Robert und Sarah LeVine sind Ethnologen und haben an der Universität Harvard und in vielen Ländern zu Kindererziehung geforscht. Eltern, die sich fragen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen, empfehlen sie vor allem eines: Entspannung. Ihr Buch "Do Parents Matter?" stellt den Einfluss der Eltern infrage.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Eltern seien bei Weitem nicht so wichtig für die Entwicklung der Kinder, wie amerikanische Experten das behaupten. Wie kommen sie darauf?


Sarah LeVine: Viele sogenannte Experten sind der Meinung, dass fast jedes Verhalten der Eltern Konsequenzen hat. Viele amerikanische Eltern glauben, dass alles zwischen der Geburt und dem dritten Lebensjahr die Zukunft des Kindes bestimmt; dass ein kleiner Fehler einen dauerhaften negativen Einfluss hat. Das ist einfach falsch. Kinder sind viel belastbarer, als das psychologische Modelle voraussagen, die in westlichen Ländern entwickelt wurden.

Robert LeVine: Mit anderen Worten: Mütter laufen nicht dauernd Gefahr, der Psyche ihres Kindes zur schaden. Unser Buch soll die kulturelle Vielfalt in der Kindererziehung zeigen, so dass Eltern für sich entscheiden können, was das Beste für ihr Kind ist.


ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch bauen Sie auf die Arbeit von anderen Ethnologen auf, sie haben aber auch selbst über Kindererziehung in Nigeria geforscht. Welche Unterschiede haben Sie beobachtet?

Sarah LeVine: Bei manchen Müttern in Nigeria und auch in Kenia haben wir beobachtet, dass sie nicht mit ihren Kleinkindern sprechen oder ihnen nicht in die Augen sehen. Das ist bei unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Afrika so. Wir empfehlen nicht, das hier anzuwenden. Unser Punkt ist: Trotz dieser Praxis geht es diesen Kindern später gut. Es kommt eben auf das soziale Umfeld an. In vielen anderen Kulturen geben nicht Eltern ihren Kindern Zuneigung, sondern Großeltern, Onkeln und Tanten, ältere Geschwister und Cousins. Dafür gibt es kulturelle Gründe wie beispielsweise die Förderung der Achtung und des Gehorsams gegenüber den Eltern. Die wird in vielen Agrargesellschaften als notwendig erachtet für den Beitrag des Kindes zur Familienwirtschaft und für seine moralische Erziehung. Unterhaltungen gelten dann diesem Ziel entgegengesetzt. Dabei geht es um Respekt. Für uns im Westen klingt das altmodisch.

Sarah und Robert LeVine sind amerikanische Ethnologen. Ihr Buch "Do Parents Matter?" beschreibt Methoden der Kindererziehung weltweit. © Privat

ZEIT ONLINE: Sie unterscheiden in der Kindererziehung zwischen Hautkontakt und Blickkontakt. Weshalb?

Sarah LeVine: In vielen westlichen Ländern ist man überzeugt, dass es wesentlich ist, das Kind zu beachten, mit ihm zu sprechen, um beispielsweise die Sprachentwicklung nicht zu gefährden. Viele Hunderte nicht westliche Gesellschaften tun das nicht. Mütter arbeiten oft sehr viel, ihre Kinder werden dabei auf dem Rücken getragen und in der Nacht schlafen sie im selben Bett mit der Mutter.

Robert LeVine: Wir haben beobachtet, wie zentral Berührung ist. Viele Mütter sprechen nur mit ihrem Kind, wenn es mit einem Verhalten aufhören soll. Doch direkter Blickkontakt regt das Kind nur auf. Man vermittelt dem Kind Liebe, indem man ihm körperlich nahe ist. Wir in den USA oder Europa würden da zustimmen, sind aber im Gegensatz zu vielen afrikanischen Gesellschaften überzeugt, dass ein Kind zusätzlich Bestätigung durch Zuneigung braucht, durch Blickkontakt beispielsweise. Es gibt also mehr als einen Weg, dem Kind Sicherheit zu vermitteln.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen oft von Müttern. Welche Rolle spielen die Väter?

Sarah LeVine: Generell sind Väter weniger in Säuglingspflege und Kindererziehung eingebunden, aber es gibt große Unterschiede. Manchmal spielen Väter so gut wie keine Rolle, aber vor allem in Jäger-Sammler-Gesellschaften übernehmen sie wichtige Aufgaben. Bei den Aka im Nordkongo hat ein Ethnologe nachgewiesen, dass Väter viel eher als Mütter ihre Kinder umarmen, küssen oder auch auch Babys sauber machen.

Robert LeVine: Auch bei uns ist es nicht einheitlich, die Frauenbewegung hat enorme Fortschritte erzielt. Der Schluss aus unseren Beobachtungen ist: Wir können entscheiden, welche Rolle der Vater in der Kindererziehung einnehmen soll. Weltweit gibt es große Unterschiede, die wir aufzeigen.