Jeden Tag lagen Wodka- oder Bierflaschen im Garten der Kita. Halbleere, fast leere, leere – nur gar keine, das kam nicht vor. Auf die freundlichen Rückfrage, ob die nicht mal beseitigt werden könnten, hieß es: "Räumen Sie die doch selber weg!"

Unser Sohn war im Sommer 2010 gerade 14 Monate alt geworden. Wir freuten uns, überhaupt einen der umkämpften Kita-Plätze in unserer Nachbarschaft im Prenzlauer Berg in Berlin bekommen zu haben. Natürlich hatte ich von Personal- und Geldnot der Kitas gelesen und sogar selber schon für ein höheres Einkommen von Erzieherinnen öffentlich demonstriert. Überkandidelte Erwartungen an eine perfekte Kita, wie sie gern Prenzlauer-Berg-Eltern unterstellt werden, hatten wir bestimmt nicht.

Ich komme nicht aus einem Heile-Welt-Dorf, sondern bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Anfang der siebziger Jahre war ich hier in zwei Kitas. Unvergessen geblieben ist mir der Zwang, aufessen und mittags schlafen zu müssen, wenn man die Speisen beim besten Willen nicht herunterbekam oder absolut nicht müde war. Wir mussten sogar die Augen schließen und Schlaf simulieren, die Erzieherinnen liefen an unseren Betten vorbei, beugten sich zu uns hinunter und kontrollierten unsere Gesichter. Mobbing – den Begriff gab es damals noch nicht – war allgegenwärtig, schüchterne Kinder hatten das Nachsehen. Aber seitdem waren ja 40 Jahre vergangen.

In der ersten Kita unseres Sohnes wurden die Flaschen meist nachts von der Straße über den Zaun in die Büsche, die den Kitagarten einrahmten, geworfen. Vorsichtig geäußerte Zweifel, ob die Kinder nicht die Wodkareste austrinken oder sich mit den schweren Flaschen verletzen könnten, schlugen die Erzieherinnen resolut in den Wind: "Die Kinder sollen bei uns auf der Wiese bleiben und nicht in die Büsche!"

Doch nichts war für unseren Sohn spannender als die tollen Büsche, in denen man Geheimpfade finden und Verstecken spielen konnte. Und natürlich war er damit nicht der Einzige.

Gelegentlich blieb die Kita auch mal überraschend geschlossen. "Zu wenig Personal heute! Uli, Kati und Gabi sind krank! Können Sie Ihr Kind wieder mitnehmen?" Bei zwei berufstätigen Eltern sorgten solche Überraschungscoups stets für erheblichen Stress, bei allem Verständnis für die Probleme, vor denen auch eine große Kita stehen kann, wenn mehrere Erzieherinnen auf einmal erkranken. Einmal fiel für eine ganze Woche die Betreuung aus.

Erzieherinnen verschwinden plötzlich

Und auch zu normalen Zeiten war die Situation nicht gerade idyllisch: Auf 24 Kinder, von denen nur ein paar über drei Jahre alt waren, kamen zweieinhalb Erzieherinnen-Stellen.

Immer mal wieder verschwanden Mitarbeiterinnen, sie tauchten von eben auf jetzt einfach nicht mehr in der Kita auf, weil sie offenbar – zum Teil sicher aus nachvollziehbaren Gründen – keinen Bock mehr auf ihre Arbeit dort hatten. Für manches Kind, das sich gerade eingewöhnt und diese Erzieherin als Bezugsperson akzeptiert hatte, war das alles andere als einfach.

Schließlich wechselten wir die Kita. Wir waren fest entschlossen, in der neuen Einrichtung ein paar Straßen weiter alles gut zu finden. Wir kamen, würde ich heute – ein dreiviertel Jahr nach der Einschulung meines Sohnes – sagen, von der Traufe in den Regen.