht zu werden. Jetzt will der Landkreis sogar die Vormundschaft für die Kinder übernehmen. Erst nach vier Monaten Trennung erfuhr die  Mutter, dass sie einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könne. Anke Domscheit-Berg stellt resigniert fest: "Die Mutter kann nur Arabisch, ist mit diesen Prozessen überfordert. Wieso muss sie eigentlich einen Antrag stellen? Warum kommen Kinder nicht automatisch zu ihren Eltern?"