Jugendgewalt Kinder brauchen keine Härte

Familienpolitik, Kinderförderung und Gewaltprävention gehören zusammen. Im Wahlkampf aber werden diese Themen außer Acht gelassen. Ein Kommentar von Tanja Dückers.

Bestürzt sehen wir auf die jüngsten Gewalttaten von Jugendlichen. Warum schlagen drei junge Männer einen Fünfzigjährigen auf einem Münchner S-Bahnhof einfach tot? Warum läuft selbst in einer biederen Provinzstadt wie Ansbach ein Schüler Amok? Prompt werden wieder die Stimmen laut, die sich eine Anhebung der Höchststrafe für Jugendliche, Erziehungscamps nach US-amerikanischem Vorbild, mehr Überwachungskameras und – ein Einfall von umwerfender pädagogischer Stupidität – die Kürzung des Kindergeldes für Eltern wünschen, deren Kinder die Schule schwänzen. All diese Ideen laufen gleichermaßen ins Leere und zeugen nur von mangelndem politischen Willen, sich mit den Ursachen von wachsender Gewalt zu befassen.

Niemand fühlt sich abends oder nachts auf einem leeren U- oder S-Bahnhof von einer Kamera "beschützt". Helfen kann sie eh nur nachträglich, um einen möglichen Täter zu identifizieren. Und: Kein jugendlicher Schläger wird plötzlich im Gewaltrausch innehalten und zur Räson kommen, weil ihm 15 statt 10 Jahre Haft drohen. Selbst Innenminister Schäuble räumte ein, dass Abschreckung hier kein wirkungsvolles Instrument sei.

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Es wird wieder einmal vom Ende her argumentiert: Man will sich von politischer Seite keine Mühe geben und sich nur mit den Jugendlichen befassen, die schon aus dem Ruder gelaufen sind - anstatt präventiv zu denken und Kindern allgemein bessere Lebensbedingungen zu verschaffen.

Deutschland steht am unteren Ende der EU-Skala, was in Armut aufwachsende Kinder angeht: Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in Armut auf (arm ist, so die herrschende Definition der EU, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens in einem Land verfügt). Aber Kindergeldkürzungen sollen als Disziplinierungsmaßnahme helfen. Der Staat schiebt seine Verantwortung einfach an die Eltern ab – nebenbei hofft man, vom eben erst nach endlosen Bundestagsdebatten um lächerliche zehn Euro angehobenen Kindergeld wieder etwas einsparen zu können.

Der Ruf nach mehr Disziplin beziehungsweise der neue Glaube an Härte als Allheilmittel im Umgang mit schwierigen Jugendlichen ist jedoch seit einiger Zeit en vogue. Bernhard Bueb, der ehemalige Direktor des Internats Schloss Salem, erhielt mit Büchern wie Lob der Disziplin – Eine Streitschrift (2006) und Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung (2008) viel Aufmerksamkeit.

In der Bild (2006) publizierte Bueb eine mehrteilige Erziehungsserie, um auch bildungsferne Schichten zu erreichen. Der Titel dieser Serie lautete in aller Schlichtheit, so wie der ehemalige Edel-Internatsleiter Bueb wohl meinte, zu Bild-Lesern sprechen zu müssen: Nur strenge Eltern sind gute Eltern. Neben diesen ultraautoritär daherkommenden Erziehungsratgebern, die manche Kritiker rundweg als Schwarze Pädagogik bezeichneten, versuchte es der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff mit Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit (2008) mit einer psychoanalytisch begründeten Ablehnung des angeblich zu liebevollen Umgangs mit Kindern heutzutage.

Doch statt dem hilflosen Ruf nach "mehr Härte" ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte nötig. Sie sollte davon handeln, wie die zunehmend ungleiche Arbeitsverteilung auf unsere erzieherischen Aufgaben wirkt: Viele derjenigen, die in diesem Land (noch) Arbeit haben, schuften sich halb tot, um im täglichen beruflichen Konkurrenzkampf überleben zu können - inklusive Arbeit am Wochenende und in den Ferien.

Viele Väter können von ihrer Elternzeit keinen oder kaum Gebrauch machen, da dies nicht gewünscht wird. Teilzeitmodelle sind in vielen Berufsfeldern nicht möglich oder ebenfalls nicht gewünscht. Hier besteht großer politischer Handlungsbedarf. Der Hintergrund: In Deutschland verbringt ein Elternteil durchschnittlich nur zwanzig Minuten am Tag mit seinem Kind. Sicherlich nicht primär aus Desinteresse, sondern aus einer zeitlichen Notsituation heraus.

So jedoch können Eltern weder Autorität im guten Sinne über ihre Kinder besitzen noch nennenswerten Einfluss ausüben. So können die Helden von Computerspielen überhaupt erst derart an Bedeutung gewinnen, dass Kinder und Jugendliche deren Untaten in der Realität nachzuahmen versuchen (so mehrere Amokläufer): mit ihnen verbringt das durchschnittliche deutsche Kind weitaus mehr Zeit als mit seinen eigenen Eltern.

Der bekannte Schweizer Kinderarzt und Autor Remo H. Largo (Babyjahre, 1993, Schülerjahre, 2009) formuliert sinngemäß: Eine beziehungsorientierte, an der Individualität des Kindes ausgerichtete Erziehung ist zeitlich wesentlich aufwändiger als eine auf vertikale Kommunikation (Befehl und Gehorsam) ausgerichtete, doch genau an dieser Zeit mangelt es den meisten Eltern und Lehrern. Largo konstatiert: "Eltern und Lehrer wissen aus Erfahrung: Je tragfähiger die Beziehung zum Kind ist, desto seltener müssen sie zu erzieherischen Maßnahmen greifen."

Eine Gesellschaft, in der die Angst um den Job, um die Möglichkeit der Aufrechterhaltung des eigenen Status Quo die Mittelschicht längst durchdrungen hat, schafft keine guten Voraussetzungen für glückliche Kindheiten, für Eltern-Kind-Beziehungen, denen der wichtigste Erziehungsfaktor, Zeit, nicht abhanden kommen wird. Nicht (nachträglich) maßregeln, sondern (vorher) Zeit füreinander haben, erfahren, was einen Jugendlichen beschäftigt, mit ihm um Ansichten, Welt- und Heldenbilder streiten: Dafür reichen zwanzig Minuten am Tag nicht.

Der Wahlkampf tobt, doch werden die Themen Familienpolitik, Kinder- und Jugendförderung und Gewaltprävention, die nicht unabhängig voneinander behandelt werden können, sträflich außer Acht gelassen. In keinem der TV-Duelle wurden familienpolitische Inhalte nennenswert thematisiert.

Die Familienpolitik wurde – wieder einmal – stiefmütterlich behandelt, man wurde fast an die Schröder-Jahre erinnert, an Gerhard Schröders denkwürdigen Ausfall, in dem er Renate Schmidt als "Ministerin für Frauen und anderes Gedöns" bezeichnete. Renate Schmidt war bekanntlich von 2002 bis 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Während der Wahlkampf so vor sich hin und an vielen Menschen komplett vorbeitobt, fragen sich so manche Eltern, die sich keine Nanny leisten können, warum es immer noch so wenige Kitaplätze gibt, warum sie Bewerbungsgespräche wie bei Daimler führen müssen, nur um für ihr Kind einen Betreuungsplatz zu bekommen. Hebammen fragen sich, warum ihre anspruchsvolle medizinische, sozialpädagogische und psychologische Arbeit von den Krankenkassen mit sechs bis acht Euro pro Stunde, mit einem Putzfrauenlohn, "honoriert" wird. So schätzt man also in Deutschland, einem Land, in dem der Mangel an Kindern ständig beklagt wird, die Geburtshilfe.

Es muss immer erst ein weiterer Amoklauf stattfinden, damit Politiker konstanten Handlungsbedarf registrieren. In der Kürze der Zeit fällt ihnen dann nichts Anderes ein als "mehr Härte" zu fordern. Die Themen Familienförderung, Kinder- und Jugendförderung und Gewaltprävention hätten in diesem Wahlkampf ein ganz anderes Gewicht bekommen müssen. Das lässt nichts Gutes ahnen für die Zeit nach der Wahl.

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 22.09.2009 um 12:47 Uhr
    1. Warum?

    Wenn ein jeder seines Glückes Schmied ist, sucht sich eben jeder einen Amboss.

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    großartig

    großartig

  1. Frau Dückers. Was wäre die Zeit nur ohne Sie!

    • hamkon
    • 22.09.2009 um 13:36 Uhr

    Es besteht in der lautstarken Proklamation solcher hehren Vorgaben und Ziele, die sich dann in der Praxis ebenso in Luft auflösen, wie einst in der Ostzone die diversen Parolen, welche die damaligen Kaderfunktionäre zur Legitimierung ihrer autokratischen, stalinistischen Kaderfunktionärsdiktatur unter die Leut brachten.

    Wer glaubt eigentlich all diese modernistischen Parolen, die sich - bei genauem Hinsehen - als pure Agitation und Propaganda heraus stellen, weil die Umgebungsbedingungen - leider, leider - die Wahrnehmung dieser Rechte genau so wenig ermöglichen, wie es beim Gesetz zum Fortbildungsurlaub der Erwerbstätigen in der Wirtschaft der Fall war.

    Deutschland, ein ewig Jammertal und ein Staat selbstherrlicher Potentaten, deren Macht und Willkür sich auf ererbten Besitz stützt, so lange diese alten Kapitalsummen noch vorhanden sind.

  2. Tanja Dückers gelingt es auch hier wieder, ein zutreffendes Stimmungsbild zu zeichnen. Sie widersteht der Versuchung, ein meinungsbildendes Fazit zu entwerfen, und dies ist all den auf unzureichenden Analysen basierenden Handlungsanweisungen gewisser Politiker vorzuziehen.
    Es ist offenkundig geworden, daß weder der Staat noch der Markt die Erziehungsmisere lindern kann. Die Frage, inwieweit die Teilhabe des Staates und des Marktes an der Erziehung überhaupt wünschenswert ist, muß in diesem Zusammenhang neu gestellt werden.
    Eine Verbesserung der Situation ist nur durch elterliche Eigeninitiative zu erreichen. Dies ist die größte und schwierigste Aufgabe, die Deutschland in den kommenden Jahrzehnten zu bewältigen hat.

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    "Es ist offenkundig geworden, daß weder der Staat noch der Markt die Erziehungsmisere lindern kann."

    Keiner von beiden hat es je ernsthaft versucht und zumindest der Staat hätte sehr wohl die Möglichkeit dazu, wenn er nur wöllte.

    "Eine Verbesserung der Situation ist nur durch elterliche Eigeninitiative zu erreichen."

    Ach? Und wie? Durch anregende Apelle?

    "Es ist offenkundig geworden, daß weder der Staat noch der Markt die Erziehungsmisere lindern kann."

    Keiner von beiden hat es je ernsthaft versucht und zumindest der Staat hätte sehr wohl die Möglichkeit dazu, wenn er nur wöllte.

    "Eine Verbesserung der Situation ist nur durch elterliche Eigeninitiative zu erreichen."

    Ach? Und wie? Durch anregende Apelle?

  3. >Doch statt dem hilflosen Ruf nach "mehr Härte" ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte nötig.<

    Es gibt mehrere Ansätze die Probleme mit der gewaltbereiten Jugend zu lösen. Dass natürlich alt-68er und ausgeprägte Gutmenschen sich nur eine und dann auch noch "gesamtgesellschaftliche" Debatte vorstellen können, liegt auf der Hand. Diese Denkweise hat im Übrigen nicht unwesentlich zu diesen Problemen beigetragen. Das ist doch lächerlich: Durch endloses Gelaber solche handfesten Probleme lösen. Träumen Sie weiter!

    Um diese Probleme zu verstehen, muss man sich die Elterngeneration der heutigen gewaltbereiten Jugend ansehen und sich ins Bewusstsein rufen, wie diese selbst aufgewachsen und erzogen worden sind. Da wird man erstaunliches an Konsequenz- und Hilflosigkeit zu Tage fördern.

    So rächt sich das gescheiterte Erziehungsmodell der siebziger bis in die zweite und dritte Generation hinein.

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    Bei Ihnen möchte ich nicht Kind sein.

    Selbstverständlich ist diese Konsequenzlosigkeit in der heutigen Erziehung grausam.
    Damals bei der HJ wusste man noch seine Kinder zu erziehen.
    Oder im Mittelalter - wer nicht hören wollte, musste fühlen.
    Und wenn einem dann eben der Finger abgehackt wird, wenn das Zimmer wieder einmal unordentlich war.
    Denn schließlich gilt: Quid pro quo!

    Bei Ihnen möchte ich nicht Kind sein.

    Selbstverständlich ist diese Konsequenzlosigkeit in der heutigen Erziehung grausam.
    Damals bei der HJ wusste man noch seine Kinder zu erziehen.
    Oder im Mittelalter - wer nicht hören wollte, musste fühlen.
    Und wenn einem dann eben der Finger abgehackt wird, wenn das Zimmer wieder einmal unordentlich war.
    Denn schließlich gilt: Quid pro quo!

    • hardob
    • 22.09.2009 um 14:32 Uhr

    hat seinen Preis. Ein ganz "doofes" Beispiel. Die Ladenöffnungszeiten müssen in Permanenz ausgeweitet werden, damit die, die sich unter 14 täglichen (oft nutzlosen) Stunden im Büro nicht zufrieden geben, auch noch zum Einkaufen kommen. Wer arbeitet aber im Handel. Viele Mütter, die dazu verdienen müssen, denen diese neuen Öffnungs-Zeiten (und am allerliebsten auch noch am Sonntag) für ihre Kinder gestohlen wird.

    War es nicht Präsid. Reagan, der den Angriff gegen Mütter gestartet hat, der ihnen die Sozialhilfe auf wenige Monate kürzte, wiel diese sonst nur faul in der sozialen Hängematte herumtümmeln könnten. D a s ist die Wertschätzung der Kindererziehungsaufgabe seitens derer, die sich Sonntags dann dran machen, den Werteverfall in Familien bei Kindern und Jugendlichen zu bejammern, diese scheinheiligen Tröpfe, die sich nach solchen Katastrophen wie in München oder Ansbach mit unbrauchbarsten Statements aus Textbausteinen zu Wort melden.

    Das ist der Preis, der zu zahlen ist, wenn Konkurrenz als höchste Gut von Geburt an und Rücksichtslosigkeit als höchster Wert definiert ist.

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    Mehr Öffnungszeiten sind doch nicht gleichbedeutend mit mehr Arbeitszeiten. Tatsächlich erlauben längere Öffnungszeiten auch eine flexiblere Arbeitszeitplanung für im Handel Beschäftigte. Und da sind so einige dabei, die die späten Zeiten bevorzugen.

    Der Primat des Ökonomischen, legitimiert mit einem neuen Sozialdarwinismus, ist die Hauptursache des heutigen Werteverfalls.

    Mehr Öffnungszeiten sind doch nicht gleichbedeutend mit mehr Arbeitszeiten. Tatsächlich erlauben längere Öffnungszeiten auch eine flexiblere Arbeitszeitplanung für im Handel Beschäftigte. Und da sind so einige dabei, die die späten Zeiten bevorzugen.

    Der Primat des Ökonomischen, legitimiert mit einem neuen Sozialdarwinismus, ist die Hauptursache des heutigen Werteverfalls.

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