Besonders kurz vor Trennungen schlagen auch Frauen manchmal zu

Es war von Anbeginn eine schwierige Partnerschaft, sagt Dietmar Gettner. Als dann vor 18 Jahren sein Sohn geboren wurde, glich die Zweckgemeinschaft mit seiner Frau einer brennenden Zündschnur: Dietmar Gettner erzählt von Schlägen und Misshandlungen, mit denen seine Lebensgefährtin ihn tyrannisierte. Sie nannte ihn einen Idioten und demütigte ihn vor Freunden und dem Kind. Der inzwischen 65-Jährige schildert, wie sie ihm seine Finger brutal umknickte, während er schlief. Zurückzuschlagen sei für ihn nie in Frage gekommen. Sollte er, der körperlich Größere und Stärkere, eine Frau schlagen?

Als der Sohn gerade ein Jahr alt war, kam es zur Trennung. Seitdem hat Dietmar Gettner sein Kind kaum gesehen und keinen Kontakt mehr zu der Mutter. Gerichtsverfahren gegen sie habe er alle verloren, sagt er. "Wer glaubt schon einem Mann, der erzählt, dass seine Frau ihn schlage?" In dieser Zeit lernte er Horst Schmeil kennen, einen ehemaligen Polizisten, der inzwischen als Diplom-Pädagoge für den Verein "Väteraufbruch" arbeitete und Gettner beriet.

Heute betreiben die beiden Rentner gemeinsam im Brandenburgischen Ketzin, einem Ort mit 6440 Einwohnern, Deutschlands einziges "Männerhaus". Das Gebäude, ein uriger, stillgelegter Gasthof, wirkt wie aus einem Freitagsfilm in der ARD. Pferde stehen auf der Wiese, ein Hund bewacht das Gelände, der Bus hält nur alle paar Stunden in der Nähe des "Gewaltschutzhauses", wie sie es nennen. Hierhin kommen die Männer, die Angst haben vor Frauen, die sie kennen und lieben oder einst liebten.

Der Soziologe Gerhard Amend vom Institut für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen hat sich die Lebenssituation geschiedener Väter angeschaut. Er hat in seiner Befragung festgestellt, dass Handgreiflichkeiten zwischen Männern und Frauen besonders oft von Frauen ausgehen, wenn eine Trennung ansteht. Während sich Männer auf ihre Körperkraft verlassen, greifen Frauen eher zu Gegenständen oder schütten ihrem Partner auch mal heißen Kaffee ins Gesicht. 2004 wurde vom Bundesfamilienministerium die Pilotstudie Gewalt gegen Männer veröffentlicht: Elf Prozent der befragten Männer gaben an, dass sie von ihrer Partnerin körperlich angegriffen wurden.



In Ketzin gibt es für acht Betroffene Platz, sie können auch ihre Kinder mitbringen. Besonders voll ist es im Männerhaus bisher allerdings nicht. Entweder ist der Bedarf doch nicht so groß oder der Zufluchtsort hat sich einfach noch nicht herumgesprochen. Man ist auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Im Haus wirkt alles noch etwas provisorisch, von den Wänden bröckelt die Farbe, es baumeln nackte Glühbirnen von der Decke, ein orangefarbener Rettungsring hängt an der Wand im Flur. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, eine Küche ist noch in Planung. Erst seit November 2008 befindet sich der Zufluchtsort in Brandenburg , vorher war es in Berlin-Spandau.

Dort wurde das Männerhaus im Jahr 1995 von Horst Schmeil gegründet. Schmeil wurde damals von seiner dritten Ehefrau verlassen und sie nahm die zwei Kinder mit. "Sie hat nichts ausgelassen, um mich klein zu kriegen", sagt er immer noch verbittert. Was das genau bedeute? "Dazu darf ich aus rechtlichen Gründen nichts sagen", antwortet der 67-Jährige. Aber seitdem fühle er sich Männern, denen Ungerechtigkeit widerfahre, im Herzen verbunden. Deshalb machte er, als seine Frau ausgezogen war, sein Reihenhaus zum "Gewaltschutzhaus". Das obere Stockwerk bewohnte er, die drei darunterliegenden Zimmer standen für bis zu acht Männer offen.

Wer in Not ist, kann heute in Ketzin anrufen und wird von einem der beiden Rentner abgeholt. Anders als in Frauenhäusern ist die Anschrift nicht anonym, Frauen dürfen hinein. "Die Gemeinschaft ist ein gut funktionierender Schutz", so Schmeil. Die Betroffenen, vom Arbeiter bis zum Akademiker, können so lange bleiben, wie sie wollen. Schmeil erzählt von Männern, die von ihren Partnerinnen gedemütigt, verprügelt oder fast ermordet wurden. Er erzählt von einem Mann, der die ganze Nacht mit der Bahn fuhr, weil er sich nicht in die gemeinsame Wohnung traute.

"Wenn eine Frau einen Mann ohrfeigt, wird es nicht als so schwerwiegend empfunden, als wenn der Mann austeilt. Der wird sofort strafrechtlich verfolgt", kritisiert Schmeil das Dilemma häuslicher Gewalt aus seiner Sicht. Er ließ sich schließlich auch noch als Verfahrenspfleger ausbilden und vertritt Väter, die sich keinen teuren Anwalt leisten konnten. Für sie streitet er vor Gericht und in der Öffentlichkeit.



Während Gewalt gegen Frauen ein viel beachtetes Thema ist, führen Männer, die zu Opfern werden, in der Regel ein Schattendasein. Die meisten trauen sich nicht, darüber zu reden. Im Jahr 2000 antwortete die damalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann ( SPD ) auf die Frage, ob sie ein Männerhaus plane: "Nein, ich denke, dass ist nicht nötig. Wenn Männer keine Gewalt anwenden, brauchen sie auch keine Zufluchtsorte." Fragt man heute im Bundesfamilienministerium nach, heißt es: "Das Thema häusliche Gewalt gegen Männer ist keines, das in unserem Hause prioritär bearbeitet wird."