Und was wählst du? Dieser Frage kann sich Jussi Isaksen entziehen. Denn er hat eine zeitlich beschränkte Aufenthaltsgenehmigung und bleibt damit auch auf innerer Distanz zur deutschen Gesellschaft und zum parteipolitischen Geschehen. Er nennt es "Luxus", nicht wählen zu dürfen in diesem Land, obwohl sich Isaksen als politisch und historisch interessierten Menschen versteht.

Die schwierigere Frage heißt für ihn nämlich: Wer bist du? Wenn Jussi Isaksen seine Familiengeschichte erzählt, wird dem Zuhörer ganz schwindelig. Er hat elsässische, baltische und deutsche Vorfahren und ist norwegischer Staatsbürger. Die Eltern lernen sich in Finnland kennen. Ein romantisch verklärtes Skandinavienbild, das Reinheit, Klarheit und Naturbezogenheit versprach, zog sie dorthin.

Die karelische Einöde entpuppt sich als zu abgeschieden, man könnte auch sagen menschenleer. Also lässt sich die Familie im äußersten Süden der belgischen Ostkantone nieder, wo eine deutschsprachige Minderheit zu Hause ist. Ein "simuliertes Exil" nennt Isaksen diese Existenzform. Nicht Deutsch sein wollen, aber gerade darin besonders deutsch sein.

Als Jugendlicher wird sein Lauftalent entdeckt. Er läuft da, wo er ist: in Belgien. Nun stellt sich erstmals die Frage, die ihn von da an begleitet: Wer bist du?

Da der Vater noch deutscher Staatsbürger ist, kann der Sohn seine Staatsbürgerschaft wählen, sobald er volljährig wird. Er entscheidet sich für die gefühlte belgische Heimat und gewinnt mit 17 die belgische Jugendmeisterschaft. Nach dem Rennen reklamiert der Zweitplatzierte, dass Isaksen zu dem Zeitpunkt noch Deutscher mit Fremdenpass war, und nicht legitimer Deutschbelgier. Isaksen muss daraufhin, nur Monate von der Volljährigkeit und der damit verbundenen Einbürgerung entfernt, seine Goldmedaille wieder abgeben.

Die Deutschen hören von dem Lauftalent, das die Belgier nicht haben wollen, und berufen "den Belgier", wie es heißt, in die deutsche Nationalmannschaft. Mit sehr ambivalenten Gefühlen startet Isaksen für die westdeutsche Auswahl. Bin ich denn Deutscher? Vor dem ersten Start für Deutschland bei der Junioren-Europameisterschaft 1985 trennt er den deutschen Bundesadler von seinem Trikot und näht ihn verkehrt herum wieder an. Er wird Zweiter, niemandem fällt auf, dass der Vogel Kopf steht.

Dann verliebt sich Isaksen in eine Norwegerin und zieht zu ihr in den Norden. Damit stehe er dem Leistungsport nicht mehr im vollen Umfang zur Verfügung, bekommt er aus dem sich wiedervereinigenden Deutschland zu hören. Jetzt nehmen ihn die Norweger als Staatsbürger und Läufer, Isaksen muss daraufhin den deutschen Pass aufgeben. Von deutscher Seite wird darauf bestanden.