Die Kitachefin kann nicht mehr. Es ist erst Mittag, aber sie geht nach Hause. Dort schreibt sie an ihre Vorgesetzten bei der Diakonie in Frankfurt: "Noch nie habe ich Kinder so wund gesehen und schreien hören, weil sie nicht gewickelt wurden." Erzieherinnen ihrer Krippe schreien Kinder an, zerren sie am Arm durch das Zimmer. Auch ihre Co-Chefin alarmiert den Träger. "Notsituation" lautet der Betreff der E-Mail. "Wir machen unseren Job sehr gerne und mit gutem Gewissen, aber die Umstände machen die Arbeit einfach untragbar." So steht es in einer Falldokumentation über Mängel in der Kita, die ZEIT ONLINE vorliegt.

Das Papier ist ein Hilferuf. Und nicht der einzige. Überall im Land sehen Kitaleiterinnen, Erzieherinnen und Eltern dramatische Missstände. Doch niemand hilft ihnen. Ob Kitaträger oder Ämter, viel zu viele schauen weg. Und im Bund boykottieren die zuständigen Ministerpräsidenten aller Parteien überfällige Mindeststandards, die Kleinkinder schützen würden.

Alle Länderchefs sind sich einig, "dass es keiner bundesweiten Standards bedarf". Ihr Beschluss, von dem niemand erfahren soll, fällt am 11. Dezember 2014 im Bundeskanzleramt. Angela Merkel hat die Ministerpräsidenten der Bundesländer in ihren Amtssitz gebeten. Die Runde geht bereits dem Ende zu, als der drittletzte Tagesordnungspunkt aufgerufen wird: Kitaqualität. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die monatelang für einheitliche Mindeststandards geworben hatte, ist ins Kanzleramt geeilt. Aber sie kann das Debakel nicht verhindern.

Die Kanzlerin schweigt, jedenfalls vermerkt das Protokoll keine Wortmeldung von ihr. Tagesordnungspunkt 15 wird routiniert erledigt. Auch anderthalb Jahre später kennen nur Eingeweihte den Wortlaut dieses Beschlusses, der ZEIT ONLINE vorliegt. Er gilt als nicht öffentlich. Selbst zuständige Landesminister erfahren nichts.

Der Internationale Konferenzraum im Kanzleramt. Dort fassten die Ministerpräsidenten jenen verhängnisvollen Beschluss, den wir hier dokumentieren (Klicken Sie auf das Bild). © Tim Brakemeier/dpa

Mit dem, was die 16 Ministerpräsidenten an diesem Wintertag im Kanzleramt entsorgen, brechen sie ein Versprechen. Es lautete: Erst bauen wir im großen Stil neue Kindergartenplätze, dann wird deren Qualität verbessert. Aber die Länder sagen den zweiten Schritt ab.

Die Folgen dieser Politik erleben viele Kinder jeden Tag. ZEIT ONLINE hat seine Leser Anfang Mai gefragt, ob sie Missstände in ihrer Kindertagesstätte beobachtet haben. Etwa 2.000 Eltern und 260 Kita-Mitarbeiter haben geantwortet. Wissenschaftler, Behördenmitarbeiter und Berufsaussteiger berichteten aus dem Inneren der Boombranche.

Ein Reporterteam ist Dutzenden Erfahrungsberichten nachgegangen: In Hamburg sperrt eine Erzieherin einen Fünfjährigen in einen Toilettenraum, ein Kindergartenleiter ohrfeigt einen autistischen Jungen. In Heilbronn traktiert eine ältere Fachkraft ein Kind so, dass es mit Hämatomen nach Hause kommt. Im saarländischen Eppelborn schlägt eine Erzieherin einem Kind auf die Finger, weil es nicht auf ihre Anweisungen hört.

"Schieflage in der Pädagogik"

In Frankfurt schalten die Kitaleiterinnen schließlich die städtische Aufsichtsbehörde ein, weil sie das Wohl der Kinder in ihrer Krippe gefährdet sehen.

"Wir nehmen jedes Kind ernst – mit seinen Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen", mit diesem Versprechen wirbt das Diakonische Werk in Frankfurt für seine "Krabbelstuben". Eltern können dort schon vier Monate alte Babys ganztags unterbringen, "in einer Atmosphäre, die Offenheit und Vertrauen prägt".

Eine gekrümmte Seitenstraße, hier im Norden kann man Frankfurt für ein Dorf halten. Schmutzschlieren ziehen sich über den Putz des Mehrfamilienhauses. Drinnen verbringen gut 30 Kinder einen großen Teil ihrer ersten drei Lebensjahre. Was sie bis Ende 2015 dort erlebten, beschäftigt seit einem halben Jahr das Stadtschulamt Frankfurt als Kita-Aufsichtsbehörde.

Die Fallsammlung, die dem Schulamt vorliegt, dokumentiert trostlose Zustände in der Kinderkrippe. Schon im Oktober 2014 alarmiert die Leitung der Krippe das Diakonische Werk: "Die Krabbelstube bietet aktuell für die Kinder leider nur eine Aufbewahrungssituation." Es folgen regelmäßige Meldungen, was alles schlecht läuft: Mitarbeiterinnen lassen Kinder im Schlafraum allein, obwohl es drinnen stockfinster ist und die Jüngsten die Tür nicht alleine öffnen können, wenn sie Angst bekommen. Erzieherinnen sprechen Kleinkinder schroff an, Windeln werden so selten gewechselt, dass Kinder wund werden und beim Wickeln vor Schmerzen weinen. "DAS ist Kindeswohlgefährdung", warnt die Leitung den evangelischen Träger, "so unprofessionelle Arbeit mit den Kindern" habe sie nie zuvor erlebt. So geht es über Monate, ohne dass sich viel ändert.

ZEIT ONLINE hat der Diakonie und dem Bildungsdezernat der Stadt Frankfurt eine Liste mit Fragen zu den beschriebenen Vorfällen geschickt. Der Leiter des Diakonischen Werks, Michael Frase, lädt daraufhin zum Gespräch. Ein nüchterner Konferenzraum im dritten Stock eines Bürogebäudes, 400 Meter vom Mainufer entfernt. Auf diesem Flur arbeitet die Abteilung Personalgewinnung der Diakonie. Wie anderen Kita-Anbietern fehlen dem evangelischen Träger talentierte Fachkräfte für seine 31 Kinderkrippen, die er seit 2003 in kurzen Abständen eröffnet hat. Mehr als 1.000 der 5.000 neuen Krippenplätze in Frankfurt hat die Diakonie geschaffen und dafür auch Kita-Mitarbeiterinnen aus Ungarn angeworben.

Michael Frase trägt Sakko und eine feine Metallbrille. Man könnte ihn für einen Betriebswirt halten, aber die Visitenkarte weist ihn als Pfarrer mit Doktortitel aus. Der Theologe spricht gereizt. Die Anfrage berühre interne Vorwürfe, deshalb könne die Diakonie sich nicht zu allen Punkten äußern. Frase verdächtigt ehemalige Angestellte, die Vorwürfe öffentlich gemacht zu haben. Und er droht: Die Diakonie prüfe rechtliche Schritte gegen sie.

Offenheit versprechen, aber die Jagd eröffnen, wenn Missstände publik werden. So läuft es immer wieder, wenn Konflikte aus Kitas nach außen dringen: Wer Mängel offenlegt, bekommt Ärger.

Der Diakoniechef verteidigt das Krisenmanagement. "In allen Fällen können wir dokumentieren, dass wir sofort gehandelt haben." Die Diakonie habe das Kinderschutzkonzept der Stadt Frankfurt "in allen Fragen der Kindeswohlgefährdung komplett angewendet".

Offenbar war die Diakonie selbst unzufrieden mit der Situation in der Krabbelstube. Von einer "Schieflage in der Pädagogik" spricht Ursula Renkewitz. Sie ist als Bereichsleiterin für 13 Krippen der Diakonie zuständig. Auf den stockfinsteren Schlafraum habe man sofort reagiert. Eine Fachberaterin habe die Einrichtung unterstützt, die damaligen Leiterinnen bekamen ein Coaching. Inzwischen hätten sie allerdings gekündigt. Unter der neuen Führung laufe die Einrichtung "stabil".

Lesen Sie in der ZEIT Nr. 28 vom 30.06.2016 den Schwerpunkt im Chancen-Ressort: „Kitas im Chaos – Eine Umfrage enthüllt, wie schlecht die Qualität vieler Einrichtungen ist."

Nach dem Vorfall mit dem herumgezerrten Kind schickt die Diakonie eine förmliche Meldung wegen des Verdachts einer Kindeswohlgefährdung an die Aufsichtsbehörde. Sie schaltet sogar den Kinderschutzbund ein, das Stadtschulamt habe den Fall "vertieft geprüft". Diese Prüfung habe eindeutig ergeben, dass der Umgang mit dem Kleinkind keine Kindeswohlgefährdung war. So schildert es Ursula Renkewitz.

Im Frankfurter Kinderschutzkonzept steht unter "vertiefte Prüfung": "Zwingend erforderlich ist in jedem Fall die Information der betroffenen Eltern". Doch die Diakonie informiert die Familie nicht. Die Kita-Leitung, der Träger, die Aufsichtsbehörde und der Kinderschutzbund – alle erfahren von dem Vorfall. Nicht aber die Eltern des betroffenen Kleinkindes. Mit dem Verdacht der Kindeswohlgefährdung müsse man "sehr sensibel" umgehen, sagt Diakoniechef Frase: "Wie soll ein solcher Vorwurf wieder eingefangen werden, wenn er sich als falsch erweist?"

Der Bildungsbehörde in Frankfurt liegen seit Monaten die Hinweise zur Situation in der Krabbelstube vor. Eine Auskunft dazu lehnt das Amt jedoch ab. In einem laufenden Prüfverfahren sei das rechtlich unmöglich, behauptet eine Sprecherin.