Wir wissen es seit Jahren, und langsam wird es langweilig. Alle Jahre wieder warnen die Verbraucherschützer kurz vor Weihnachten vor Chemikalien auf dem Gabentisch: Das bunt gefärbte Spielzeug aus Gummi made in Asia enthält häufig Weichmacher. Diese "polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe" gelten als krebserregend und können möglicherweise das Erbgut schädigen.

Aber so schlimm kann es ja nicht sein, denken wir – schließlich gelangt das Teufelszeug immer noch in die deutschen Geschäfte. Es gibt seit einem Jahr auch eine EU-Richtlinie, die Grenzwerte festlegt. Doch die sind so lax, dass die Hersteller keinen Grund haben, auf ihre billigen Weichmacher zu verzichten, obwohl die Stoffe sich weitgehend durch weniger schädliche Chemikalien ersetzen ließen.

Das Gift gelangt spielend leicht in den empfindlichen Körper, wenn ein Kind das macht, was es am liebsten tut: spielen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rechnet vor, dass ein Sechsjähriger in seinem Leben mehr als 15.000 Stunden gespielt hat. Deshalb müssten die Richtlinien für alle Spielsachen so streng sein wie für Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. Nicht der Gehalt der Chemikalie im Produkt sollte der relevante Messwert sein, sondern das, was davon freigesetzt wird (Migrationswert). Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner sagt: "Die EU-Spielzeugrichtlinie muss dringend nachgebessert werden."

Das BfR empfiehlt ganz pragmatisch für dieses Weihnachten: Verbraucher sollten auf das Gütesiegel "GS -geprüfte Sicherheit" achten. Auch der TÜV verbreitet rechtzeitig zum Fest: "Besser nur ein gutes als mehrere billige Spielzeuge kaufen." Schließlich wiesen vor allem Billigprodukte hohe Schadstoffwerte auf. Das Gütesiegel legt strengere Maßstäbe an als die EU-Grenzwerte. Aber das Prüfverfahren ist teuer und für die Hersteller freiwillig.

Das ist der eigentliche Skandal. Denn gut situierte Eltern überlegen sowieso, ob die Weihnachtspuppe eher nur 50 oder doch 100 Euro kosten darf. Sie können nebenbei auch mal nach dem Siegel Ausschau halten, um ihre Entscheidung zu bekräftigen. Die allein erziehende Hartz-IV-Mutter mit drei Kindern kann sich das Qualitätsprodukt häufig nicht leisten. Sie kauft eine Puppe, die der Markenpuppe täuschend ähnelt – für 6,50 Euro. Siegel hin oder her. Das Gift, das sieht man nicht und am Geruch erkennt man es nur manchmal. Und, ach ja: Es gibt doch eine EU-Richtlinie.

Arme Kinder ernähren sich oft schlechter als die aus wohlhabenderem Hause. Sie sind dicker und kränker als der Durchschnitt. Ihnen wird weniger vorgelesen, sie haben seltener Klavierunterricht oder Nachhilfe. Sie sind übrigens im Durchschnitt schon als Babys gestresster und schwieriger als die Kinder reicherer Eltern, hat gerade eine neue Studie herausgefunden. Müssen sie sich denn auch noch einem höheren Risiko aussetzen, vielleicht eines Tages an Krebs zu erkranken?

Solange die EU nicht nachbessert, sollte Deutschland schnell alleine handeln und die schädlichen Spielsachen vom Markt nehmen.