Jugendgewalt "Ich bin fassungslos"
Das grausame Verbrechen von München ruft Justizministerin Zypries auf den Plan. Im Interview fordert sie von den Ländern mehr Personal und Engagement gegen Jugendgewalt.
Frage: Frau Zypries, nach dem was in München passiert ist, denken Sie, es traut sich überhaupt noch jemand in einer ähnlichen Situation einzugreifen?
Brigitte Zypries: Ich hoffe wirklich, dass die Menschen den Mut zur Zivilcourage nicht durch diesen sehr tragischen Fall verlieren. So etwas ist nicht der Regelfall. Man kann eingreifen.
Frage: Waren Sie selbst schon einmal in der Situation, dass sie sich entscheiden mussten zwischen handeln oder zuschauen?
Zypries:Ja, war ich. Allerdings waren das nur Rangeleien unter Jugendlichen auf U-Bahnhöfen. Da habe ich schon mal gesagt: Hey, lasst das sein. Es ist viel zu gefährlich wenn ein Zug einfährt und einer aufs Gleis fällt. Die Jugendlichen haben dann nicht gerade reagiert nach dem Motto: Wunderbar, was die Oma uns da erzählt. Aber es war keine gefährliche Situation für mich.
Frage: Der CDU-Sicherheitspolitiker Rupert Scholz fordert ein schärferes Vorgehen gegen Gaffer, die Opfern nicht zu Hilfe kommen. Befürworten Sie das?
Zypries:Ich meine, man erreicht die Leute nicht, wenn man mit Drohungen arbeitet. Man muss an das normale Empfinden der Menschen appellieren, an Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Frage: Warum sträuben Sie sich und mit Ihnen ihre Partei gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts?
Zypries:Weil wir wissen, dass es nichts bringt. Unser Recht ist ausreichend und die Debatte uralt. Der Jugendliche denkt ehe er zuschlägt nicht darüber nach, ob er nun zehn oder fünfzehn Jahre Strafe zu erwarten hat.
Frage: Aber hätte es nicht wenigstens eine abschreckendere Wirkung wenn Heranwachsende wüssten, dass sie nach Erwachsenenstrafrecht beurteilt werden, wie von Unionspolitikern gefordert?
Zypries:Die Rechtslage ermöglicht auch jetzt schon, alle Heranwachsenden nach Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen. Richter und Richterinnen wenden dieses aber oft nicht an – insbesondere in Bayern. Im Bundesdurchschnitt wird es bei 40 Prozent angewendet, in Bayern nur bei 30 Prozent.
Frage: Wenn die Richter auf Grundlage eines Gutachtens entscheiden, dass die einem Erwachsenen vergleichbare Reife nicht vorliegt, um auf einen jungen Mann das allgemeine Strafrecht anzuwenden, dann liegen dafür ja Gründe vor.
Zypries:Ein Tötungsdelikt wie das in München ist ein außergewöhnlicher und seltener Fall. In der Mehrzahl geht es aber doch um Diebstähle und Drogendelikte. Gerade bei denen bietet das Jugendstrafrecht sogar oft die wirkungsvolleren Sanktionen. Erwachsenenstrafrecht kennt nur zwei Sanktionen: Die Geld- oder die Freiheitsstrafe. Nach Jugendstrafrecht kann ich aber jemanden zu Sozialstunden verurteilen. Ich meine, dass es zielführender ist, einen 19-Jährigen, der wegen Diebstählen vor dem Richter steht, über Monate jedes Wochenende in einer sozialen Einrichtung mitarbeiten zu lassen. Wenn ich dem eine Geldstrafe auferlege, zahlen das im Zweifel Eltern oder Großeltern.
Frage: Der Richterbund beklagt, dass Jugendstrafen nur schleppend vollstreckt werden. Da nur schnelle Strafen nach einer Tat bei Jugendlichen Wirkung zeigen. Diese Klage ist mindestens so alt wie der Ruf nach härteren Strafen. Warum ändert sich nichts?
Zypries:Genau an diesem Punkt ist die aktuelle Debatte sehr schräg. Anstatt dass sich die Verantwortlichen in Bayern fragen, was denn bei diesen jungen Männern schiefgegangen ist, wird auf den Bund geschaut und nach dem Gesetzgeber gerufen. Die Länder sind dafür zuständig, Sorge für eine ordentliche Ausstattung in der Jugendhilfe zu tragen, genügend Richterinnen und Richter einzustellen, die Ländern müssen dafür sorgen, dass Jugendliche schnell angeklagt werden und dass eine ausgewogene Strafe dann auch schnell angetreten werden muss.
Frage: Noch eine Dauerforderung ist die nach mehr Prävention, mehr Arbeit an Schulen, Anti-Gewalt-Projekten. Woran hakt das?
Zypries:Sehen Sie, ich bin fassungslos, wenn ich sehe, dass einige Bundesländer die Initiative, Sozialarbeiter an Schulen einzustellen, wieder kippen. Das wird einfach nicht weiterfinanziert. Ich kann so etwas nicht nachvollziehen. So geht es mir übrigens auch mit einer anderen Frage: Die Länder haben in den letzten acht Jahren 9000 Polizeistellen eingespart.
Frage: Solche Angriffe kann keine Gesellschaft ganz verhindern. Auch unsere Gesellschaft muss ganz offenbar damit leben. Warum leisten wir uns dann den Luxus, Knotenpunkte wie U- und S-Bahnen und -Stationen ohne Wachpersonal zu lassen?
Zypries:Ich kann Ihnen da keine Antworten geben. Wir reden immer wieder über diese Fälle und gerade in München waren es zwei Fälle in der U-/S-Bahn. Das müsste den bayerischen Kollegen Veranlassung sein, über Veränderungen nachzudenken.
Frage: Quer durch die Republik beklagen Fachleute den Personalmangel beim Sicherheitspersonal. Wer könnte hier handeln?
Zypries:Handeln müssen alle Bundesländer, sie sind zuständig für die Gefahrenabwehr. Und wenn es nicht überall möglich ist, eigenes Personal zu stellen, dann muss man vielleicht auch über ehrenamtliche Lösungen nachdenken. In meinem Wahlkreis gibt es beispielsweise eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, die jeden Freitag und jeden Samstag – wenn die Jugendlichen auf den Straßen sind – von 11 bis nachts um 2 auf den Straßen und an Bushaltestellen unterwegs und ansprechbar für die Jugendlichen sind. Ihr Motto ist: Wir bringen Euch sicher nach Hause.
Frage: Sie weisen die Länder freundlich auf Versäumnisse hin, Sie appellieren an die Bürger, was kann die Bundesregierung tun?
Zypries:Der Anteil der Arbeitslosen bei den jugendlichen Angeklagten hat sich innerhalb weniger Jahre auf 60 Prozent verdoppelt. Wir müssen die jungen Leute von der Straße holen, damit sich kein Frust aufbaut. Wir müssen in der Bildungspolitik mehr tun: Drei Viertel der Gewalttäter haben keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss. Das sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die wir verändern müssen. Mit mehr Ganztagsschulen zum Beispiel. Gerade weil der Weg in ein straffreies Leben über Ausbildung und Beruf führt, ist nicht zuletzt das jüngst vom Bund eingeführte lebenslange Recht, seinen Hauptschulabschluss nachzuholen, so wichtig.
Das Gespräch führte Barbara Junge
Brigitte Zypries (SPD leitet seit 2002 das Justizministerium. Die 1953 geborene Juristin war Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht. Gerhard Schröder brachte Zypries ins Kabinett.
- Datum 16.09.2009 - 10:51 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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von den Ländern mehr Rechte und Engagement gegen Polizeigewalt.
Mal ganz ehrlich, wenn es brennt kann ich natürlich mehr und engagiertere Feuerwehrleute rufen... aber wäre es nicht vernünftiger für ausreichend Wasser zu sorgen, damit ein Strohfeuer nicht erst ausbricht und die Natur gedeihen kann?
Warum wird die Gewalt nur bei den Jugendlichen gesehen?
Das eigentliche Gewaltpotential wird durch die allgemeine Handlungsweise der Bevölkerung freigesetzt.
Die einzige Vernünftige Aussage in den im Fernsehen gezeigten Interviews war, daß wir die Jugendlichen immer mehr verwahrlosen lassen.
Deutschland stellt hohe Ansprüche.
Einerseits möchte es so sein, wie die Dänen, wo die Wirtschaft auf der Grundlage aufgebaut ist, daß Männer und Frauen darin gleichberechtig tätig sind, die Kinder vorwiegend woanders untergebracht sind und die Familie auf einem streng nach den Regeln der Wirtschaft untergeordnetes Leben führt. Auf der anderen Seite möchte es den Sozialstaat vorweisen, der sich erlauben kann, daß Familien entstehen, wo kein durch beidseitiges (Vater und Mutter) Einkommen gesichertes, also nicht durch wirtschaftlich geregeltes Familienleben stattfindet.
Hier findet in Deutschland eine Umbruchphase statt, die größtenteils mit dem Brecheisen durchgeführt wird. Die hohe finanzielle Belastung durch diese Doppelgleisigkeit stellt ein Problem dar. Viele Heranwachsende fallen durch diese Bruchstelle. Sie haben keine Position in dieser Gesellschaft, ihre Existenz wird verdrängt oder ignoriert. Es gibt keine Mittel, um ihrem Leben einen anderen, sinnvollen Sinn zu geben, als die Bestrafung solcher Handlungen, wie sie in München geschehen sind.
Wirft man hier ein Auge auf die passiv beteiligten Personen, haben auch sie durch ihre passive Haltung eine Mitschuld an dem Geschehenen und es spiegelt sich die Handlungsweise einer am wirtschaftlichen Denken orientierten Gesellschaft darin wieder.
Es gilt jetzt also: Was will Deutschland?
Will es noch ein soziales Miteinander? Oder will es den Staat, der die Bevölkerung benötigt, um einen Wohlstand kontinuierlich herzustellen? Ist dies beides miteinander vereinbar und wenn ja, dann WIE?
Ich frage mich allen Ernstes, wieso Frau Zypries nicht mehr für das neue Kabinett eingeplant ist.
Ich frage mich allen Ernstes, wieso Frau Zypries nicht mehr für das neue Kabinett eingeplant ist.
Ich frage mich allen Ernstes, wieso Frau Zypries nicht mehr für das neue Kabinett eingeplant ist.
Wenn die Kuh schon im Brunnen hängt, macht man am besten den Deckel zu: Jemand, dem durch Elternhaus, soziales Umfeld, Bildung und vieles mehr schon "vorbeschieden" ist eine kriminelle Karriere zu beginnen, kann man nicht dann, wenn er schon bis zum Hals drinnensteckt wieder rausholen. Resozialisierung funktioniert nicht - hier zählt nur mehr der Schutz der Bevölkerng: Ergo Wegsperren ob nun nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht. Was fehlt ist eine Grundsozialisierung ganzer Gesellschaftsschichten, in denen nicht die Mindestwerte von Menschlichkeit, Empathie, Anstand usw. von den Eltern mitgegeben werden (können). Nur ein so sozialisiertes Gehirn kann derartige Taten geschehen lassen.
Die gleichen Politiker, die hier die Folgen der fehlenden Sozialisierung einer ganzen Parallelgesellschaft nicht vernünftig bekämpfen wollen, haben es aber auch nicht geschafft, sinnvolle Schritte einzuleiten, die hier vorbeugen: kostenfreier Ganztageskindergarten, angepasste (statt gleichmacherischer) Beschulung, kein Hartz IV fürs Nichtstun stattdessen ein Recht auf Arbeit (soziale Einbindung Erwerbsloser)....
Solange die Bildungsausgaben im Konjunkturpaket sich auf Wärmedämmung von Schulen bezieht, ist alles Gerede scheinheilig!
...mehr geld fürbildung ausgeben. ist ja ne neue idee. mal gespannt was davon übrigbleibt ab 28.09.
Hätte auch 1980 gesagt werden können.
War nicht Frau Zypries die Dame, welche in einer Talkshow dazu riet, das S-Bahnabteil zu wechseln bei Gefahr? Sagt doch alles.
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