Jahrelang wurde gestritten, dann ging auf einmal alles ganz schnell: Ende Juni beschloss der Bundestag, dass auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Der Bundesrat stimmte zu, heute tritt das Gesetz in Kraft. Doch was bedeutet das eigentlich? Ein Überblick:

Warum kommt die Ehe für alle erst jetzt?

Schon kurz nach der Bundestagswahl 2013 reichte die Linke einen Gesetzentwurf zur gleichgeschlechtlichen Ehe ein. 2015 legten die Grünen und auch der Bundesrat einen eigenen Gesetzestext vor. Die SPD stimmte allerdings immer mit den Koalitionspartnern CDU und CSU und vertagte die Abstimmung insgesamt 30-mal. Es gäbe noch Beratungsbedarf in der Koalition, lautete die Begründung. Die Geschäftsordnung des Bundestages ermöglichte es der Opposition, im Februar 2016 eine erneute Debatte im Bundestag zu erzwingen, da ihre Gesetzentwürfe über zehn Sitzungswochen nicht behandelt wurden. Dabei drohte der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs dem Koalitionspartner, dass seine Partei auch ohne Einverständnis der Union über das Thema abstimmen werde, sollte es erneut aufkommen.

Warum ging es plötzlich so schnell?

SPD, FDP und die Grünen machten die Ehe für alle im Juni 2017 zur Koalitionsbedingung nach der Bundestagswahl. In einer Podiumsdiskussion am 26. Juni fragte ein Bürger Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Wann darf ich meinen Freund Ehemann nennen?" Merkel antwortete, dass sie die Diskussion in Richtung einer Gewissensentscheidung lenken wolle. Damit wich Merkel erstmals vom klaren Nein der Union zur Öffnung der Ehe ab. Die übrigen Fraktionen drängten darauf, am letzten Sitzungstag des Parlaments über die Ehe für alle abzustimmen. Die Union fühlte sich überrumpelt und stimmte am 28. Juni im Rechtsausschuss geschlossen gegen den Antrag, um den Koalitionsbruch der SPD zu dokumentieren.

Wie verlief die Abstimmung im Bundestag?

Am 30. Juni sprach sich bei 623 abgegebenen Stimmen eine Mehrheit von 393 Bundestagsabgeordneten für die Ehe für alle aus. 226 Parlamentarier waren dagegen, vier enthielten sich. SPD, Linke und Grüne stimmten geschlossen für die rechtliche Gleichstellung. Aber auch von den Mitgliedern der Unionsfraktion, die das Gesetz jahrelang blockiert hatten, gab fast jeder Vierte seine Stimme für die Ehe für alle ab. Bundeskanzlerin Merkel stimmte dagegen. "Für mich ist die Ehe im Grundgesetz die Ehe von Mann und Frau", sagte sie.

Was beschloss der Bundestag genau?

Gesetzgeberisch war die Einführung der Ehe für alle eine denkbar einfache Sache. Es musste lediglich in Paragraf 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) klargestellt werden, dass auch gleichgeschlechtliche Personen eine Ehe eingehen können. Der Gesetzestext lautet nun: "Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen." Die Rechte von Kirchen und Religionsgemeinschaften bleiben davon unberührt, heißt es weiter.

Welche zusätzlichen Rechte bekommen homosexuelle Paare?

In der Vergangenheit wurden Ehen und eingetragene Partnerschaften bereits weitgehend rechtlich gleichgestellt. So wurde beispielsweise 2005 das Unterhaltsrecht weitgehend angeglichen, die Stiefkindadoption zugelassen und die Lebenspartner in die Hinterbliebenenversorgung einbezogen. 2010 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Lebenspartner bei der Erbschaftssteuer nicht benachteiligt werden dürfen. Seit 2013 profitieren eingetragene Lebenspartnerschaften vom Ehegattensplitting. 2014 folgte mit der Einführung der Sukzessivadoption ein weiterer wichtiger Schritt: Homosexuelle Paare konnten nun nicht nur leibliche, sondern auch adoptierte Kinder des jeweils anderen Partners nach einer gewissen Übergangsfrist ebenfalls adoptieren. Wenn nun die Ehe für alle in Kraft tritt, dann bringt das gleichgeschlechtlichen Paaren vor allem zwei Vorteile: Sie können sich auch ganz offiziell Ehepartner nennen – und haben damit auch das gleiche Recht, Kinder zu adoptieren wie andere Ehepaare.

Was ist mit den eingetragenen Partnerschaften, die es schon gibt?

Die können Lebenspartner auf Wunsch gewissermaßen zur Ehe aufwerten, wenn sie zum Standesamt gehen. Sie können ihre bestehende Lebenspartnerschaften aber auch weiterführen. Neue Lebenspartnerschaften können dagegen nicht mehr geschlossen werden.

Sind homosexuelle Ehen nun vollkommen gleichgestellt?

Ein lesbisches Paar wird einem heterosexuellen Paar nicht vollkommen gleichgestellt. Denn das Gesetz verändert nicht die Regelung, dass der Ehemann automatisch rechtlicher Vater eines neugeborenen Kindes in einer Ehe ist. Für die Ehefrau einer Mutter in einer lesbischen Ehe gilt das nicht. Die Partnerin muss also weiterhin das Kind adoptieren, um ebenfalls Mutter des Kindes zu werden. Um das zu ändern, müsste Paragraf 1592 des BGB angepasst werden.

Gibt es praktische Probleme?

Für die Standesämter bedeutet die Ehe für alle eine Umstellung. Vielfach hieß es, die bei der Eheschließung verwendete Software erfordere, dass sich einer der Partner als Ehemann und der andere als Ehefrau eintragen lässt. Der Leiter des Verlags für Standesamtswesen, Günther Metzner, erklärte gegenüber ZEIT ONLINE, dass es das Problem mit den Kategorien Mann und Frau nur bei der Speicherung und nicht bei der Erfassung gebe. Es habe deshalb keine Auswirkungen auf die Heirat. "Gleichgeschlechtliche Paare können die Ehe ab dem 1. Oktober rechtskonform schließen", sagte Metzner. "Die Software stellt dazu alles bereit." Die korrekte Speicherung sei vielerorts schon möglich und voraussichtlich ab dem 1. November 2018 überall eingeführt.

Kann das Bundesverfassungsgericht die Ehe für alle wieder zurücknehmen?

Vor allem die Union macht verfassungsrechtliche Bedenken geltend. Bisher hätten Innen- und Justizministerium die Ansicht vertreten, dass die Ehe für alle nur mit einer Verfassungsänderung möglich sei, sagte zum Beispiel der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Günter Krings (CDU). Die ist aber bei dem geplanten Gesetz nicht vorgesehen. Notwendig wäre für eine Verfassungsänderung eine Zweidrittelmehrheit, über die SPD, Grüne und Linke nicht verfügen.

Das Grundgesetz stellt Ehe und Familie in Artikel 6 unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann, wird zwar nicht ausdrücklich erwähnt. 1949, als das Grundgesetz in Kraft trat, war das aber noch eine Selbstverständlichkeit. Homosexuelle Handlungen unter Männern waren sogar strafbar.

Bei einer Anhörung im Bundestag zeigten sich die Rechtsexperten in der Frage, ob für die Ehe für alle eine Grundgesetzänderung notwendig sei, gespalten. Jörg Benedict, Rechtswissenschaftler von der Universität Rostock argumentierte beispielsweise dafür. Im Ehebegriff des Grundgesetzes sei die Verschiedengeschlechtlichkeit der Partner ein konstitutives Merkmal, der gesellschaftliche Wandel führe nicht zu einem Verfassungswandel.

Frauke Brosius-Gersdorf, Rechtswissenschaftlerin von der Leibniz Universität Hannover, fand es dagegen "irrelevant", welche Vorstellung der Parlamentarische Rat von der Ehe gehabt habe. Es handele sich um einen offenen Begriff, den der Gesetzgeber ausgestalten könne. Friederike Wapler, Rechtswissenschaftlerin von der Universität Mainz, meinte: Konstitutiv für den Ehebegriff sei nicht, dass es sich um eine Verbindung von Mann und Frau handele, sondern dass sich die Partner wechselseitige Solidarität versprechen.

Das letzte Wort könnte das Bundesverfassungsgericht haben. Die bayerische CSU-Landesregierung prüft eine Klage. Bis zu einem möglichen Urteil können Lesben und Schwule aber auf jeden Fall heiraten.

Wie reagieren die Kirchen?

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat keine Einwände gegen die Ehe für alle. In mehreren evangelischen Landeskirchen können sich homosexuelle Paare segnen lassen. Die Segnung ist aber in der Regel noch nicht der Trauung gleichgestellt. Die bleibt den heterosexuellen Paaren vorbehalten.

Die katholische Amtskirche hat hingegen starke Vorbehalte. Für die Bischofskonferenz sei die Ehe "die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann", hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, gesagt.

Katholische Laienorganisationen fordern von der Deutschen Bischofskonferenz jedoch, sie solle Leitlinien für die Segnung von homosexuellen Paaren entwickeln. "Schwule und Lesben sind nicht Christen und Christinnen zweiter Klasse", sagte der Sprecher der Reformgruppe "Wir sind Kirche", Magnus Lux. Auch das "Zentralkomitee der deutschen Katholiken" (ZdK) sprach sich erneut für eine kirchliche Segnung homosexueller Paare aus.