ZEIT ONLINE: Herr Rücker, Sie erforschen im Auftrag des Familienministeriums, in welcher Konstellation Kinder nach einer Trennung der Eltern am besten klarkommen. Wissen Sie schon, ob Kinder besser im Wechselmodell betreut werden sollten, also eine Woche bei Mama, eine bei Papa, oder im Residenzmodell, in dem sie ganz bei einem Elternteil leben und den anderen regelmäßig besuchen – oder ganz anders?

Stefan Rücker: Nein, eine solche generelle Empfehlung werden wir auch am Ende der Studie nicht geben. Es gibt zwar einige internationale Studien, die sich tendenziell für das Wechselmodell aussprechen. Allerdings haben die nicht berücksichtigt, welche kognitiven und psychischen Voraussetzungen die Eltern haben, die gut damit klarkommen.

Wir müssen das differenzierter diskutieren. Wenn zum Beispiel ein Elternteil unter körperlicher Gewalt des anderen gelitten hat, ist das Wechselmodell sicher nicht im Sinne des Kindeswohls. Mutter und Vater müssen in dem Modell auch nach der Trennung noch bereit sein, intensiv miteinander zu kommunizieren. Das ist nach Gewalterfahrungen sehr unwahrscheinlich. Oder stellen Sie sich vor, ein Elternteil ist emotional sehr distanziert. Dann wäre es sinnvoller, das Kind bliebe hauptsächlich bei dem anderen. Wir müssen die einzelnen Familien genau anschauen, um für jede das passende Modell zu empfehlen.

ZEIT ONLINE: Wie fair ist das Wechselmodell eigentlich? Der Besserverdienende muss keinen Unterhalt mehr zahlen, beide Elternteile brauchen aber eine relativ große Wohnung, um die Kinder bei sich zu haben. Wenn etwa die Mutter – meistens ist das ja noch so – auf ihre Karriere verzichtet hat, fällt sie in Armut und hat trotzdem hohe Mietkosten zu tragen.

Rücker: Aus der Praxis wissen wir, dass sich viele Eltern das Wechselmodell nicht leisten können. Sie brauchen zwei große Wohnungen und müssen viele Dinge doppelt anschaffen. Generell ist es bisher ein Modell für die Besserverdienenden und Gebildeten. Das Armutsrisiko trifft allerdings auch immer mehr Männer.

Und es ist ein heikles Thema. Wir sind im Vorfeld für die Studie sehr angefeindet worden, weil die einen – oft die Mütter – glaubten, wir wollten ihnen mit dem Wechselmodell die Kinder wegnehmen. Die anderen – meist die Väter –  jubelten.

ZEIT ONLINE: Aber das Wechselmodell wird immer beliebter?

Rücker: Ja, der Glaube, das Kind gehöre vor allem zur Mutter, verliert sich langsam. Das Wechselmodell verbreitet sich in vielen westlichen Ländern, aber höchstens 20 Prozent der Familien praktizieren es bislang. In Deutschland gibt es gar keine verlässliche Statistik. Eltern wissen oft selbst nicht, was sie leben. Sie sagen, es sei das Residenzmodell – aber sobald etwa der Vater das Kind zu 30 Prozent betreut, weil es an Feiertagen und in den Ferien bei ihm lebt, ist das streng genommen schon das Wechselmodell. Oder umgekehrt, sie haben ein Wechselmodell vereinbart, aber ein Partner sagt immer wieder ab – und in Wirklichkeit leben die Kinder doch vorwiegend bei dem anderen.

ZEIT ONLINE: Die Trennung der Eltern ist wohl für die meisten Kinder ein schwerer Einschnitt. Was hilft ihnen, sie einigermaßen unbeschädigt zu überstehen?

Rücker: Zunächst einmal: Wir dürfen Eltern nicht das Gefühl geben, dass sie ihren Kindern auf jeden Fall etwas Böses antun, wenn sie sich trennen. Oft ist es ja auch im Sinne des Kindeswohls, wenn die Eltern auseinandergehen. Wir erleben in unserer Forschung auch viele Positivbeispiele. Eltern, die weiter gut miteinander kommunizieren und Kinder, die sich wunderbar entwickeln.

Wenn es möglich ist, sollten die Eltern nicht allzu weit wegziehen, damit andere Bezugspersonen, Omas und Opas, Erzieher, Lehrer und Freunde, den Kindern erhalten bleiben. Besonders wichtig ist, dass das Kind nicht suggeriert bekommt, dass es sich entscheiden muss. Eltern müssen ihm unbedingt klarmachen, dass es weiterhin beide Elternteile hat. Vor allem kleine Kinder glauben oft: Papa oder Mama ist ausgezogen, ich werde ihn oder sie nie wieder sehen. Sie denken auch, dass das Elternteil wegen ihrem eigenen Fehlverhalten weggegangen ist. Deshalb ist es wichtig, transparent zu  machen, was passiert ist. Mama hat sich neu verliebt, Papa hat Mama belogen. Aber du bist nicht schuld.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht auch eine Überforderung, die Kinder damit zu belasten? Schließlich soll ein Elternteil den anderen ja auch nicht schlechtmachen, oder?

Rücker: Die Kinder sehen die Trauer und die Wut. Deshalb sollte man schon offen darüber reden, aber nur um die Ängste abzubauen. Kinder dürfen nicht zum Partnerersatz werden. Wut und Verzweiflung müssen Mutter und Vater bei Freunden lassen. Zum Kinderschutz gehört es nämlich auch, sich zusammenzureißen und über fröhliche Dinge zu sprechen und schöne Dinge mit den Kindern zu unternehmen. Ablenkung tut ihnen auch gut.