Der 10-jährige Jakob aus dem Kosovo schläft schlecht, er hat gehört, dass die Polizei immer nachts kommt, um Flüchtlinge abzuschieben. Er will unbedingt hier bleiben, ein Deutscher werden. Josephina (13) dagegen weiß nicht so genau, warum ihre Mutter mit ihr und ihren Brüdern aus Eritrea geflohen ist. Sie vermisst ihre Oma sehr und könnte sich vorstellen, einmal wieder dort zu leben.

Die Syrerin Kabira (10) wäre mit ihrer Mutter und den kleinen Geschwistern bei ihrer Flucht in einem winzigen Boot auf dem Mittelmeer beinahe gekentert und ertrunken, sie hat immer noch Albträume davon. Bojan (ebenfalls 10)  hat die Flucht aus Serbien als Aufbruch in ein besseres Leben erlebt. Sogar das Zeltlager, in dem seine Familie am Anfang in Deutschland unterkam, fand er toll. Er sagt, er habe nichts gehabt, jetzt habe er alles. Dabei lebt er auf engstem Raum mit Eltern und Geschwistern in einer Flüchtlingsunterkunft. Die gespendete Jacke ist zu groß, die Hose zu klein. 

Die kurzen Geschichten beschreiben, wie unterschiedlich Kinder mit der Flucht nach Europa, mit ihren Erinnerungen und Wünschen umgehen. Die Organisation World Vision hat nur einige geflüchtete Kinder zwischen 10 und 13 Jahren in ausführlichen Interviews dazu befragt, wie sie die Flucht erlebt haben und wie sie ihr neues Leben in Deutschland finden. Es ist keine repräsentative Studie. Aber die Geschichten, die die Kinder erzählen, zeigen auf der einen Seite, wie wichtig es ist, sich nicht nur Zahlen und Staatsangehörigkeiten anzuschauen, sondern die einzelnen Schicksale anzuhören – und zwar nicht nur die Version der Erwachsenen. Ein Land, das von der Bundesregierung als sicheres Herkunftsland eingestuft wird, kann sich für einen Roma-Jungen alles andere als sicher anfühlen. Eine Notunterkunft kann das eine Kind erschüttern, ein anderes leidet viel mehr an der Angst vor Abschiebung.

Länder wollen mehr Geld für Flüchtlinge Die Bundesländer fordern vom Bund eine gerechtere Aufteilung der Flüchtlingskosten. Der Wahlerfolg der AfD erfordere sofortiges Handeln, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff.

Auf der anderen Seite haben die beteiligten Erziehungswissenschaftler und Ärzte in den ganz unterschiedlichen Geschichten auch Gemeinsamkeiten gefunden, die das Ankommen in Deutschland entweder erleichtern oder erschweren können. Sie haben dabei auf beides geschaut, die besondere Verletzlichkeit der Kinder und darauf, was dazu beiträgt, dass sie sich hier wohlfühlen und es ihnen gut geht.

Verlust

Viele Kinder mussten die Oma, den Onkel und die beste Freundin oder den besten Freund in der Heimat zurücklassen. Manchmal sind die Väter oder großen Brüder schon vorher geflohen, und es dauert lange, bis die Familien wieder zusammenfinden. Die 10-jährige Kabira hat erlebt, dass sich Vater und Mutter getrennt haben, als die Familie endlich wieder zusammen war.

Solche Verluste müssen nicht traumatisch werden, auch ein Kind hierzulande zieht mal um oder erlebt eine Trennung und Scheidung der Eltern. Wie gut die Kinder damit umgehen können, hängt immer davon ab, welche Ressourcen sie sonst haben. Können wenigstens die engsten Familienangehörige sicher nachreisen? Können ihre Eltern sie auffangen, oder sind sie selbst traumatisiert oder zu gestresst? Wie viel Verantwortung müssen die Kinder zum Beispiel für jüngere Geschwister oder als Dolmetscher übernehmen, weil die Eltern überfordert sind? Fühlen sie sich zugehörig in der neuen Heimat? Haben sie eine Perspektive? Und können sie die Erinnerungen an die alte Heimat in ihr neues Leben integrieren?

Familie und Freunde als Ressourcen

Die Familie, mit der sie vereint sind, und neue Freunde, die sie nach der Ankunft finden, sind für alle befragten Kinder eine besonders wichtige Kraftquelle, um den Verlust der Heimat zu verarbeiten und im neuen Leben anzukommen. Die Kinder brauchen dafür aber Raum und Freizeitangebote, um andere Kinder kennenzulernen – was in den Notunterkünften oft fehlt. Stressig wird es für sie, wenn sie ständig von einer Unterkunft in die nächste umziehen müssen und dabei ihre gerade gewonnenen Freunde immer wieder verlieren.

Manchmal müssen die Eltern entlastet werden, wie Edgars Mutter, eine Kosovarin, die wegen ihrer Depression in Deutschland zwar endlich behandelt wird. Aber eigentlich bräuchten Edgar und seine Geschwister jetzt andere Erwachsene, damit sie nicht zu viel Verantwortung übernehmen müssen, wenn es der Mutter wieder schlecht geht oder sie ins Krankenhaus muss.