Terroranschläge und Amokläufe, Nizza, München und jetzt Ansbach. Kinder hören von der Gewalt, sehen die Bilder im Fernsehen und in sozialen Medien. Sie erfahren, dass andere Kinder und Jugendliche umgebracht wurden – und sie haben Angst. Genauso fürchten viele Eltern noch mehr als sonst um die Sicherheit ihrer Kinder. Jetzt, wo in vielen Bundesländern die Ferien begonnen haben, gehen Kinder in Schwimmbäder oder auf den Ponyhof, Jugendliche fahren zu Festivals, die Familien verreisen und nutzen Bahnhöfe und Flughäfen.

ZEIT ONLINE: Frau Raffauf, wie sollen Mütter und Väter mit ihren eigenen Ängsten umgehen?

Elisabeth Raffauf: Es ist wichtig, die eigene Angst nicht zu verleugnen. Wenn Eltern ihren Kindern sagen: "Ach, das ist gar nicht schlimm, uns passiert nichts", aber die Augen zucken dabei so ungewohnt, dann merken Kinder sofort, dass etwas nicht stimmt und das verunsichert sie noch mehr. Wenn Eltern ihre Angst zugeben, zeigen sie außerdem, dass das Gefühl normal ist, dass auch die Kinder sie nicht verleugnen müssen. Gleichzeitig sollten Erwachsene ihre Kinder aber nicht mit unnötiger Hysterie belasten. Sie sollten mit anderen Erwachsenen darüber reden und sich gegenseitig vergewissern: Obwohl wir täglich mit diesen Nachrichten konfrontiert werden, passiert es doch selten.

ZEIT ONLINE: Ist es in Ordnung, nach solchen Ereignissen einem Kontrollbedürfnis nachzugeben oder sollen Eltern die Kinder trotzdem alleine losziehen lassen?

Raffauf: Eltern könnten zum Beispiel zu ihrem Kind sagen: Wir machen uns gerade Sorgen. Sag mir doch kurz Bescheid, wenn du angekommen bist. Und wenn du selbst unterwegs Angst bekommst, kannst du bei der netten Frau in der Bäckerei vorbeigehen. Aber wir alle sollten uns weiter dem Leben stellen. Die Angst wird nur wieder kleiner, wenn wir merken, dass wir doch immer wieder heil ankommen.

ZEIT ONLINE: Sollten wir vor kleinen Kindern die Ereignisse fern halten?

Raffauf: Eltern sollten die Auseinandersetzung nicht gerade provozieren, indem sie mit Kleinkindern die Tagesschau gucken. Aber wenn die Kleinen etwas gehört oder gesehen haben, sollten sie ehrlich mit ihnen reden. Sie sollten dabei keine Vorträge über den IS oder Amokläufe halten, sondern immer erst mal hinhören: Was denkt das Kind? Wovor hat es Angst? Und dann ehrlich, aber sensibel und altersgerecht antworten. Vielleicht können Eltern fragen: Kannst du die Angst malen? Und wie ist es, wenn die Angst weg ist, kannst du das auch malen?

ZEIT ONLINE: Was wollen Kinder denn überhaupt wissen?

Raffauf: Kinder fragen oft: Kann es hier auch passieren? Und: Warum machen Menschen so etwas? Das sollte man ehrlich besprechen. Ja, es kann auch hier passieren, aber es ist extrem unwahrscheinlich. Nach einem Amoklauf können Eltern sagen: Das war ein verzweifelter Mensch, vielleicht ein Einzelgänger, der außerdem seelische Probleme hat. Ein Thema, über das Schulkinder reden können. Wie kann ich anderen helfen, die in Not sind? Manchmal fragen Kinder auch: Was ist mit den Menschen, denen das passiert ist? Auch hier sollten wir die Wahrheit sagen und gleichzeitig Hoffnung machen: Wahrscheinlich können sie es nicht vergessen. Es bleibt eine Narbe, aber die Wunde verheilt und es gibt Menschen, die ihnen helfen können.

ZEIT ONLINE: Was ist, wenn das eigene Kind die Attentate cool findet? Oder von Schulkameraden so etwas erzählt?