Aus dem Muster-Hygieneplan für Hamburger Schulen: "Bei Läusebefall müssen die Eltern informiert und das Kind aus dem Unterricht genommen werden." An die Mitschüler müssen Informationsbroschüren verteilt und der Fall muss ans Gesundheitsamt gemeldet werden. Solche Hygienepläne sind für alle Kindertageseinrichtungen, Schulen und Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland verpflichtend. Merke: Kinder müssen in diesen Institutionen besser vor Läusen geschützt werden als vor gewalttätigen oder sexuellen Übergriffen von Erwachsenen.

Die zuständigen Bundesländer vernachlässigen es systematisch, Maßnahmen umzusetzen, die Kinder vor Tätern schützen würden. Dabei hat Deutschland es sich zum Ziel gesetzt, "das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen und ihre körperliche, geistige und seelische Entwicklung zu fördern". So steht es seit 2012 im Bundeskinderschutzgesetz. Handlungsempfehlungen, wie dieses Ziel erreicht werden kann, füllen ganze Bibliotheken.

Nur ein Bruchteil dieser Empfehlungen wird jedoch umgesetzt, das gilt für Kinderkrippen ebenso wie für Abiturklassen. Ausgerechnet dort, wo es um die Wehrlosesten in der Gesellschaft geht, versagen beständig wichtige Aufsichts- und Kontrollprinzipien, in Kitas genauso wie in Schulen oder Flüchtlingsunterkünften. Die Verantwortung dafür liegt zuerst bei den Bundesländern, denn die Aufsicht über diese Einrichtungen fällt in ihre Kompetenz.

Beispiel Kitas:Wer eine Kindertagesstätte betreibt, muss die zuständige Aufsichtsbehörde umgehend über "Ereignisse oder Entwicklungen" informieren, "die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen". So steht es im Gesetz. Darunter fällt beispielsweise, wenn kleine Kinder während des Essens mit Mullbinden angebunden werden, damit sie nicht zappeln. Oder wenn der um den Hals gebundene Latz auf den Tisch gelegt und der Teller darauf gestellt wird. Wenn sie zum Essen oder Schlafen gezwungen oder von Erzieherinnen vor der Gruppe bloßgestellt werden.

Solche Methoden kommen erschreckend häufig vor. Als ZEIT ONLINE seine Leserinnen und Leser 2016 um Erfahrungsberichte bat, meldeten sich 2.000 Eltern und 260 Kitamitarbeiter. Sie erzählten von strukturellen Missständen oder Fehlverhalten von Mitarbeitern. Doch eine Nachfrage von ZEIT ONLINE bei allen Bundesländern zeigte, dass fast keine Behörde einen Überblick hatte, wie oft Kitaträger Missstände in ihren Einrichtungen meldeten. Nur sechs Länder zählten damals überhaupt, was ihnen aus den Kitas berichtet wurde.

Sie benötigen Unterstützung oder Beratung wegen eines Falles von sexuellem Missbrauch? Das kostenfreie Hilfetelefon 0800 22 55 530 ist eine anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern.

Schlimmer noch: Die Länder weigerten sich 2014, einheitliche Mindeststandards für die Kitaqualität einzuführen. Die Ministerpräsidenten waren sich darin einig, "dass es keiner bundesweiten Standards bedarf". So beschlossen sie es damals während eines Treffens mit der Bundeskanzlerin. Seither werkelt eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden, an einem Vorschlag für ein Qualitätsentwicklungsgesetz herum. Doch das Projekt ist bislang nicht über das Stadium eines unverbindlichen Eckpunktepapiers hinausgekommen.

Dabei verlangt das Bundeskinderschutzgesetz längst einheitliche Standards. Es bindet die Betriebserlaubnis einer Kindertagesstätte daran, dass die Kita ein eigenes Konzept für den Schutz von Kindern vor Gewalt festgeschrieben hat. Diese Konzepte sollen das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Umgebung sicherstellen und den Handlungsspielraum definieren, den Mitarbeiter im Umgang mit ihren Schutzbefohlenen haben. Doch fast kein Bundesland weiß zu sagen, wie viele seiner Kindertageseinrichtungen tatsächlich ein solches Schutzkonzept haben.

Beispiel Flüchtlingsunterkünfte: Als 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, sahen sich viele Städte und Gemeinden gezwungen, leer stehende Baumärkte und Gewerbehallen in Notunterkünfte umzuwandeln. Unter den Flüchtlingen waren bis Ende 2016 mehr als 300.000 Kinder bis 18 Jahre. Jene Kinder, die alleine ins Land kamen, wurden in Einrichtungen der Jugendhilfe aufgenommen. Doch die große Mehrheit landete mit ihren Eltern in Massenquartieren. Dort gab es oft keine Sanitäranlagen, die sie alleine benutzen konnten. Kleine Jungs mussten mit Fremden duschen. Mädchen waren den anzüglichen Blicken und der Anmache allein reisender Männer ausgesetzt. Kam es zu Streit oder körperlichen Auseinandersetzungen unter Erwachsenen, konnten sich die Kinder häufig nirgendwohin zurückziehen. Manche Kinder tranken schon nachmittags nichts mehr, nur um nachts nicht raus zu müssen.