Barwell in der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire ist keiner jener notorischen "sink estates", jene verkommenen Sozialwohnungssiedlungen, in denen die "underclass" lebt und die selbst Polizisten wenn nur irgend möglich meiden. Doch nach dem Selbstmord von Fiona Pilkington und ihrer geistig behinderten Tochter Francesca steht der Ort für bedenkliche Fehlentwicklungen der englischen Gesellschaft.

Zehn furchtbare Jahre lang hatten die Pilkingtons physische und seelische Qualen ertragen müssen, bevor die verzweifelte Mutter für sich und ihre Tochter keinen Ausweg mehr sah. Ihre Quälgeister waren allen voran die vier Sprösslinge der Simmons-Familie. Den Nachbarn galt diese Familie als "neighbours from hell", als "höllische Nachbarn". Niemand wagte es, ernsthaft gegen den Terror der Jugendlichen, der ansteckend auf andere Heranwachsende wirkte, vorzugehen.

Gnadenlos wurden Fiona Pilkington und ihre beiden Kinder beschimpft, bedroht und attackiert. Ihr Sohn wurde mit Eisenstangen geschlagen, sein Fahrrad gestohlen, die geistig behinderte Tochter als "Frankenstein" verspottet. Besonders schlimm ging es nach Anbruch der Dunkelheit zu. Angsterfüllt saß die Familie hinter zugezogenen Gardinen, während draußen Kinder und Jugendliche Randale veranstalteten: der Gartenzaun wurde in Brand gesteckt, die Hecke niedergerissen, das Haus mit Steinen und Eiern bombardiert, Fensterscheiben eingeworfen und Feuerwerkskörper oder Exkremente durch den Briefkastenschlitz geschoben.

Jetzt, nachdem das ganze Ausmaß des zehn Jahre langen Leidensweges der Pilkingtons durch eine Untersuchungsrichterin zu Tage gefördert wurde, fragen sich viele, wie so etwas geschehen konnte. Kann man den Bewohnern des Viertels einen Vorwurf machen, fehlte es an der Bereitschaft, Jugendliche und Kinder zurechtzuweisen, mangelt es an Zivilcourage? Der Vorwurf wird jetzt laut, nach dem schrecklichen Ende von Mutter und Tochter in einem brennenden Auto.

Doch die Erwachsenen, die über die letzten Jahre hinweg versucht hatten, die Jugendlichen zur Ordnung zu rufen, wurden beschimpft und bedroht. "Wir wissen, wo ihr wohnt", hieß es und es kam zu "Strafaktionen" gegen ihre Häuser. Auch schreckt das Schicksal derjenigen, die in vergleichbaren Fällen eingegriffen hatten, ab. Ein Familienvater wurde von Jugendlichen zu Tode geprügelt, ein ganz ähnlicher Fall wie jener, der kürzlich Deutschland erregte, andere zahlten mit schweren Verletzungen und vernarbtem Gesicht.

Die Bereitschaft der Bürger, einzugreifen und jenen zu helfen, die in Bedrängnis sind, ist in Großbritannien durch eine wohlmeinende, im Ergebnis jedoch verheerende Politik systematisch abgebaut worden. Staatliche Instanzen, Sozialbürokratien und Polizei haben sich nicht nur zurückgezogen und, im Fall der Pilkingtons, keine Hilfe geleistet.

Was eine mutige Untersuchungsrichterin jetzt zu Tage gefördert hat, gegen den Widerstand der Behörden, die alles daran gesetzt hatten, ihr Versagen zu vertuschen. Es ist noch schlimmer: In den staatlichen Instanzen herrscht eine politisch korrekte Ideologie vor, die nicht verdammen will, die einen moralischen Relativismus propagiert und für die die paternalistische Duldung von Kleinkriminalität und Vandalismus die Norm ist.