Angesichts der Fortschritte der Reproduktionsmedizin und vielfältiger Familienkonstellationen empfiehlt eine vom Bundesjustizministerium eingesetzte Kommission die grundlegende Reform des Abstammungsrechts. Wie sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) unter Berufung auf den Abschlussbericht der Experten berichten, soll künftig statt vom "Abstammungsrecht" von der "rechtlichen Eltern-Kind-Zuordnung" gesprochen werden. Die genetische Abstammung gilt ihnen nur noch als eines unter mehreren Prinzipien in der Eltern-Kind-Beziehung.

Der sogenannte Arbeitskreis Abstammung will seine Ergebnisse – zusammengekommen sind 91 Thesen als "Orientierungs- und Entscheidungshilfe" für den Gesetzgeber – an diesem Dienstag Bundesjustizminister Heiko Maas übergeben. Der SPD-Politiker hatte bereits am Sonntag in einem Interview seine Bereitschaft zu Änderungen des Abstammungs- und Familienrechts erläutert. "Die soziale Wirklichkeit der Familienmodelle verändert sich", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Und unser Recht muss mit diesem Veränderungsprozess Schritt halten, wenn seine Gestaltungskraft nicht leiden soll."

Maas hatte die Kommission unter dem Vorsitz der früheren Bundesrichterin Meo-Micaela Hahne vor zwei Jahren eingesetzt. Dem Gremium gehören weitere acht Fachjuristen sowie die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, und der Münchner Psychologe Heinz Kindler an.

Ein Großteil ihrer Arbeit umfasste dabei die Zuordnung von Eltern und Kindern nach einer ärztlich assistierten Fortpflanzung durch Samenspende oder Embryonenspende. Ferner diskutierte der Arbeitskreis besondere Regelungen für eine gleichgeschlechtliche Elternschaft sowie die Frage, ob eine Familiengründung mit mehr als zwei Personen ermöglicht werden soll. Manche heiklen Themen hat der Arbeitskreis laut SZ indes ausgespart: Leihmutterschaft und Eizellenspende, die in Deutschland verboten sind, gehörten nicht zum Arbeitsauftrag der Kommission. 

Als Leitprinzipien entschied sich das Gremium zum einen für das Zwei-Eltern-Prinzip und für das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung. Letzteres soll ausgeweitet und ersteres festgeschrieben werden, empfehlen die elf Experten, die damit gegen die familienrechtliche Revolution votiert haben: Ein Kind soll nicht mehr als zwei Eltern haben.

"Mit-Mutterschaft" einführen, "Abstammung" abschaffen

Neu ist hingegen die Einführung einer "Mit-Mutterschaft", die es künftig für lesbische Paare und ihre Kinder geben soll. Dies würde bedeuten, dass miteinander verpartnerte – oder künftig verheiratete – Frauen bei der Geburt eines Kindes automatisch rechtlich dessen gemeinsame Mütter werden. Bisher muss die Partnerin das Kind erst adoptieren. Dieser Vorschlag folge dem Prinzip Verantwortung, heißt es. Ein Paar, das sich zur gemeinsamen Elternschaft bekenne, solle rechtlich auch entsprechend abgesichert werden.

Rechtlich nachbessern will der Arbeitskreis auch bei Spendersamen oder Embryonenspende. Hierbei sollen nach Vorstellung des Arbeitskreises Regeln geschaffen werden, die von vornherein Gewissheit über die Elternschaft schaffen, damit nicht ein Zerwürfnis des Paares noch vor der Geburt alles wieder infrage stellt.

Zunächst soll künftig derjenige "zweites Elternteil" werden, der gemeinsam mit der Mutter in die Fortpflanzung eingewilligt hat – sofern der Spender auf die Elternschaft verzichtet. Bei der sogenannten Becherspende, die keine ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt, sollen die Regelungen der natürlichen Zeugung gelten. Ferner sollen die Möglichkeiten, den zweiten Elternteil einvernehmlich zu bestimmen, ausgeweitet werden: So soll ein Dritter die Vaterschaft mit Zustimmung der Schwangeren und ihres Ehemannes bereits vorgeburtlich oder kurz nach der Geburt anerkennen können.

Erste Entscheidungen des Bundestags

Die Experten folgen damit einer familientherapeutischen Denkschule, wonach das Wissen um die eigene Herkunft immens wichtig für die Herausbildung einer eigenen Identität ist. Dies erkennt inzwischen auch der Gesetzgeber an: Unlängst hatte der Bundestag die Einrichtung eines Spendenregisters beschlossen, um so sicherzustellen, dass Spenderkinder die Möglichkeit haben, ihren biologischen Vater finden zu können.