Amoklauf in Ansbach

Die Plots der Gewalt

Sie machen uns Angst, der Amokläufer von Ansbach genauso wie die Schläger aus München. Denn sie wollen wenigstens in ihrem Hass grandios sein

Blumen und Kerzen in der Nähe des Gymnasiums Carolinum in Ansbach, nachdem ein 18-jähriger Amokläufer mehrere Schüler verletzte

Blumen und Kerzen in der Nähe des Gymnasiums Carolinum in Ansbach, nachdem ein 18-jähriger Amokläufer mehrere Schüler verletzte

Man will es am liebsten gar nicht mehr hören, weil es so bedrohlich ist. Weil man das Gefühl bekommt, unsere Gesellschaft bricht auseinander. Da stürmt der 18-jährige Georg R. mit Axt und Molotowcocktails in eine Schule und will seine Mitschüler töten. Ein Mädchen schwebt noch in Lebensgefahr. Erst vor ein paar Tagen haben zwei andere junge Männer jüngere Jugendliche bedroht, um dann einen Mann zu Tode zu prügeln, der ihnen zu Hilfe eilte.

Auf den ersten Blick haben beide Fälle nichts miteinander zu tun. Der Amokläufer ist Gymnasiast, ihm hätte womöglich ein gutes bürgerliches Leben bevorstehen können, wenn er es gewollt hätte. Viel wissen wir nicht über ihn. Nur dass es ihm nicht gut ging und dass das nicht unbemerkt geblieben ist. Er war in psychotherapeutischer Behandlung. Die beiden Schläger hingegen sind Unterschichtkinder, die schon mit 17 und 18 Jahren der Polizei wegen Gewalt und Diebstahl bekannt sind und ihr Leben mit Drogen betäuben.

Anzeige
 

Zudem hat jeder der jungen Männer seine eigene Geschichte, seine ganz eigenen Probleme, die wir aus der Ferne nicht befriedigend analysieren können. Georg R. in Ansbach war sicher nicht genau wie die Amokläufer Tim K. aus Winnenden oder Eric und Dylan aus Littleton, und die beiden Münchner Schläger haben andere Erfahrungen als Spyridon L. und  Serkan A., die ebenfalls in München einen Rentner fast zu Tode schlugen.

Alle schlichten Einzel-Lösungsvorschläge wie das Verbot von Computerspielen und die Verschärfung von Strafen und Sicherheitsmaßnahmen, auf die wir jetzt wieder warten, sind angesichts der psychischen Vielfalt der Einsamen und ihrer Unberechenbarkeit lächerlich.

Trotzdem haben all die jungen Männer etwas gemeinsam. Sie schauen nicht mehr wie die Verlierer von früher still aus ihrem Eckchen zu, wie das Leben sie nicht mitnimmt. Sie wollen sich nicht mit einer kleinen Rolle im Leben begnügen, sie wollen die Hauptrolle, selbst wenn es die des gemeinsten Fieslings ist. Sie hassen nicht nur sich selbst, sie hassen uns alle. Und sie bekommen, was sie wollen: Plötzlich beachten wir sie und machen sie zu Stars, wenn auch nur, weil wir so viel Angst vor ihnen haben.

Sie haben noch etwas Zweites gemeinsam. Sie denken sich den Plot für ihren grandiosen Auftritt nicht aus. Sie wählen einen bereitstehenden Handlungsvorschlag.

Zwei Plots scheinen je nach Schicht, Wohnort, Familiengeschichte und Bildungshintergrund zurzeit besonders attraktiv zu sein: In dem einen stürmen junge Männer mit Waffen und einem klaren Plan in eine Schule, in dem anderen wüten sie scheinbar willkürlich und spontan irgendwo gegen irgendwen mit größtmöglicher Brutalität. Gemeinsam ist beiden Handlungssträngen, dass die Täter das Mitgefühl mit ihren Opfern verlieren. Sie wollen töten, um der Welt ihren Hass zu zeigen.

Was kann man tun? Mehr Aufmerksamkeit aufbringen für jeden Einzelnen, bevor er zum Amokläufer oder Gewalttäter wird. Und tatsächlich hören sich nach diesem neuen Amokfall die Forderungen beispielsweise der Lehrer, der Polizeigewerkschaft und des bayrischen Innenministers viel vernünftiger an, als dies nach früheren Amokfällen der Fall war.

Diesmal sind die Rufe nach Prävention viel lauter als nach Sicherheitskontrollen, harten Strafen und Verboten: Genügend Psychologen in den Schulen werden gefordert, Schulungen für Lehrer und auch für Klassensprecher, die Stärkung überforderter Eltern. Dazu Gewaltpräventionsprojekte und Empathietrainings im Unterricht. Die Schule muss gerechter werden, Bildung darf nicht allein vom Elternhaus abhängen. Das und noch mehr muss man sich wohl leisten, ohne eine Garantie dafür zu bekommen, Amokläufe zu verhindern.

Aber wir müssen auch ehrlich sein. Das Problem liegt nicht nur in der Psyche der einzelnen Jugendlichen. Wir wollen die individualisierte Gesellschaft, die jedem von uns verspricht, dass er das Beste aus seinen Talenten und Wünschen machen kann. Schuster-bleib-bei-deinen-Leisten ist nicht mehr attraktiv. Das kann missverstanden werden. Wer nicht der Größte sein kann, muss aber noch lange nicht versagt haben. Damit sich keiner abgehängt fühlt, müssen wir also neue attraktive Plots bereitstellen, und zwar Plots für ein glückliches kleines Leben. Preise vergeben für die beste Nebenrolle sozusagen.

Anzeige
Leser-Kommentare

Nur empfohlene Kommentare anzeigen

  1. ...Beitrag gelesen: "Damit sich keiner abgehängt fühlt, müssen wir also neue attraktive Plots bereitstellen, und zwar Plots für ein glückliches kleines Leben. Preise vergeben für die beste Nebenrolle sozusagen."

    Die Welt ist kein Streichelzoo, und das Leben kein Film. Mit solch infantilen Vorstellungen ist niemandem geholfen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    infantilen Kommentaren ist allerdings auch Niemandem geholfen. Das Einzige was sich zeigt, ist eine Seelenverwandschaft zwischen Ihnen und den junen Gewalttätern, die depressiv oder aggressiv aussteigen. Sie zeigen nur ein Spiegelbild solchem Verhaltens.

  2. Mir machen diese Täter keine Angst, ein Blick in die Statistik verrät: diese Taten sind sehr selten.

    Aber das diese Taten das Attribut grandios erringen können hat nur einen Grund:

    Die Medien (ja, auch die ZEIT) können diesen Taten nicht widerstehen, SIE machen sie grandios.

    Oder auch nicht, den der klassische erweiterte Selbstmord (Familenvater bringt ganze Famile plus Zufallsgäste um) wird eben nicht so hysterisch aufgeplustert, obwohl es vermutlich eine vergleichbare Tat ist.

    Akzeptieren wir es, junge Männer waren und sind die gefährlichste (und gefährdeste) Gruppe in der Bevölkerung, das im Jahr nur so WENIGE von ihnen durchknallen zeigt zivilisiert und sicher unser Leben ist.

    In Wahrheit ist unser Dasein hier und jetzt SO ungefährlich, das uns bereits absurd niedrige Risiken in angst versetzen.

  3. ...durchknallen zeigt WIE zivilisiert...
    ...Risiken in Angst versetzen.

  4. "müssen wir also neue attraktive Plots bereitstellen, und zwar Plots für ein glückliches kleines Leben."

    Ohoo! Das wird irgendwie zynisch ausgesprochen oder vielleicht bin ich es, aber es ist doch klar, dass es so sein muß. Jeder ist wertvoll und das muß auch vermittelt werden, das muß wieder in die Köpfe rein, denn es ist die Wahrheit und nicht nur um Amokläufe zu verhindern.

  5. 6.

    "Bildung darf nicht allein vom Elternhaus abhängen"
    Seit wann tut es das denn? Schlagen wir uns nicht bekannterweise mit dem Problem des umgekehrten Falles herum? Es geht hier ja nicht z.B.um Kinder aus streng christlichen Elternhäusern, die ihre Kinder aus religösen Gründen zu Hause "ausbilden". Wäre dem so, dann wäre der Satz angebracht.
    Ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen, ein verzichtbarer Artikel mit Pseudo-Soziologie und Pseudo- Psychologie Gebrabbel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    " "Bildung darf nicht allein vom Elternhaus abhängen"
    Seit wann tut es das denn?"

    "Ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen, ein verzichtbarer Artikel mit Pseudo-Soziologie und Pseudo- Psychologie Gebrabbel."

    Lieber "HELLicopter",
    Ihrem Post entnehme ich, dass sie zu wissen glauben, was wahre soziologische und psychologische Erkenntnisse sind. Spannend ist nur, dass ihr Post zugleich verrät, dass sie leider nichts von Sozialwissenschaft verstehen. Denn sonst wüssten sie um den enormen Einfluss des Elternhauses auf den schulischen Erfolg des Kindes.
    Dieser Einfluss basiert leider nicht immer auf echten Verhaltens- und Fähigkeitsunterschieden. So werden Akademikerkinder weitaus häufiger für das Gymnasium empfohlen, als Arbeiterkinder und dass unabhängig von ihrem wahren Leistungsstand. Ein "Kevin" wird als verhaltensauffälliger eingeschätzt als ein "Jakob".
    http://www.zeit.de/wissen...

    Als Migrantenkind siehts ohnehin zappenduster aus für die Gymnasialkarriere.

    Was diese Gesellschaft braucht sind mehr kompetente Lehrer. (Und weniger Kollegen und Vorgesetzte die kompetenten Lehrern das Leben zur Hölle machen)

  6. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Jemand schreibt es braucht mehr Psychologen. Was machen denn die (im besten Fall) ? Die Sprechen mit einem. Was können Männer meist schlechter ? Sprechen !
    Ich habe es noch nie Plot genannt. Aber Möglickeiten, Wünsche, Erwartungen, Lebenspläne, was man hasst, was man nicht will, was man gern hat , was man geil findet, darüber muss man mal sprechen. Mit der Mami, mit dem Papi, mit der Oma, dem Opa, mit dem Lieblingsgeschwister, den Freunden, einem Freund, einem Kollegen, dem Lehrer, der Lehrerin. Aber wenn es das alles nicht gibt. Und der Mann nicht sprechen kann und niemand mit ihm spricht. Oder wenn doch dann einfach Hohl und Leer. Dann wird man wütend.
    R.W. Fassbinder hat diese Entwicklung in einem Film gezeigt.
    Frauen passiert das nicht. Die haben kein Testosteron und die reden drüber.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service