Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen
Von der Entmündigung der muslimischen Frau
Migrantinnen sind in mancher Hinsicht benachteiligt. Aber warum nehmen wir sie nur als Opfer wahr? Warum nicht als Akteurinnen im Kampf um gleiche Lebensbedingungen?
© Michael Gottschalk/ ddp

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Missachtete Frauenrechte sind zweifelsfrei ein immer aktuelles Thema, nicht nur am heutigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. In Deutschland wird das Thema in den letzten Jahren insbesondere im Zusammenhang mit Migrantinnen behandelt. Vor allem Migrantinnen aus dem islamischen Raum gelten als besonders benachteiligt und schutzbedürftig.
Bei wenigen Themen wird die politische Debatte so einhellig durch alle politischen Lager hinweg geführt wie beim Thema "unterdrückte muslimische Frauen". Eines scheint unbestritten: Es muss Entwicklungshilfe geleistet werden. Die einen wollen die Migrantinnen schützen, die anderen wollen sie integrieren, und alle wollen ihnen Deutsch beibringen.
Gemeinsam ist diesem eurozentristischen Blick, dass er die orientalische Frau zum Opfer erklärt: Sie ist passiv den Dominanzansprüchen des Mannes ausgeliefert, steht in seinem Schatten und führt ein fremdbestimmtes Leben.

Deniz Baspinar schreibt über Deutschland und Deutsche mit und ohne Hintergrund; lesen Sie hier mehr aus der Serie Kölümne
Die Wortführerinnen der Debatte um Zwangsheirat, Ehrenmorde und häusliche Gewalt wie die Soziologin Necla Kelek und die Anwältin Seyran Ates bedienen bereitwillig diese Sichtweise. Ebenso profitieren ganze Berufsgruppen vom Bild der hilfsbedürftigen Migrantin: Sozialarbeiter, Psychologen, Autoren, politische Funktionäre.
Mit welchen haarsträubenden argumentativen Konstruktionen Frauen dabei zu Opfern erklärt werden, zeigt folgendes Beispiel. Necla Kelek erklärt, sozusagen nebenbei, alle Formen von arrangierten Ehen zu Zwangsehen. Nun sind arrangierte Ehen eine weit verbreitete Form der Heiratsvermittlung, nicht nur im islamischen Raum, sondern auch in Asien, in Lateinamerika und sogar im christlichen Griechenland.
Das Ganze läuft oft sehr zivilisiert und ohne Zwang ab. Mann und Frau werden einander vorgestellt, es gibt eine Zeit des Kennlernens und beide beteiligten Parteien entscheiden, ob man es zusammen versuchen möchte. Nachgeschaltet wird eine Phase der Verlobung, in der die Beziehung noch gelöst werden kann.
Eine solche Verbindung als Zwangsheirat zu bezeichnen ist nicht nur objektiv falsch, sie entmündigt einfach die beteiligten Frauen nach dem Motto: Du bist zwangsverheiratet worden, du weißt es nur nicht. Der Tenor in der Debatte um Frauenrechte für Migrantinnen ist häufig von dieser Haltung geprägt: Nur wenn die Frauen nach westlichen Vorstellungen leben, sind sie vollwertig.
Diese Sichtweise konstatiert ein Groß-Klein-Verhältnis und offenbart nicht zuletzt eine rassistische Logik. Migrantinnen sind tatsächlich vielfältigen sozialen, ökonomischen und rechtlichen Benachteiligungen ausgesetzt. Sie sollten jedoch als Akteure im Kampf um gleiche Lebensbedingungen wahrgenommen werden. Wir sollten ihnen mehr zubilligen als nur die Opferrolle.
- Datum 25.11.2009 - 13:51 Uhr
- Serie Kölümne
- Quelle ZEIT ONLINE
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