Irrwitz der Woche Schweinegrippe gibt es nicht
Unser Autor Mark Spörrle hat den Beweis dafür. Würden wir uns sonst ein solches Gesundheitssystem leisten? Eine unglaubliche Odyssee
Das mit der Schweinegrippe ist von vorne bis hinten erfunden. Die Impfstoffe: Nichts als Placebos. Die angeblichen Opfer: Trauriger Zufall.
"Was für ein Schwachsinn!", schreien Sie nun, "das kann doch nur die irrwitzige Ausgeburt eines an Schweingrippe erkrankten Hirns sein – und gibt es dafür auch nur einen einzigen Beweis?"
Der beste Beweis ist unser Gesundheitssystem. Nicht das System, dessen Kassenbeiträge ständig erhöht werden müssen. Nein, das Gesundheitssystem in einer Großstadt an einem nasskalten Werktag. An dem allerlei Infektionen grassieren können, unter anderem – angeblich – die Schweinegrippe.
Das Szenario: Plötzliches, auf- und abschwankendes Fieber bis zu über 40 Grad bei einer Zweieinhalbjährigen. Schweinegrippenmäßige Panik bei den aufgeklärten, beiderseits berufstätigen Eltern. Kurze Debatte, wer nun schon wieder daheim bleiben, Chefs und Kollegen im Stich lassen muss. Natürlich: Die Mutter verliert.
1. Akt: Anruf der Mutter bei der Kinderärztin ihres Vertrauens. Die Sprechstundenhilfe lässt sich den Begriff "Hausbesuch" zweimal buchstabieren und bricht dann in Hohngelächter aus. Am Ende gestattet sie aber das Vorbeikommen mit jeder Menge Wartezeit. Nach einem Stündchen Krankheitsbad im überfüllten Wartezimmer erscheint sie mit einem alten Ohrthermometer, um – zack! – das angebliche Fieber zu messen: Aha! Lausige 38,6!!! Höchstens!
Ob sie nicht im Po messen könnte, flüstert die Mutter, das sei bekanntermaßen genauer. Die Sprechstundengöttin guckt, als spräche die Mutter von weit Extremerem als diese Charlotte Roche. "Dafür ist nun wirklich keine Zeit!" Am Ende: "Ausnahmsweise." 40, 2 Grad!
Die zwischen fünf Behandlungskammern hin- und herwedelnde Ärztin fände unter diesen Umständen einen kleinen Bluttest doch ganz gut. In Bayern könne das meist die Kinderpraxis erledigen, nicht so im armen Hamburg: "Krankenhaus!", sagt deshalb die Ärztin. Nach zwanzig Sekunden kommt sie wieder, diesmal durch eine andere Tür, begrüßt das Kind und wird sauer, als die Mutter darauf hinweist, dass sie eben schon mal da war.

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den ; .
2. Akt: Großes Krankenhaus von deutschlandweitem Ruf. Die Mutter ruft vorsichtshalber in der Kinderstation an und fragt, ob dort der empfohlene Bluttest gemacht werden könne. "Das werden wir sehen", bellt die oberste Generalstationskrankenschwester ins Telefon. "Was irgendeine Ärztin sagt, spielt für uns keine Rolle. Und bringen Sie Wartezeit mit! Jede Menge Wartezeit! Wir sind knapp besetzt, denn es ist Infektionszeit."
Das Fieber steht mittlerweile bei 40,5 Grad. Die Mutter entscheidet sich für eine andere, auch sehr gute Klinik.
3.Akt: Anderes Krankenhaus. Kinder-Notaufnahme. Die Mutter fragt nach einem Bluttest. "Wenn Sie den selber bezahlen gerne, wir sind doch nicht bei Daimler!", sagt die Schwester. Die Mutter lacht, sie denkt, das ist ein Scherz. Doch die Schwester zückt ein Ohrthermometer. Außerdem, das sagt ihr Blick eindeutig, weiß sie, dass Mutter und Kind Simulanten sind. Klinikhopper, denen es perverse Befriedigung bereitet, medizinischem Personal die Zeit zu stehlen und medizinisches Gerät unbefugt abzunutzen.
- Datum 13.11.2009 - 11:29 Uhr
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- Serie Irrwitz der Woche
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ein vergnügsamer Artikel der den Nagel auf den Kopf trifft. Klasse!
...bleibt am Ende nur die Frage, was der wirklich nette Kinderarzt bei der Schweinegrippe mit Antibiotika wollte.
Na ja, aber die Diagnose war ja eh nicht gesichert und so vorsichtshalber kann man ja immer mal...
Schön zu lesen war der Artikel aber allemal!
Danke.
Bitte Datum, Name, Adresse der Beteiligten Institutionen - denn dies ist wirklich eine Sauerei (sorry Redaktion: das ist einfach eine begründete Tatsachenbewertung) . Wozu bei solchen Zuständen Millionen in die Impfung gesteckt werden, ist mir unverständlich.
Den beteiligten Ärzten ist kaum ein Vorwurf zu machen: wahrscheinlich sind sie zwischen Mangel an Mitteln und Ansturm der Patienten einfach überfordert.
Hamburg ist auch gar nicht so arm - gibt sein Geld nur lieber für die Förderung lukrativer Immobilienoperationen aus.
Vorschlag: damit es _ein_ vernünftig ausgestattetes Krankenhaus mit gutem Service gibt, ein "Hafencity-Hospital Inc." an besagter Stelle gründen. Dann werden die Millionen schon fließen ...
Antibiotika werden in solchen Fällen öfter verschrieben, um zusätzliche bakterielle Infektionen zu verhindern.
Der Artikel ist schlecht, aber es ist sehr gut, dass es diesen Artikel gibt ! Zusammen mit Kommentar 4 von dbddhkp! Schließlich gibt es sehr viele ZEIT-Leser, die daraus etwas lernen können.
Merke, lieber Leser: Ärztliches Personal sagt Ihnen nie, dass Sie viel zu hysterisch auf ein Krankheitsanzeichen reagieren! Es ist einfach nur zufällig keine Ausrüstung für Bluttests in der Praxis. Klinikpersonal hat es da schwerer! Es sucht seine Chance im Themenwechsel und redet plötzlich von selbst zu zahlenden Kosten, wo man doch so aufgeregt ist. Das Personal besteht aus Menschen, die im Rahmen ihrer Überzeugungs-Möglichkeiten alles tun, um Sie von Ihrer Hysterie herunterzubringen. Ihre Geschichte bestätigt, dass es sich nachweislich viel Mühe gemacht hat, das muss man anerkennen, auch Sie sollten das, Herr Spörrle! Es kann Sie/Ihre Frau ja nicht offen zum Psychotherapeuten empfehlen.
Ihrer Tochter wünsche ich baldige Genesung und schließe mich Kommentar 4 an mit den Worten: "So hysterisch kann man sich doch gar nicht gerieren!"
..einem täglichen Kommentar Ihrerseits zu Ihrem eigenen Artikel, mit Berichten zum Krankheitsverlauf Ihrer Tochter, - mit oder ohne Bluttest? Auch das wäre für viele Leser hilfreich!
Nach diesem Kommentar 5 verschwand der Spörrle-Artikel blitzschnell von der Hauptseite von ZEIT-online.
Ich habs schon immer gewusst! Gerade jetzt, wo es unaufhaltsam wieder auf Weihnachten zugeht: Immer zur Advendts- respektive Weihnachtszeit holen Hardcore-Besinnliche sogenannte Weihnachts-Krippen vom Speicher oder ersatzweise auch vom Schlafzimmerschrank herunter. In einer sonst dem Osterhasen oder dem Goldhamster vorbehaltenen Ecke des Living Rooms wird diese Krippe vor aller Augen aufgestellt. Darin tummeln sich meines Wissens Maria und Josef, das Jesuskind, 3 heilige Könige und jede Menge Schafe. Vielleicht noch ein deutscher Schäferhund (wegen der Treue) – aber Schweine? Hat irgendwer an diesem Ort jemals auch nur ein Schwein gesehen? Nee! Und das ist der Beweis: Es kann gar keine Schweine-Krippe oder (durch Lautverschiebung bzw. neuhochdeutsch) Schweine-"Grippe" geben.
Wir wollten eigentlich nur vom Arzt wissen, wie wir jetzt mit der Grippe umgehen sollen, weil ja genug von Test (z. Nachweis), Meldepflicht, chronisch Kranken, gut auskurieren etc. zu hören war. Auch die Umgebung möchte man richtig informieren und niemanden böswillig anstecken.
Es war schwierig einen Arzttermin zu bekommen, das "Infektionszimmer"
nahezu permanent ausgebucht, wir haben es aber doch geschafft. Mein Jüngster hat stellvertretend für die noch folgenden 4 Geschwister einen
Generalvortrag zum Thema Schweinegrippe bekommen, allgemeine Beruhigung, da zumeist milder Verlauf, 1 Woche zu Hause bleiben und
Fieber kontrollieren, falls nach dem Rückgang der Temperatur ein zweiter Anstieg eine neue Infektion anzeigt (dann fix zum Arzt).
So leben wir mit der alten Weisheit: Eine Grippe dauert mit ärztlicher Behandlung 14 Tage, ohne Arzt 2 Wochen - auch bei der Schweinegrippe.
Aber man ist natürlich verunsichert, so habe ich noch nie über Grippe nachgedacht, wie dieses Jahr.
Mir hat der Artikel sehr gut gefallen, man geht mit einer festen Vorstellung von Versorgung in die Praxis und erlebt dann die Läuterung: keinen Test, (Impfung hat sich eh erledigt), Fieber ist halt normal in der Situation, "Entschuldigung, aber Tamiflu kommt hier nicht zum Einsatz (nur für schwere Fälle u. wirkt sowieso nicht so richtig)", als Dankeschön für den Besuch praktisch eine Packung Antibiotika u. evtl. Paracetamol (selbst kaufen).
So ist das Leben...
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