Jugendgewalt
Kinder brauchen keine Härte
Familienpolitik, Kinderförderung und Gewaltprävention gehören zusammen. Im Wahlkampf aber werden diese Themen außer Acht gelassen. Ein Kommentar von Tanja Dückers.
© Michael Gottschalk/ ddp

Eine Justizbeamtin verschließt in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee eine Zelle. Längere Haftstrafen werden jedoch gewalttätige Jugendliche nicht abschrecken
Bestürzt sehen wir auf die jüngsten Gewalttaten von Jugendlichen. Warum schlagen drei junge Männer einen Fünfzigjährigen auf einem Münchner S-Bahnhof einfach tot? Warum läuft selbst in einer biederen Provinzstadt wie Ansbach ein Schüler Amok? Prompt werden wieder die Stimmen laut, die sich eine Anhebung der Höchststrafe für Jugendliche, Erziehungscamps nach US-amerikanischem Vorbild, mehr Überwachungskameras und – ein Einfall von umwerfender pädagogischer Stupidität – die Kürzung des Kindergeldes für Eltern wünschen, deren Kinder die Schule schwänzen. All diese Ideen laufen gleichermaßen ins Leere und zeugen nur von mangelndem politischen Willen, sich mit den Ursachen von wachsender Gewalt zu befassen.
Niemand fühlt sich abends oder nachts auf einem leeren U- oder S-Bahnhof von einer Kamera "beschützt". Helfen kann sie eh nur nachträglich, um einen möglichen Täter zu identifizieren. Und: Kein jugendlicher Schläger wird plötzlich im Gewaltrausch innehalten und zur Räson kommen, weil ihm 15 statt 10 Jahre Haft drohen. Selbst Innenminister Schäuble räumte ein, dass Abschreckung hier kein wirkungsvolles Instrument sei.
Es wird wieder einmal vom Ende her argumentiert: Man will sich von politischer Seite keine Mühe geben und sich nur mit den Jugendlichen befassen, die schon aus dem Ruder gelaufen sind - anstatt präventiv zu denken und Kindern allgemein bessere Lebensbedingungen zu verschaffen.
Deutschland steht am unteren Ende der EU-Skala, was in Armut aufwachsende Kinder angeht: Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in Armut auf (arm ist, so die herrschende Definition der EU, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens in einem Land verfügt). Aber Kindergeldkürzungen sollen als Disziplinierungsmaßnahme helfen. Der Staat schiebt seine Verantwortung einfach an die Eltern ab – nebenbei hofft man, vom eben erst nach endlosen Bundestagsdebatten um lächerliche zehn Euro angehobenen Kindergeld wieder etwas einsparen zu können.
Der Ruf nach mehr Disziplin beziehungsweise der neue Glaube an Härte als Allheilmittel im Umgang mit schwierigen Jugendlichen ist jedoch seit einiger Zeit en vogue. Bernhard Bueb, der ehemalige Direktor des Internats Schloss Salem, erhielt mit Büchern wie Lob der Disziplin – Eine Streitschrift (2006) und Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung (2008) viel Aufmerksamkeit.
In der Bild (2006) publizierte Bueb eine mehrteilige Erziehungsserie, um auch bildungsferne Schichten zu erreichen. Der Titel dieser Serie lautete in aller Schlichtheit, so wie der ehemalige Edel-Internatsleiter Bueb wohl meinte, zu Bild-Lesern sprechen zu müssen: Nur strenge Eltern sind gute Eltern. Neben diesen ultraautoritär daherkommenden Erziehungsratgebern, die manche Kritiker rundweg als Schwarze Pädagogik bezeichneten, versuchte es der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff mit Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit (2008) mit einer psychoanalytisch begründeten Ablehnung des angeblich zu liebevollen Umgangs mit Kindern heutzutage.
Doch statt dem hilflosen Ruf nach "mehr Härte" ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte nötig. Sie sollte davon handeln, wie die zunehmend ungleiche Arbeitsverteilung auf unsere erzieherischen Aufgaben wirkt: Viele derjenigen, die in diesem Land (noch) Arbeit haben, schuften sich halb tot, um im täglichen beruflichen Konkurrenzkampf überleben zu können - inklusive Arbeit am Wochenende und in den Ferien.
- Datum 22.9.2009 - 10:46 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wenn ein jeder seines Glückes Schmied ist, sucht sich eben jeder einen Amboss.
großartig
Die Kritik Dückers ist genauso untauglich die Probleme zu beheben, wie der pauschale Ruf nach mehr Härte. Beides ist so undifferenziert nicht hilfreich.
Wenn jüngste Pädagogikliteratur solches fordert, so ist das weder pauschal richtig noch pauschal falsch. Kinder brauchen Autorität, allerdings eine auf ihre Lebensverhältnisse abgestimmte Autorität, die vor allem konsequent ist. Diese Konsequenz sollte vor allem von Eltern und Pädagogen mit aller "Härte" durchgesetzt werden.
Auch dem Staat kommt an dieser Stelle eine Verantwortung zu, allerdings weniger eine des Strafrechtes, als vielmehr eine Verantwortung, die Anforderungen, auch schulische, konsequent durchsetzt und nicht seine eigenen Lehrkräfte der Autorität beraubt.
Es ist im Zweifel für Kinder und Jugendliche sogar förderlicher wenn Autorität übers Ziel hinausschießt, als wenn sie gar nicht ausgeübt wird.
Der Verweis der Kinderarmut greift hier allerdings überhaupt nicht. Denn die hier aufgelisteten Probleme sind unabhängig von der Position auf internationalen Rangskala Deutschlands in den übrigen Industriestaaten unterschiedslos feststellbar bzw. nicht schichtenspezifisch.
Die einseitige Überhöhung schulischer, vor allem gymnasialer Bildung, scheint mir eine Ursache für die Probleme zu sein, weil dies die Chancen anders Begabter in Deutschland noch nie so reduziert hat wie heute.
Ich finde, dass Kinder Liebe brauchen, mehr als Autorität.
Zumal es keine stärkere Autorität als Zuneigung und Liebe gibt.
Damit meine ich nicht die vermeintliche Liebe, die Kinder alles tun lässt was ihnen gerade so einfällt, sondern jene, die den Kindern zuhört, ihre Bedürfnisse zu verstehen versucht und dem Kind auch zugesteht, einen Fehler zu machen, ihm gegebenenfalls erklärt, warum es ein Fehler war und nicht vom Bedürfnis getrieben ist, das Kind für jeden kleinen Fehler abzustrafen.
Es ist wohl auch kein Zufall, dass die zunehmende Verschulung als Angleichung an westeuropäische Verhältnisse (zahlenmäßige Erhöhung der formalen Schulabschlüsse)zu den selben Problemen führt, die man vor 40 Jahren schon in diesen Staaten feststellen konnte.
Ja der Staat ist gefordert, vor allem in der Umkehrung der Prinzipien der Bildungspolitik. Weg von der Erhöhung der Akademikerquote durch Verschulung und Akademisierung.
Ich selbst habe genug Kommentare von britischen Bachelors gehört, die mit der Feststellung herkamen, das ein deutscher Facharbeiter vielfach besser qualifiziert war, als ein britischer Bachelor.
Um die Akademikerquoten der OECD zu erreichen würde also eine formale Gleichstellung mit verhältnismäßig geringen Anpassungen genügen, um einem Handwerksmeister den Master und einem Gesellen den Bachelor zuzuerkennen. Das würde zudem eine Menge verschwendetes Geld sparen und den Facharbeitermangel beheben und den frustrierten Jugendlichen ohne wahrnehmbare Perspektive genau diese geben.
H.
:) !
Frau Dückers. Was wäre die Zeit nur ohne Sie!
Es besteht in der lautstarken Proklamation solcher hehren Vorgaben und Ziele, die sich dann in der Praxis ebenso in Luft auflösen, wie einst in der Ostzone die diversen Parolen, welche die damaligen Kaderfunktionäre zur Legitimierung ihrer autokratischen, stalinistischen Kaderfunktionärsdiktatur unter die Leut brachten.
Wer glaubt eigentlich all diese modernistischen Parolen, die sich - bei genauem Hinsehen - als pure Agitation und Propaganda heraus stellen, weil die Umgebungsbedingungen - leider, leider - die Wahrnehmung dieser Rechte genau so wenig ermöglichen, wie es beim Gesetz zum Fortbildungsurlaub der Erwerbstätigen in der Wirtschaft der Fall war.
Deutschland, ein ewig Jammertal und ein Staat selbstherrlicher Potentaten, deren Macht und Willkür sich auf ererbten Besitz stützt, so lange diese alten Kapitalsummen noch vorhanden sind.
Tanja Dückers gelingt es auch hier wieder, ein zutreffendes Stimmungsbild zu zeichnen. Sie widersteht der Versuchung, ein meinungsbildendes Fazit zu entwerfen, und dies ist all den auf unzureichenden Analysen basierenden Handlungsanweisungen gewisser Politiker vorzuziehen.
Es ist offenkundig geworden, daß weder der Staat noch der Markt die Erziehungsmisere lindern kann. Die Frage, inwieweit die Teilhabe des Staates und des Marktes an der Erziehung überhaupt wünschenswert ist, muß in diesem Zusammenhang neu gestellt werden.
Eine Verbesserung der Situation ist nur durch elterliche Eigeninitiative zu erreichen. Dies ist die größte und schwierigste Aufgabe, die Deutschland in den kommenden Jahrzehnten zu bewältigen hat.
"Es ist offenkundig geworden, daß weder der Staat noch der Markt die Erziehungsmisere lindern kann."
Keiner von beiden hat es je ernsthaft versucht und zumindest der Staat hätte sehr wohl die Möglichkeit dazu, wenn er nur wöllte.
"Eine Verbesserung der Situation ist nur durch elterliche Eigeninitiative zu erreichen."
Ach? Und wie? Durch anregende Apelle?
>Doch statt dem hilflosen Ruf nach "mehr Härte" ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte nötig.<
Es gibt mehrere Ansätze die Probleme mit der gewaltbereiten Jugend zu lösen. Dass natürlich alt-68er und ausgeprägte Gutmenschen sich nur eine und dann auch noch "gesamtgesellschaftliche" Debatte vorstellen können, liegt auf der Hand. Diese Denkweise hat im Übrigen nicht unwesentlich zu diesen Problemen beigetragen. Das ist doch lächerlich: Durch endloses Gelaber solche handfesten Probleme lösen. Träumen Sie weiter!
Um diese Probleme zu verstehen, muss man sich die Elterngeneration der heutigen gewaltbereiten Jugend ansehen und sich ins Bewusstsein rufen, wie diese selbst aufgewachsen und erzogen worden sind. Da wird man erstaunliches an Konsequenz- und Hilflosigkeit zu Tage fördern.
So rächt sich das gescheiterte Erziehungsmodell der siebziger bis in die zweite und dritte Generation hinein.
Bei Ihnen möchte ich nicht Kind sein.
Selbstverständlich ist diese Konsequenzlosigkeit in der heutigen Erziehung grausam.
Damals bei der HJ wusste man noch seine Kinder zu erziehen.
Oder im Mittelalter - wer nicht hören wollte, musste fühlen.
Und wenn einem dann eben der Finger abgehackt wird, wenn das Zimmer wieder einmal unordentlich war.
Denn schließlich gilt: Quid pro quo!
hat seinen Preis. Ein ganz "doofes" Beispiel. Die Ladenöffnungszeiten müssen in Permanenz ausgeweitet werden, damit die, die sich unter 14 täglichen (oft nutzlosen) Stunden im Büro nicht zufrieden geben, auch noch zum Einkaufen kommen. Wer arbeitet aber im Handel. Viele Mütter, die dazu verdienen müssen, denen diese neuen Öffnungs-Zeiten (und am allerliebsten auch noch am Sonntag) für ihre Kinder gestohlen wird.
War es nicht Präsid. Reagan, der den Angriff gegen Mütter gestartet hat, der ihnen die Sozialhilfe auf wenige Monate kürzte, wiel diese sonst nur faul in der sozialen Hängematte herumtümmeln könnten. D a s ist die Wertschätzung der Kindererziehungsaufgabe seitens derer, die sich Sonntags dann dran machen, den Werteverfall in Familien bei Kindern und Jugendlichen zu bejammern, diese scheinheiligen Tröpfe, die sich nach solchen Katastrophen wie in München oder Ansbach mit unbrauchbarsten Statements aus Textbausteinen zu Wort melden.
Das ist der Preis, der zu zahlen ist, wenn Konkurrenz als höchste Gut von Geburt an und Rücksichtslosigkeit als höchster Wert definiert ist.
Mehr Öffnungszeiten sind doch nicht gleichbedeutend mit mehr Arbeitszeiten. Tatsächlich erlauben längere Öffnungszeiten auch eine flexiblere Arbeitszeitplanung für im Handel Beschäftigte. Und da sind so einige dabei, die die späten Zeiten bevorzugen.
Der Primat des Ökonomischen, legitimiert mit einem neuen Sozialdarwinismus, ist die Hauptursache des heutigen Werteverfalls.
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