Generationen Alter ist nicht gleich Alter
Wer übernimmt die Verantwortung für die Alten? Die Familie? Die Gesellschaft? Der Einzelne? Eine Studie hat untersucht, wie sich weltweit das Bild vom Alter verändert.
Japaner ehren ihre Greise, Brasilianer schwelgen im Jugendkult. Solche Vorstellungen haben wir im Kopf. Aber prägen kulturelle Traditionen wirklich noch unseren heutigen Umgang mit den Alten und dem Altern? Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums und mit Unterstützung der Robert Bosch-Stiftung eine nicht repräsentative Untersuchung durchgeführt: "Altersbilder in anderen Kulturen". Sein Team befragte Experten auf dem Gebiet der Altersforschung und viele ältere Frauen und Männer in Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Norwegen und den USA.
Kruse kommt zu dem durchaus überraschenden Ergebnis, dass das Thema Altern alle untersuchten Länder auf politischer Ebene ähnlich stark beschäftigt und Menschen verschiedener Kulturen Senioren auch ähnlich bewerten. Quer über die Kontinente unterscheiden Menschen heute zwischen "jungen" und "alten" Alten. Während die jungen Alten in der sogenannte "dritten Lebensphase", mit neuen Freiheiten, Bildungsmöglichkeiten, mit großer Offenheit und der Möglichkeit, sich zu engagieren, verbunden werden, wird das Bild der Menschen im "vierten Lebensalter" viel mehr durch ihre Grenzen, also Krankheiten und Abhängigkeit geprägt. Und diese Unterscheidung hat Konsequenzen.
Wie das Alter wahrgenommen wird, hängt weltweit zudem auch weit stärker von der jeweiligen sozialen Schicht und dem Geschlecht ab als von der Kultur. In unteren Sozialschichten wird Altern im Wesentlichen als Schicksal hingenommen. Am Extrembeispiel Brasilien erläutert Kruse: "Die Menschen aus der Ober- und teilweise der Mittelschicht pflegen ein extremes Jugendlichkeitsideal. Das dritte Lebensalter kommt eigentlich gar nicht vor." Es wird gerne auch durch Schönheitsoperationen retouchiert. Die ganz Alten der Ober- und Mittelklasse ziehen dann sich in luxuriöse Einrichtungen zurück und sind öffentlich nicht mehr sichtbar. Die unteren Schichten hingegen erreichen ein hohes Alter entweder gar nicht oder nehmen sich selbst nur als arme, aber gar nicht so sehr als in erster Linien alte Menschen wahr.
Gibt es etwas, das Deutschland von den anderen Ländern lernen kann, zum Beispiel von Japan oder Frankreich, Norwegen oder Kanada?
Frankreich
Kruse sagt, besonders beeindruckt habe ihn in Frankreich die intensive öffentliche Diskussion über alternde Menschen und welch großes Gewicht man dort bereits auf das Wohnumfeld im vierten Lebensalter lege. "Viele Alzheimer-Patienten wohnen inzwischen in sehr intimen Wohngruppen."
Außerdem werden mehr rehabilitationsorientierte Pflegeangebote bereitgestellt als in Deutschland. Die Sensibilität für die Risiken in der vierten Lebensphase sei in Frankreich besonders hoch. Zum Beispiel werden während einer Hitzewelle sofort Notfallpläne für alte Menschen aufgestellt. Auch lebenslanges Lernen wird laut der Studie in Frankreich besonders gefördert.
In anderer Hinsicht haben es vor allem diejenigen Franzosen schlecht, die kurz vor der Pensionsgrenze stehen. In Deutschland gibt es '"lange nicht eine so hohe Diskriminierung der Alten im Beruf wie in Frankreich", sagt Krause. Nur sieben Prozent der 64 oder 65 Jahre alten Männer seien im Nachbarland noch beschäftigt.
Japan
Hier bietet sich sogleich der Vergleich zu Japan an. Denn dort sind laut Kruse noch 30 Prozent der 65-jährigen Männer erwerbstätig. Überhaupt scheint sich das Klischee zunächst zu bestätigen, in der eher kollektivistischen Gesellschaft Japans würden die Alten besser integriert als im individualistischen Europa. "30 Prozent der Familien sind Dreigenerationenhaushalte. Die mittlere Generation fühlt sich verpflichtet, die Alten zu pflegen", berichtet der Altersforscher.
Doch das Konzept wird in den japanischen Großstädten immer problematischer. Die Wohnungen sind klein, das Risiko, vernachlässigt und sogar misshandelt zu werden, ist unter diesen Bedingungen für alte Menschen höher als anderswo. "Die hohe emotionale Bindung und Verpflichtung führt manchmal dazu, dass die Menschen ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren können."
Außerdem müsse man in Japan unterscheiden zwischen faktisch gelebter und öffentlich gezeigter Verantwortung. Zwar wird das Alter kollektiv verehrt. "Aber im öffentlichen Raum sind die Alten nicht präsent, dürfen nicht mehr viel mitgestalten", beobachtete Kruse.
Deshalb beginnt man nun in Japan umzudenken. Da die Gesellschaft dort auch noch wesentlich schneller altert als bei uns, bietet man den älteren Japanern beispielsweise an, sich fortzubilden und noch einmal auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren: "Second career" wird dieses Konzept genannt.
Norwegen
Das Land ist überschaubar, und die Senioren profitieren vom staatlichen "Petroleum-Fonds", der ihre recht hohen Pensionen durch die Erlöse aus den Ölvorkommen sichert. Ein Riesenvorteil, der es beispielsweise erlaubt, eine ausgereifte Pflegeversorgung neben der medizinischen anzubieten.
Die demografische Entwicklung verläuft ähnlich wie bei uns, weshalb das Rentenalter ebenfalls auf 67 Jahre heraufgesetzt wurde. Zudem wurde die altersgestaffelte Besoldung abgeschafft und durch ein leistungsbezogenes System ersetzt.
Dafür aber es gibt ein ausgereiftes Bildungssystem für ältere Menschen. Flächendeckend stehen ihnen in dem großen Land kleinere Bildungseinrichtungen zur Verfügung, die Erwachsenenbildung, Kurse im Gedächtnistraining oder eigene Programme zum Generationenaustausch anbieten.
Das funktioniert. Die Alten übernehmen Verantwortung im öffentlichen Raum, und die Jungen fühlen sich meist solidarisch - was ihnen natürlich durch die finanzielle Absicherung einfach gemacht wird.
Kanada
Auch in Kanada ist die ältere Generation gut aufgehoben, was Bildungsangebote und gesundheitliche Versorgung betrifft. All das soll kulturell sensibel ausgebaut werden. Denn Andreas Kruse sagt: "Hier ist für uns die kulturelle Vielfalt besonders interessant. 42 Prozent der Bewohner kommen aus anderen Ländern und bringen unterschiedlichste Gewohnheiten mit, sodass sehr unterschiedliche Altersbilder nebeneinander existieren." Man ist dem mit einem Mulitikulturalismusgesetz begegnet: Alle Menschen haben gleiche Rechte. Das gilt für Schüler genauso wie für Rentner.
Diese Erkenntnisse aus anderen Ländern können in manchen Punkten beispielhaft für Deutschland sein. Kruse sieht allerdings nicht überall Nachholbedarf: "Wir müssen uns in Deutschland in Bezug auf unser Altersbild und die soziale Sicherung der Alten nicht verstecken. In den anderen Ländern stellen sich viele Fragen zum Teil noch dringlicher."
So zeigt die Studie zum Beispiel auch, dass die Sehnsucht vor allem der Alten nach einer weniger individualistischen Gesellschaft kaum zum Ziel führen wird. Die Japaner, zumindest in den Großstädten, können ihren Anspruch an die Verantwortung der Familie oft nicht mehr halten. Vorbild kann das Land aber darin sein, ältere Arbeitnehmer ernst zu nehmen und weiterzubilden. Das machen uns auch die Norweger konsequent vor.
Überall beginnt man nämlich, ältere Menschen der dritten Lebensphase stärker in die Pflicht zu nehmen. Sie müssen nicht nur länger arbeiten und sich stärker selbst fürs Alter vorsorgen. Sie werden auch ermuntert, gesellschaftliche Verpflichtungen zu übernehmen und ihre gesammelten Erfahrungen und Kompetenzen einzubringen, auch wenn sie nicht mehr berufstätig sind. Aber dazu müssen sie ernst genommen werden und sich auch weiterbilden können.
Anders sieht es dann im vierten Lebensalter aus. Hier kann man zum Beispiel von Frankreich einen sensibleren Umgang mit der Verletzlichkeit im hohen Alter lernen, zum Beispiel im Umgang mit Demenzkranken.
Alter ist also nicht gleich Alter. Während man den jungen Alten mehr eigene Verantwortung überträgt, müssen alle Gesellschaften weltweit auf einfühlsame Weise für die ganz Alten sorgen. Familien allein werden das nicht mehr leisten können, der Einzelne für sich auch nicht. Die Gesellschaft ist daher gefordert.
Die Studie "Altersbilder in anderen Kulturen" kann man hier nachlesen.
- Datum 18.11.2009 - 15:54 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Noch kann man mit der sozialen Absicherung und dem Bild punkten. Aber wie lange noch?
Die Beschäftigungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind doch eher im Bereich der Folklore anzusiedeln. Zumal der Frühverrentung trotz Rente mit 67 ungleich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als der "Spätarbeit". So kommt es bei mir zumindest an.
Meinen herzlichen Dank an TANJA DÜCKERS – das Netzwerk der neuen Zeitgeistprediger etabliert sich in Schwarz-Gelb: ihre Exponenten überbieten sich gegenseitig in einer derart massiven Arroganz, dass sich mir vor Ekel der Magen dreht.
Diese nährt sich aus dem darwinistisch geprägtem Geist: sich elitär dünken.
GELB, das Sammelbecken für alle Besserwisser - die gab und gibt es in allen Schichten der Bevölkerung. Bescheidenheit ist ihnen fremd – das hat unsere leidvolle Geschichte deutlich gemacht.
Hoffentlich bleibt GELB im neuen Europa eine Randgruppe!
all dies ergab eine "eine nicht repräsentative Untersuchung" (Zitat 1. Absatz).
Können Sie mir jetzt noch den Wert einer nicht repräsentativen Untersuchung erläutern??? und welche Aussagekraft hat eine solche nicht repräsentative Untersuchung? Kann man sie als repräsentativ für die "untersuchten" Länder betrachten???
verwirrte Grüße Buker
vielen Dank dafür, dass der Demografische Wandel auch als sog. Mega-Trend in der Arbeits- und Beschäftigungswelt hier wieder eine Plattform findet.
Denn angekommen in der Arbeitswelt ist er noch lange nicht, und dass wir uns im Vergleich mit anderen Ländern nicht verstecken müssen, sollte nicht suggerieren, dass es hier in D damit gut bestellt ist.
Täglich zu erleben: Arbeitnehmer, die schwer damit beschäftigt sind, ihre Jahre bis zur Rente zu zählen, die an Weiterbildungsmassnahmen nicht mehr teilnehmen wollen; Lernen abgeschlossen - eingestellt. Dazu wenig innovative Weiterbildungs-Anbieter, um mit der Entwicklung von bedarfsgerechten oder passgenauen Angeboten zu überzeugen. Und Unternehmen, ob klein, mittelständisch oder gross, die einen ROI in entsprechende Aktivitäten kategorisch ausschliessen.
Diese Bewusstseinsveränderung ist ein weiter Weg.
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